Mein »Wer wird Millionär?«-Tagebuch

1. Dienstag, Herbst 2002:
Mein Handy klingelt. Angezeigt wird eine mir unbekannte Nummer, irgendwas mit 022 – also irgendwo bei Köln. Die Dame meldet sich so schnell, daß ich erst mal eine Telefonterroristin von einer Versicherungsdrückerkolonne vermute. Ob ich Martin Arz sei, ob ich selbst bei »Wer wird Millionär?« angerufen hätte oder ob jemand für mich dort angerufen hätte.
Ich stocke, die Gute hat mich wie ein Schnellzug zugetextet und erst verzögert raffe ich, daß man
mich endlich erhört hat! JA!
Klar schaue ich seit Jahren Günther Jauch beim Fragen stellen zu. Klar sitze ich fett und bräsig auf dem Sofa und schreie besserwissend den strohdummen Hirnis, die nicht einmal die einfachsten Fragen beantworten können, die richtige Lösung schon zu, noch bevor Günther die vier Antwortmöglichkeiten nennt. Mein besonderer Sofa-Triumph: Jene 500.000 Mark-Frage, wer  als einzige/r jemals in einem Hitchcock-Film mitgespielt hat: Marilyn Monroe, Yves Montand, Shirley McLane und noch ein vierter, den ich vergessen habe. Jauchs Kandidat scheitert kläglich, er tippt auf die Monroe, wie auch Günther, der (glaubhaft) vorgibt, die Antwort nicht zu kennen. Ob der Kandidat sich dann auf die Monroe festlegte und damit auf den Trostpreis zurückfiel, oder doch ausstieg und seine 250.000 gekrallt hat, weiß ich nicht mehr genau, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt, auf der Couch herumzutoben und mir die Kehle blutig zu brüllen: »Na, die Dings, du Knalltüte! Wenn man nicht mal diese Frage beantworten kann, hat man in der Sendung nichts zu suchen! Die Dings in diesem Film mit der Leiche!!!« Präzise Angaben zu einem Hitchcock-Film, in denen in der Regel mindestens eine Leiche und mindestens eine Dings dabei ist. Ich meinte natürlich nicht die Monroe sondern Shirley McLane in »Immer Ärger mit Harry!« und wenn ich da im Studio gewesen wäre, hätte ich es auch genauso artikuliert und ich wäre reich gewesen.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, daß ich da auf diesen Stuhl gehöre. Also rief ich einmal an. Kandidatenhotline 0190-523523. Beantwortete brav die Frage nach der Hauptstadt der Niederlande, indem ich auf die richtige Ziffer meiner Telefontastatur drückte, hinterließ Namen und Rufnummer und wartete auf den Rückruf. Und wartete und wartete.
Irgendwann gelangte ich dann zu der Überzeugung, daß man vielleicht mehrfach anrufen muß, wenn man wirklich dabei sein will. Fordere den Zufallsgenerator heraus und beballere ihn mit deinen Antworten. Also begann ich, Endemol die Sendung zu finanzieren, indem ich täglich einmal anrief. Monatelang. Ich beantwortete tapfer Fragen nach dem französischen Präsidenten (mehrfach), und der holländischen Hauptstadt (ja, das war zigfach gefragt). Und wartete und wartete. Und ich registrierte, daß die Begrüßungs-Hinhalterei, bislang von einem sympathisch-kuschelig klingenden Menschen gesäuselt, nun von einen pseudodynamisch quäkenden Kollegen gebellt wurde.
Dann kam die Sommerpause und die erste Sendung der neuen Staffel am 9.9. Eher lustlos rufe ich an, beantworte die Frage, was man unter Landjägern versteht (Rotwurstpaare) und registriere, daß schon wieder der Sprecher der Begrüßungssequenz ausgetauscht wurde. Der Neue klingt noch dynamischer aber keinen Deut sympathischer. Abends bei Jauch sehe ich dann Kandidaten an Prêt-à-Porter und dem Erlkönig und dem Nullmeridian scheitern. Immerhin weiß ich auch, daß der sogenannte Panamahut aus Ecuador stammt. Ha! Selber schuld, wenn die mich nicht auswählen.
Selber schuld, bis an jenem Dienstag mein Handy klingelt und ich ausgewählt bin. Endlich! Die freundliche Dame will sich ein wenig mit mir unterhalten, ein paar Fragen stellen, davon hängt dann ab, ob ich vielleicht tatsächlich in die Sendung komme. Alles klar. Ich bin bereit - mein Handy-Akku ist es allerdings nicht. Noch in der Früh auf der Fahrt ins Büro habe ich mir überlegt, ob ich das fast leere Handy via Zigarettenanzünderkabel aufladen sollte. Hatte mich aber dagegen entschieden - für die zwei SMS pro Tag würde es schon noch reichen. Aber nicht für die Fragen, die mir Millionen bringen würden!
»Rufen Sie mich bitte auf dem Festnetz an!«, rufe ich panisch.
»Ja gerne«, säuselt die Dame. »Sagen Sie mir die Nummer?!«
»Nullachtneun ...«, beginne ich. Pieppieppiep. Akku leer, Handy schaltet sich ab. Mausetot. Meine Million futsch. Ich kriege Schlaganfall, Krätze und Tobsucht gleichzeitig. Darauf, daß mein Nokia ein Nullachtfuffzehnmodell ist und jeder zweite Kollege im Büro ein Ladegerät dazu dabei hat, komme ich im Delirium Tremens nicht. Hetze zum Parkplatz (natürlich pißt es genau jetzt), starte den Motor und bastle mit zitternden Fingern das Handy an das Adapterkabel. Zwei Anrufe in Abwesenheit. Ich bekomme Herzflattern. Dreimal haben sie es probiert - die rufen nicht noch mal an. Scheißescheißescheiße. Dann fällt mir ein, daß die Nummer der angenommenen Anrufe ja angezeigt wird. Also zurück mit minimal aufgeladenem Handy. Wähle die Nummer in Nordrhein-Westfalen. Besetzt. Wo ich doch weiß, daß Klinophobie Angst vor Betten bedeutet!!
Noch während ich vor Wut in den Hörer beiße, klingelt mein Handy. Es ist tatsächlich noch einmal die freundliche Endemol-Dame. Ich bussle den Hörer ab, lasse sie nicht zu Wort kommen, sondern plärre ihr meine Festnetznummer durch. Als Freiberufler weiß man ja nie, wo man gerade zu erreichen ist und daß ich ausgerechnet dann ausgewählt werde, wenn ich in einer Agentur einen Grafik-Job mache, kann ja niemand ahnen.
Ich muß meine Kolleginnen aus dem Zimmer schicken. Darauf besteht die freundliche Dame. Obwohl ich ihnen nicht sage, warum ich allein telefonieren muß, gehen meine Kolleginnen raus. Ihre Blicke sagen: Wir wissen doch eh, daß du nun mit deinem Urologen wegen dieser hartnäckigen Untenrum-Kiste telefonieren mußt, perverses Schwein. Sollen sie denken, was sie wollen, ich werde Millionär. Ätsch.
Ich beantworte Fragen ganz ohne Abehcehdeh zu meiner Person, zu meinen Hobbys und Wünschen und dann noch wie die einzige weibliche Schachfigur heißt (Dame), wer den NDW-Hit »Hurra die Schule brennt« sang (Extrabreit), wie Konstantinopel heute heißt (Istanbul), wer Kultusminister ist (Rieda-Nümmelin, äh, Nida-Rümelin, oder so halt! Julian jedenfalls.), und dann noch wie lange der Ohio von der Quelle bis zur Mündung in den Mississippi ist (ich weiß ja viel, aber das beim besten Willen nicht, also schätze ich frech und völlig falsch 300 Kilometer). Wir plauschen noch ein wenig, dann weist mich die freundliche Endemol-Dame darauf hin, daß ich in den nächsten Tagen damit rechnen könnte (eventuell und vielleicht und möglicherweise) den entscheidenden Anruf zu bekommen. Dann wäre ich definitiv in der Sendung. Aufzeichnung schon am Dienstag in einer Woche. Wenn sie sich bis Freitag nicht melden würde, sollte ich mir allerdings keine Hoffnung mehr machen.
Ich mache mir Hoffnungen, und wie. Ich bin so aufgeregt, daß ich den Kolleginnen, die nun wieder mißtrauisch ins Büro kommen (hat die eine nicht ein Sagrotanfläschchen sprühbereit auf mich gerichtet?), von meinem bevorstehendem Reichtum berichte. Sie sind gebührend beeindruckt. Sofort weiter beeindrucken und C. anrufen.
C. ist ganz aus dem Häuschen und fährt natürlich mit, wenn der Glücksfall eintreten sollte. Ich schwebe auf Wolke sieben (okay, ab und an kommt die Wolke siebeneinhalb, die davon kündet, daß ich bis Freitag nicht zurückgerufen werde).
Immerhin weiß ich so exotische Sachen, daß der Freitag seinen Namen von der altgermanischen Götting Freya hat.

