Samosquickie mit Seekühen

»’n Morgen, meine Damen und Herren«, raunzt die Stimme der Dame, die sich als Purserette vorstellt, durch die Lautsprecher und leiert den üblichen Begrüßungssermon vor dem Start des Fluges LT 0312 am 5. September 2005 von München nach Samos herunter. Die drei Damen und der eine Herr, die unseren allerersten LTU-Flug begleiten, geben sich keinerlei Mühe, uns zu LTU-Stammkunden zu machen. Wie schon die Bodencrew am Vorabend. Denn wir wollten den Vorabend-Check-in nutzen. Punkt 18 Uhr standen wir in der Schlange vor dem LTU-Schalter - und standen. Genau zwei Schalter waren geöffnet für die vier Flüge, die noch an jenem Abend abgehen sollten sowie den Vorabend-Service. Es dauerte exakt eine Stunde und achtundzwanzig Minuten, bis wir endlich an die Reihe kamen.
»Wir verteilen nun die Getränkekarten, denen Sie die Preise für Alkoholika und Knabbereien entnehmen«, bellt die Dame genervt nach gelungenem Start durch das Mikro und