1. Mittwoch, Herbst 2002:
Ruf zurück! Rufzurückrufzurückrufzurückrufzurück. Handy-Akku ist bis zum Bersten aufgeladen. Es klingelt, Nordrhein-Westfalen im Display. Ich bin drin!
»Sie sind drin!« Die Endemol-Dame freut sich routiniert mit mir. Jetzt geht's ans Eingemachte. Fragen über Fragen, man muß Günther ja ein interessantes Redaktionskärtchen zu meiner Person liefern. Wie viele Sprachen ich spreche, was ich so lese und im TV glotze und im Kino sehe und für Musik höre und sammle und wegwerfe und ob ich Fernseherfahrung hätte. Es gibt viel zu besprechen und zu klären. Fix ist nur, daß ich am nächsten Dienstag ab 21.45 Uhr der Aufzeichnung in Köln beiwohnen soll. Die 21 Seiten Infomaterial schickt sie mir lieber gleich mal per elektronischer Post zu.
Okay, nun ruhig durchatmen. Und so schnell als möglich meine Telefonjoker zusammentrommeln. Aber erst Anruf bei C., daß wir drin sind, dann E-Mail an A., denn A. war schon bei allen Planspielen mein Top-Telefonjoker! Weiß viel Klassisches und Neumodisches, kennt aktuelle Filme und Chartmusik, ist dank Theologiestudium bibelfest und exotischerweise Sportschau-gestählt. A. antwortet sofort, hat schließlich einen Kollegen, der schon mal 64.000 Euro bei Jauch abgezockt hat. Klar ist A. dabei. Nur könnte es sein, daß arbeitstechnisch was dazwischen kommt. Aber: ziemlich unwahrscheinlich.
Okay, also L. als Ersatzkandidaten für A. anticken. Für alle Eventualitäten. L. wollte schließlich mal mit mir zu Jörg Pilawa. Nun betont L. aber, daß er sich außer bei Fragen zu deutschem Schlager und Abba jedweden Anruf verbittet. Macht nichts. Ich habe noch P. als Allzweckwaffe in petto: Literatur, Klassische Musik, Biologie, Chemie, Griechisch, Latein, Medizin, Politik und was noch nicht alles in einer Person abgedeckt.
Günther, ich komme!
Handy klingelt, wieder Nordrhein-Westfalen. »Da ist uns ein kleiner Fehler unterlaufen«, säuselt die freundliche Endemol-Dame. Mein Herz rutscht in die Hose. Fehler? Na klasse. Fehler! Alles umsonst. »Sie sind am nächsten Dienstag als Ersatzkandidat eingeplant, falls jemand ausfällt.« Prima, ich bin nur Ersatz. Verzichte dankend. »Wenn Sie da nicht drankommen, sind Sie auf jeden Fall am Dienstag drauf dabei!« Ach, so! Man will mich zweimal. Klar, wen sonst! Also zweimal nach Köln.
C. kotzt im Dreieck, weil das bedeutet möglicherweise zweimal Urlaub nehmen. Gerade jetzt, wo so viel Streß in der Arbeit ist. Und weil wir Dienstag in Köln übernachten müssen, ist auch noch der Mittwoch ein verlorener Tag. »Die wissen doch schon um 20.00 Uhr, ob sie einen Ersatzkandidaten brauchen, oder? Dann können wir doch mit einem Nachtzug zurückfahren und ich muß nur einen Tag frei nehmen.« C. zickt ernsthaft. Danke für die tolle Unterstützung! Ich muß mehrfach auf den zu erwartenden Euro-Regen hinweisen, bis C. kostbare Urlaubstage opfert.
Abends schleichen sich dann doch Panikattacken ein. Was, wenn die Halsbrecher-Fragen kommen? Jene Stolpersteine, die kein Mensch beantworten kann, und die in schöner Regelmäßigkeit im niederen Euro-Bereich auftauchen? Fiesheiten wie: »Von welchem Verein ist Klaus Topmöller zur Zeit Trainer?« für 1000 Euro (Äh, ist in China ein Fahrrad umgefallen?), oder »Wo siegte Rubens Barrichello 1999?« für 500 Euro (Rubens Wer? 1999? Rubens ist doch schon seit ein paar Äonen mausetot ...). So was wäre der blanke Horror, zumal mich A. abends aus den Millionenträumen reißt. A. wüßte alles über Topmöller und noch lebende Rubense, doch genau an diesem Dienstag wird wohl ein wichtiger Kunde seine Insolvenz bekannt geben und dann wäre die Kacke am Dampfen und A. müßte eventuell bis spät in die Nacht die Medien in Zaum halten. Also nix Telefonjoker für den Ersatzkandidaten. Scheiße. Schnell einen Notnagel aus dem Hut zaubern (Merke: Wer nicht drei Telefonjoker benennen kann, muß mit Disqualifikation rechnen!). Aber es ist nach halb zwölf nachts, schlechte Zeit für Notnägel.
Das heutige Ruanda war mal deutsche Kolonie. C. bezeichnet so was immer als nutzloses Wissen. Ha! Mir wird es zu einem Leben in Saus und Braus verhelfen!

1. Donnerstag, Herbst 2002:
An diesem Morgen wird S. erst per SMS, dann per Telefon auf die kommende Aufgabe als Telefonjoker vorbereitet. »Wieso ich?«, gibt S. mit Recht zu bedenken und kokettiert platt: »Ich kann doch nicht mal bis drei zählen.« Stimmt, aber sonst fällt mir niemand mehr ein, verdammt noch mal, der am Dienstagabend Zeit hat.
Gut, alle Telefonjoker beisammen, die entsprechenden Unterlagen werden ausgefüllt und nach Köln gemailt. Jetzt hilft nur noch warten. Sollte ich die verbleibenden Tage nutzen, und den Brockhaus auswendig lernen? Oder rund um die Uhr fernschauen? Ist es nutzloses Wissen, daß Ohrenschmalz ein natürliches und hochwirksames Insektizid enthält? Ich hoffe nicht.

1. Freitag, Herbst 2002:
Das Herzrasen läßt langsam nach. Alle sind sich hundertprozentig sicher, daß ich auf den Stuhl komme und auch gehörig absahne. »Wer, wenn nicht du?« Jeder der neun anderen natürlich.
Nun gut, dann mach ich noch den Härtetest am Abend: »Wer wird Millionär?«. C. bastelt mir a-, b-, c-, d-Tasten und eine ok-Taste aus Papier, damit ich bei der Auswahlfrage in Echtzeit mitspielen kann. C. stoppt die Zeit. »Ordnen Sie die Dirigenten der Berliner Philharmoniker chronologisch.« Zack, zack, zack, zack, okay. Ich bin vermutlich schneller als der opernsingende Zahnarzt, der die Vorrunde im TV gewinnt, und genauso richtig. Telefon klingelt. Mutter, die sonst so gut wie nie Fernsehen schaut und schon gar keine Quizshows, ist dran und leiert die richtige Reihenfolge runter, bevor Jauch das Ergebnis bekannt gibt. »Hättest du das gewußt?«, fragt sie dann lauernd. Ach, Mutter! Ist der Papst katholisch?
Die Spielrunde selbst halte ich locker mit. Telefon klingelt, es ist S. »Na, haste die Fragen bisher alle richtig?« Ja, habe ich, nervt mich nicht! Und wir sind schon bei der 500.000 Euro-Frage. Dabei ist genau das wieder eines meiner Horror-Szenarien: Ein anderer Kandidat, der vor mir drankommt und dann die ganze Sendung blockiert. Keine weitere Chance für die anderen. Also heißt es: Ich muß die Vorrunde gewinnen. Ganz einfach.
Immerhin weiß ich, daß die größte Heuschrecke der Welt, ein rattengroßes Monster, auf den Poor-Knight-Islands bei Neuseeland lebt.

1. Samstag, Herbst 2002:
Shopping. Ich brauche eine neue Hose und finde keine. Was soll ich denn anziehen, wenn ich landesweit der erste Euro-Millionär werde? Nichts Weißes, nichts Schwarzes, nichts Rotes, nichts Gestreiftes und nichts Kleingemustertes, so die Vorgaben vom Fernsehen. Ein Problem, denn wenn Schwarz ausgeschlossen ist, muß ich nackt ins Studio. C. und ich streifen durch die Stadt, ich probiere fast alles an, was die Klamottenläden in der Kaufingerstraße zu bieten haben. Nicht mal K+L Ruppert lasse ich aus. Nichts. Es gibt in München einfach nichts für mich. Tolle Wurst! Also doch nackt nach Köln, an mir hat's wirklich nicht gelegen.
Abends noch mal Trainingslager mit papierenen a-b-c-d-Tasten. Griechische Inseln der Größe nach sortieren, kein Kandidat hat's richtig - ich schon! Das wäre meine Chance gewesen! C. ist derweil schon mal dabei, Verträge vorzuformulieren, damit ich von meinem Millionengewinn günstige Darlehen gewähren kann. C. hat da eine schnuckelige Eigentumswohnung im Auge und nicht genügend Eigenkapital ...

1. Sonntag, Herbst 2002:
Ich schreibe mein »Wer wird Millionär?«-Tagebuch und richte in Gedanken das 150-Quadratmeter-Loft mit Dachterrasse ein, das ich mir von der Million kaufen werde. Gut, ich habe erfahren, daß dieser Rubens ein Rennfahrer ist und eben irgendwas gewonnen hat. Wertvolles Wissen!

1. Montag, Herbst 2002:
Noch ein Tag bis zu meinem Einsatz als Ersatz. Ich bin die Coolness selbst. Abends zum letzten Mal Trainingslager vor dem Fernseher. Ich versage permanent und rate mich so durch. C. fragt ständig: »Was heißt hier vermutlich?! Weißt du's oder nicht?! Würdest du jetzt a) einen Joker nehmen; b) aussteigen; c) alles riskieren oder d) mir am liebsten eine in die Fresse hauen?!« Ja, was weiß denn ich! Ich hasse hypothetische Planspielchen. Wenn ich auf dem Stuhl sitze, weiß ich, ob ich eine Joker nehme. Vorher nicht. Immerhin weiß ich einiges mehr als C., auch wenn ich nicht so hyperintelligent bin. Denn neulich haben wir bei Günthers großen IQ-Test auf RTL mitgemacht. C. hatte die ersten 40 Fragen ohne Fehler! Und letztlich einen IQ von 133. Hochbegabt! Ich stank mit lächerlichen 119 völlig ab und tröste mich seitdem mit meinem Wissen. Denn C. weiß nicht mal, wer Europas nikotinsüchtigste Monarchin ist. Das war wirklich mal eine WWM-Frage (okay, etwas anders formuliert) und ich konnte noch bevor die 4 Auswahlantworten kamen, mit einem Gähnen der Langeweile »Margarete von Dänemark« sagen, was C. nur ein verächtliches »Müllwissen! Das ist nun wirklich absolutes Müllwissen!« entlockte. Mag sein, aber es bringt unter Umständen ein paar Tausend Euro. Was nützt Intelligenz, wenn man sie nicht nutzt? Eben!
Wir müssen früh ins Bett, weil wir früh raus müssen. Natürlich mache ich kaum ein Auge zu. Der Liebhaber Alexanders des Großen war Hephaistion. Aber das werden sie wohl nicht fragen. Kaum habe ich mal zwei Sekunden Schlaf gefunden, klingelt auch schon die Wecker.

Der Dienstag aller Dienstage (1. Anlauf), Herbst 2002:
Kurz nach fünf aufstehen grenzt an Körperverletzung! Auch langes Duschen weckt mich nicht aus dem Zombiestadium. Es ist noch dunkel, als wir zum Bahnhof zomben und den Sechsuhrsechsundvierziger nach Köln besteigen. Als passionierter Autofahrer gibt es für mich kaum etwas schlimmeres, als Zug fahren. Ausgeliefert sein. Zeit haben. Nicht drängeln, nicht rumschreien und nicht dem verdammten Wichser, der nicht kapiert, wozu eine rechte Spur da ist, sofortigen Führerscheinentzug an den Hals wünschen können. Horror. Bereits in Pasing habe ich hämmernde Kopfschmerzen.
Am Kölner Hauptbahnhof ist der versprochene Abholmensch weit und breit nicht zusehen. Na, prima. Wir stromern ein wenig herum. Praktisch, daß die den Bahnhof direkt in den Dom gebaut haben, da hat das Sightseeing in Nullkommazwei Sekunden beendet. Schließlich stolpern wir doch über einen Jüngling, der ein winziges Zettelchen hochhebt: »RTL Wer wird Millionär?« steht drauf. Na endlich. Außer uns finden sich schnell noch ein Paar aus dem Schwäbischen und zwei resolute Damen aus dem Bayrischen ein. Wir müssen noch auf zwei Frauen aus Berlin warten, dann geht's ab nach Hürth, Studioluft schnuppern.
Das schwäbische Paar, die bayrischen und berlinerischen Damen sind ganz aufgeregt und schnatterig. Nun will ich nicht angeben, aber Fernsehen hinter den Kulissen ist für mich so spannend wie Gemüse schälen. Schließlich habe ich mir jahrelang mein Studium als Kabelhilfe beim Bayerischen Fernsehen finanziert. Ich habe auch mit Günther Jauch »Live aus dem Alabama« sowie die zu recht längst vergessene Spielshow »Sag die Wahrheit« gemacht. Wenn ich auf dem Stuhl bin, werde ich Günther mal auf die alten Zeiten ansprechen ...
Das Studio ist erstaunlich klein. Vor allem die Warteräume für die Kandidaten. Einer für Nichtraucher, der trotzdem müffelt, und einer für Süchtige. Man plauscht ein wenig, stürzt sich wie ausgehungert auf das kalte Büffet (kein Lachs mehr da) und stellt schnell fest, daß man sich mit den anderen Kandidaten wenig zu sagen hat. Einige sind total verbissen, andere wirken völlig fehl am Platze. Es sind Quizshow-Profis dabei, die schon Pilawa und Clerici hinter sich haben. Ich komme mir absolut schlecht vorbereitet vor. C. und alle anderen Begleitpersonen bekommen eine Stadtrundfahrt verpaßt, die sich auf 15 Minuten Dom und anschließendes Kölsch-Saufen in irgendeinem Bräuhaus beschränkt. Die haben's gut!
Unterdessen ist Kandidateneinweisung. Wir müssen unterschreiben, daß wir nichts über die Sendung verraten (scheiße, und was mach ich jetzt mit meinem WWM-Tagebuch?!), bevor die Sendung gesendet wird (ach so, na dann ...). Noch hoffe ich, auf den heißen Stuhl zu kommen, doch spätestens die Garderobiere zerrt mich brutal auf den Boden der Tatsachen zurück: »Es ist erst einmal vorgekommen, daß wir eine Ersatzkandidaten gebraucht haben und das da ist sowieso zu Kleinkariert und das zu Schwarz. Bringense das nächste mal gefälligst andere Klamotten mit.« Klasse, also doch ganz umsonst da. Ersatzkandidaten dürfen als einzige bei der Studioeinweisung nicht schon mal auf dem Stuhl probesitzen und auch keine a-,b-,c-,d-Knöpfchen bei der Testrunde drücken. Sauerei. Meine Laune sinkt auf den Tiefpunkt. Wenigstens das hätte man uns erlauben können. Und was, wenn wir doch gebraucht würden?! »Dann bekommen Ersatzkandidaten eine kurze Sondereinweisung«, erklärt der Einweiser lapidar.
Wenn schon niemand freiwillig einen Herzkasper oder Muffensausen bekommt, wird es Zeit, daß ich mir einen Kandidaten aussuche, den ich die Treppe hinunter stoße. Ich will heute unbedingt dabei sein. Da ist z.B. die nette ältere Dame, die mit uns angeregt plauscht, als wir uns die spärlichen Reste vom schnell geplünderten warmen Büffet einverleiben. Die Dame, Frau U. aus M., könnte doch zu meinen Gunsten auf ihren Auftritt verzichten, denke ich. Allein, ich bringe nicht den Mumm auf, ihr zu sagen: »Passense mal auf, gute Frau, lassen Sie mich statt Ihrer spielen. Sie kommen doch eh nicht dran. Ich bin jung und brauche das Geld!«
An diesem Tag werden drei Shows aufgezeichnet. Der Tag war saulang. Und Nichtdrankommen nervt. Wir gammeln im Aufenthaltsraum und können die Studiovorgänge mitverfolgen. Aufzeichnung Eins ist eher Standard. Ein paar kleinere Gewinne. Aufzeichnung Zwei entpuppt sich als mittlere Katastrophe für die hoffnungsvollen Kandidaten, sie scheitern im Akkord, massenweise fliegen sie mit nur 500 Euro raus. Und tschüß. Dann kommt Aufzeichnung Drei. Ich bin todmüde und insgeheim froh, daß ich um kurz vor Mitternacht nicht mehr die ersten vier Buchstaben des Alphabets in die richtige Reihenfolge bringen muß. Ich beginne ernsthaft, meinen künftigen Sieg in Frage zu stellen. Die Vorrunde wird mir das Genick brechen.
Ganz anders Frau U. aus M., die reizende ältere Dame. Sie hat sich mal eben mit einer Fußball-Frage in der Vorrunde durchgesetzt und zockt locker vor sich hin. Wir schlagen uns johlend die Schenkel blutig, wenn Frau U. nur Piep sagt. Sie ist auf dem besten Weg die erste Euro-Millionärin zu werden. Die Hälfte hat sie schon, als die Sendung zu Ende ist. Sie ist Überhangkandidatin für die nächste Aufzeichnung - meine Aufzeichnung. Gut zu wissen, wer vor mir dran ist.
Endlich im Hotel bleibt nur noch Saufen an der Bar. Es ist wie bei einem Veteranentreffen, man redet sich das Nicht-auf-den Stuhl-gekommen-sein schön und verflucht die hinterhältige Abehcehdeh-Tastatur. C. und ich geben uns die Kanne mit den kölnüblichen Schnapsgläsern Bier. Klinisch tot robben wir mitten in der Nacht schließlich ins a) Klo; b) Zimmer; c) Nirwana; d) Nichts (ausnahmsweise sind hier mal mehrere Antworten möglich).

2. Mittwoch, immer noch Herbst 2002:
Geschlafen wie sein Stein. Schon beim Gedanken an die Zugfahrt bekomme ich wieder hämmernde Kopfschmerzen. Da hilft auch das reichliche Frühstücksbüffet nicht. Frau U. aus M., die vermutlich bald von der Bild als »Jauchs schlaue Oma« bezeichnet werden wird, verabschiedet sich herzlich von mir: »Wenn Sie bei der Aufzeichnung am nächsten Dienstag auch wieder dabei sind, fühle ich mich gleich viel sicherer.« Beruhigend zu wissen, daß ich ihr die Sicherheit geben werde, Millionärin zu werden.
Köln hat an diesem Tag, formulieren wir es mal vorsichtig, einen gewissen Charme, den man als interessant bezeichnen könnte, der jedoch nicht unbedingt zu meinem Wohlbefinden beiträgt. »Nur Hannover ist noch ätzender«, meint C. trocken, nachdem wir durch die Innenstadt getigert sind. Das mit Hannover habe ich schon oft gehört. Ich war noch nie dort und kann nicht beurteilen, ob es da wirklich »total deprimierend« (wie K. meinte), »selbstmordfördernd häßlich« (wie M. mal sagte), oder »einfach grauenhaft« (laut H.) ist. Immerhin ist also Köln besser als Hannover. Das ist doch schon mal was.
Mein Schädel platzt fast im Zug. Ich bin fertig mit der Welt und weiß nicht, ob ich überhaupt noch an WWM teilnehmen will. Mit jedem Kilometer Richtung München steigt die Gewißheit, daß ich versagen werde. Wozu noch etwas wissen? Der Nil ist seit Menschengedenken erst - abehcehdeh - zweimal zugefroren: im 9. und 11. Jahrhundert. So what?! Who cares?!

2. Donnerstag, Herbst 2002:
Jetzt ist es offiziell: C. wird mich nicht am Dienstag aller Dienstage begleiten können, zu viel Arbeit. Wozu noch nach Köln, wenn ich nicht mal die persönliche moralische Unterstützung meines Herzensschatzes haben werde?! Ich geruhe, meine persönliche Mega-Depression zu nehmen. Frustfressen ist angesagt. Unkontrollierte Fressattacken nennt man Bindge-Eating-Störung. Keine Auswahlmöglichkeit! Ach, was nützt mir dieses Wissen?!
C. hat mir zum Trost ein Buch geliehen, das so nützliche Tips enthält wie: Wenn Sie wollen, daß Ihre Träume wahr werden, müssen Sie täglich 15 mal Ihren Wunsch aufschreiben, dann erledigt das Universum alles für Sie. Also schreibe ich: Ich werde kommenden Dienstag auf den WWM-Stuhl kommen und mindestens 64.000 Euro gewinnen. Ich werde ...
Bekomme schon einen Krampf in der Hand!
Die freundliche WWM-Dame hat auch angerufen. Wollte sich nur noch mal erkundigen, ob bei mir alles in Ordnung sei und so. Und ob ich gesund sei. Körperlich schon.

2. Freitag, Herbst 2002:
Kein Auge zugetan. C. wird nicht mit nach Köln kommen! Dafür hat A. nun als Telefonkandidat für den 1. Oktober zugesagt. Immerhin ein Silberstreif am Horizont. »Aber«, klärt A. mich dann auf, »erwarte bloß nicht zuviel! Neulich, bei der Quizshow haben sie gefragt, was Messias bedeutet. Ich hätte Stein und Bein geschworen, daß das der Gekrönte heißt. Dabei ist es der Gesalbte!«
»Wozu haben wir dich dann Theologie studieren lassen?«, ereifere ich mich. »Das mit dem Gesalbten hätte sogar ich gewußt!« Klasse Telefonjoker! Allem Anschein nach werde ich mich also ganz auf mich selbst verlassen müssen. Doch wozu? Ich komm ja eh nicht auf den Stuhl. Der Tag in Köln hat mich total runtergezogen. Es ist sinnlos, weiter von der Million zu träumen.
Der freundliche Terminplaner von Endemol ruft mich wieder an. Er ist dafür zuständig, daß die Kandidaten rechtzeitig im Studio sind. Schon vergangenen Dienstag mußten wir zu nachtschlafender Zeit mit dem Zug fahren. Nun verlangt er, daß ich noch eine Stunde früher losfahre, irgendwann kurz nach Mitternacht, gegen 5 Uhr. Ich streike. Er läßt nicht mit sich diskutieren. Am kommenden Dienstag bin ich in der ersten Aufzeichnung, und deshalb muß ich schon um 5 mit dem Zug fahren. Punkt. Was bleibt mir anderes übrig, als nachzugeben? Merke: In Zukunft erst wieder bei WWM bewerben, wenn du irgendwo in der Nähe von Köln wohnst. Apropos: Die Heiligen Drei Könige, deren Gebeine angeblich im Kölner Dom chillen, wurden von der katholischen Kirche nie heilig gesprochen (ganz zu schweigen davon, daß die in der Bibel nicht als Könige sondern als Magier geführt werden und von der Zahl 3 nirgendwo die Rede ist). Das sollten sie mich mal fragen!
Prompt ist am Abend bei WWM die Frage, was Christus bedeutet. Jawohl, man ahnt es bereits: das gleiche wie Messias - der Gesalbte. Nur wäre ich eh nicht auf den Stuhl gekommen, weil ich bei der Auswahlfrage (Ordnen Sie diese Modeschöpfer dem Alter nach) Vivienne Westwood gnadenlos älter gemacht hätte als Giorgio Armani. Es wird Zeit, daß ich mein Abecehdeh reaktiviere.
Das Ratgeber-Buch von C. rät zu Maßlosigkeit, also schreibe ich nun: Ich werde am Dienstag auf den WWM-Stuhl kommen und mindestens 500.000 Euro gewinnen. Ich werde ...

2. Samstag, Herbst 2002:
Wiesn-Beginn und »Ozapft is'«! Schon gut, ich weiß, daß die Wiesn auf die Hochzeitsfeierlichkeiten vom 12. Oktober 1810 zurückgeht, als Kronprinz Ludwig von Bayern eine gewisse Therese von Sachsen-Hildburghausen ehelichte. Wenn das mal die Million-Euro-Frage wäre! Egal, alles relativiert sich, je länger Köln hinter mir liegt, noch hat sich die Aufregung, weil Köln auch wieder vor mir liegt, nicht wieder eingestellt. Habe endlich eine neue Hose gefunden. Das ist, was wirklich zählt!
C. wirft eine interessante Frage auf, die mir bei WWM das Genick brechen könnte: Woher kommt eigentlich das Dollarzeichen, also dieses S mit den zwei senkrechten Strichen? Keine Ahnung! Wehe Günther fragt mich so was!
Außerdem ist nun Schluß mit der falschen Bescheidenheit. Ich schreibe unzählige Male: Ich werde am Dienstag bei WWM 1 Millionen Euro gewinnen! Da gibt es keine Wenns und Abers mehr. Wollen wir doch mal den kosmischen Lieferservice herausfordern!

2. Sonntag, Herbst 2002:
Kloputzen hat so was unheimlich meditatives. Die Ruhe kann ich gebrauchen angesichts des Wespenstichs, den ich mir heute mittag auf dem Balkon sitzend eingefangen habe. Wenn nun bei WWM die Frage kommt, wieviel Gift die Durchschnittswespe pro Stich in den menschlichen Körper jagt, bin ich aufgeschmissen. Das Miststück hat mich mitten in den rechten Fußknöchel gestochen. Es juckt wie Sau.
Und ich schreibe unzählige Male: Ich werde am Dienstag bei WWM 1 Millionen Euro gewinnen ...

2. Montag, Herbst 2002:
Alles ist und wird gut. WWM - ich komme. Jetzt glotze ich keine Sendung mehr, denn erstens habe ich die Aufzeichnungen der momentan laufenden Runden bereits gesehen und zweitens will ich mich nicht mit unnötigem Wissensbalast zumüllen. Ab und an mal bei Clerici reinzappen ist okay. Das hält frisch und manchmal kommen bei WWM ganz ähnliche Fragen. Also passe ich auf und lerne, welches Säugetier als einziges nicht runde sondern ovale rote Blutkörperchen hat (das Kamel). Clericis Kandidat scheitert grandios. Wer nix weiß, fliegt halt raus. Geht's mir morgen so? Bibber. Den Berlin-Marathon 2002 hat Frau Takahashi aus Japan gewonnen. Puh, das weiß ich also noch. Ebenso, daß der Pilz des Jahres 2003 der Papageigrüne Saftling ist. Bin ich wirklich fit genug? Meine Stimmung ändert  sich sekündlich. Plötzliches Muffensausen. Ich dachte, ich könnte ihm entkommen. Also schreibe ich zur Beruhigung zigfach: Ich werde am morgen bei WWM 1 Millionen Euro gewinnen ... Scheiße, ich muß mich ja noch rasieren!

Der Dienstag aller Dienstage (2. Versuch), Herbst 2002:
Um vier Uhr früh aufstehen. Zombiestadium in Reinkultur. Die wollen, daß ich ein Wrack bin und keine Chance auf den Stuhl habe. Ich zombe in die Dusche, zombe zum Bahnhof, zombe vor mich hin, bis die Durchsage kommt: »Meine Damen und Herren, blablabla, der Inter City von München nach Dortmund über blablabla wird heute leider zirka 20 Minuten später bereitgestellt ...« 20 Minuten?! Das bedeutet, daß ich 20 Minuten länger hätte schlafen können!! Ich beiße vor Wut über die Pünktlichkeit der DB in den Stahlträger des »Die Bahn kommt - auf die Minute«-Schildes und zombe noch ein wenig weiter vor mich hin.
In Köln wieder das alte Spiel. Warten auf den Bus und andere Kandidaten. Diesmal ist wenigstens schönes Wetter. Ich habe ausgezombt, bin cool und relaxed. Das Procedere kennen wir ja nun schon zu genüge. Ich taxiere die anderen, wer könnte mir gefährlich werden? Ich komme auf den Stuhl. Punkt. Frau U. aus M. ist auch wieder da, samt Tochter. Laut Bild ist sie ja die »Schlau-Oma«. Ein TV-Team klebt an ihr wie Fliegen am Honig. Souverän gibt »Schlau-Oma« ein Interview nach dem anderen. Auch dann noch, als das Studio geräumt werden muß, weil vor dem Eingang ein herrenloses blaues Geschenkpaket liegt, mit einem Zettel, auf dem steht: »Für Herrn Jauch von seinem Publikum.« Wir werden in die Kantine verfrachtet. Da sich niemand freiwillig zu dem Paket bekennt, wird ein Bomenentschärfungskommando aus Düsseldorf gerufen. Das kann dauern! Die Einheimischen verdrehen die Augen. Um diese Zeit von Düsseldorf nach Köln! HA! Forget it! Scheint offenbar ebenso utopisch zu sein wie ein bemannter Marsflug. Mindestens eine halbe Stunde dauert das, sagen die Eingeborenen und schütteln verzweifelt die Köpfe. Soooo lange. Wahnsinn! Derweil smse ich meinen Telefonjokern, sie können sich wieder locker machen.
Irgendwann macht's Knall und das Päckchen wurde offensichtlich gesprengt. War keine Bombe, nur ein vermutlich kostbarer Teller, denn man findet eine Scherbe, auf der das Zepter der sündteuren KPM-Manufaktur prangt.

Die Aufzeichnung:
Ratzfatz zurück ins Studio, aber zackig umziehen, nochmal Maske und dann ab in die Höhle des Löwen. Hetz! Die Zeitverzögerung muß eingeholt werden. Drei Aufzeichnungen sind durchzuziehen. Frau U. aus M. ist zuerst dran mit ihrer Millionen-Frage. War nix. Schade, aber dafür kommen wir nun zum Zuge. Ich bin die Konzentration selbst. Die Vorauswahlfrage (»Ordnen Sie diese Kontinente nach ihrer Bevölkerungszahl, beginnend mit der niedrigsten«) beantworte ich in exakt 5 Sekunden (»Australien, Europa, Afrika, Asien«) und bin damit auf dem Stuhl.
Wie üblich wird die Aufzeichnung unterbrochen. Ich werde verkabelt, die heißen Stühle werden aufgebaut und Günther scherzt: »Na, mal sehen, wer von uns beiden schneller am Stuhl ist.«
»Das ist gemein«, kontere ich, »Sie sind trainiert!«
Schon geht die Aufzeichnung weiter. Von nun an weiß ich kaum noch, was eigentlich passiert. Ich bin absolut ruhig, wie in einem Wattekokon, denke nur, daß ich nun charmant und gesprächig, aber nicht aufdringlich sein darf. Und noch eins ist klar: Ich bin schlicht und einfach Quotenfutter. Ob ich da sitze oder Lieschen Müller oder Kandidat X oder sonst wer, ist allen schnurzpiepegal. Ein paar nette Worte so von Moderator zu Quotenfutter während der Werbepause hätten's schon getan. Stattdessen: Schweigen und noch mal Abpudern. Ich vergesse ganz, Günther auf unsere gemeinsame Vergangenheit anzusprechen.
Nein, nervös war ich nicht. Ich würde es zugeben. Ich fremdle nur grundsätzlich - auch bei Günther. Ich spiele einfach, schon wieder Zombie. Selbst Tage später fallen mir die meisten Fragen, die mir gestellt wurden, nicht mehr ein. Daß es keine gute Runde für mich ist, merke ich schnell. Schon Low-Budget-Fragen nach Once und US Postal bringen mich ins Schleudern. Gut, daß ich irgendwann mal mitbekommen habe, daß Once ein Radrennstall ist. Puh. Dann läuft's passabel. Günther verunsichert mich dezenter als befürchtet. Trotzdem verschenke ich deshalb einen Joker bei Menachem Begin, obwohl ich sicher wußte, daß es Menachem Begin war (äh, wie war doch noch mal die Frage?!). Bin ich aber selbst schuld, war ja meine Entscheidung (also laßt alle Günther in Ruhe). Klar hätte ich den dann bei der 125.000-Euro-Frage gebraucht. Doch zwei Joker bei 125.000 noch haben, ist auch eine Leistung. Von zwei Jokern dann falsch beraten zu werden, ist einfach Pech. Und auf dem Stuhl ist wirklich alles anders. Ich wollte nie zocken. Doch nun denke ich nur: Ist ein Spiel. Wer nix riskiert, gewinnt auch nix. In meinen Augen blinken gierige Euro-Zeichen.
Falsch gedacht. Die Viertelmillioneneurofrage »Wer ernennt die fünf Wirtschafts-Weisen?« ( a) Bundeskanzler; b)Arbeitgeberpräsident; c) Bundespräsident; d) Finanzminister) bricht mir das Genick. Publikumsmehrheit (43%) und mein Telefonjoker P. tippen auf Finanzminister. Wer ahnt denn schon, daß der Bundespräsident außer nett in der Gegend rumstehen auch noch die fünf Weisen benennt?! Und tschüß! Immerhin sage ich laut »Scheiße« und habe ein klein bißchen Kohle. Das waren also meine Warhol'schen 15 Minuten Ruhm. Ich steige vom Stuhl. Der Regisseur eilt herbei, schüttelt mir die Hand und meint: »Schade, mit Ihnen hätten wir gerne noch weiter gespielt.« Reizend, ich mit Ihnen auch!
Die TV-Maschinerie spuckt mich aus. Einfach so. Nicht mal ein Gläschen Sekt gibt's. Hinter den Kulissen ist Frau U. aus M. mit ihrer Tochter. Sie sind völlig aufgelöst, daß ich an so einer schweren Frage gescheitert bin. Später im Hotel ratschen und saufen wir noch bis spät in die Nacht. Vorher telefoniere und maile ich ständig mit C. und meinen Telefonjokern. P. ist am Boden zerstört, daß er mir die falsche Antwort gegeben hat. Macht aber nix. C. hingegen ist vor Freude ganz aus dem Häuschen, daß ich überhaupt dran gekommen bin. Ich, ehrlich gesagt, auch!
Nein, ich ärgere mich nicht, bzw. immer nur mal 5 Minuten lang, immer dann, wenn ich im Aufenthaltsraum bei den anderen Aufzeichnungen zusehe, und dort die Kandidaten mit Pipifax-Fragen ihre 125.000 oder 64.000 locker mit nach Hause nehmen.

Der Tag danach:
Köln deucht mir nun doch freundlicher als noch vor zwei Wochen. Liegt es daran, daß ich es auf den Stuhl geschafft habe und Kohle abgezockt habe? Langsam kommen Erinnerungen an die Sendung wieder, ein paar Fragen fallen mir wieder ein, aber – was in Teufelsnamen habe ich ansonsten gesagt? War ich witzig, sympathisch, charmant?
Der Zug nach München ist überfüllt, das Buch, das ich lese, ist recht spannend und ansonsten ist es vorbei. Endgültig, denn ich darf mich nun nie wieder bei WWM bewerben.

Der Tag der Sendung:
Ich bin nervöser, als am Aufzeichnungstag. Wir sind abends bei D. und Ch. zum Fernglotzen und Saufen eingeladen. Ich bin schon blau, als ich mich endlich auf den Stuhl klettern sehe. Meine Güte bin ich fett! Und häßlich! Und dann diese grauenvolle Stimme! Da hilft nur noch mehr saufen. C. und D. und Ch. behaupten zwar, ich sähe toll aus und käme voll gut rüber, aber die sind ja voreingenommen. Ch. protzt dann auch noch damit, daß er die Frage nach den »fünf Weisen« gewußt hätte. Jene Frage, die mich um 125.000 Euro brachte.
Noch während die Sendung läuft, geht auf meinem Handy der Telefon- und Kurznachrichtenterror los. Gottseidank sind wir heute abend nicht zu Hause.
Jauch sagte zwar richtig, daß ich ledig bin, das, meine Damen, bedeutet jedoch nicht, daß ich auch Single bin! Trotzdem fühlen sich einige Damen bemüßigt, mir auf den AB ihren Heiratswunsch zu sprechen. Besonders eine S. mit Dolly-Buster-Akzent habe ich angeblich so »värzaubärrrt«, daß sie gleich von einer gemeinsamen rosigen Zukunft schwärmt. C. lacht sich tot, will immer wieder den AB abhören und verbietet mir, das Band zu löschen, zwecks permenenter Belustigung. Ich aber habe Mitleid und lösche.

Der Tag nach der Sendung:
»Na, wollense Ihren Gewinn gleich anlegen?!«, begrüßt mich die Verkäuferin bei Karstadt keck, dabei beuge ich mich interessehalber nur über die Vitrine mit 100-Euro-Uhren. Hat also auch sie gestern ferngesehen.
Beim Stadtbummel gibt es zwar zahllose Doubletakes (erst ein kurzer Blick, dann weggucken und überlegen »Woher kenne ich die Fresse«, dann erkennen »Ach, der war doch gestern bei Jauch!«, dann langer interessierter Blick, als sei ich ein Zootier) und auch etliches Gemurmel (»Rhabarberbhabarber ... JAUCH ... rhabarberrhabarer ...«), doch nur zwei Menschen sprechen mich an. Das war's. Finito. Ende. Heute abend kommt »Wetten daß ...?« und damit ist WWM von gestern wirklich Schnee von gestern. Naja, nicht ganz. Insgesamt werden mir acht Damen mehr oder minder deutlich Avancen machen - per Telefon, Elektro- und Schneckenpost. Zudem werden mich mehrere »Schriftstellerinnen« kontaktieren, um Insiderinformationen aus dem Autoren herauszukitzeln, wie man an einen richtigen Verlag kommt - zumindest geben sie das vor. Und noch drei Wochen später grinst mich in einem Möbelhaus eine Dame mit jenem dümmlichen Gesichtsausdruck an, das man Prominenten schenkt, die man zufällig auf der Straße trifft, und das eine Reaktion einfordert. Ich grinse dümmlich zurück und negiere sie dann. »Na, Sie sind jetzt halt berühmt«, gackert sie noch unüberhörbar.
Nein, bin ich nicht mehr. Endlich muß ich nicht mehr jede Information speichern und panisch in Fragen mit Abehcehdeh umwandeln ... äh, wie waren noch mal die Nummern der Bewerbungs-Hotlines von Pilawa und Clericis Nachfolger?

© Martin Arz, März 2003 | GEKÜRZTE VERSION FÜRS NETZ! 

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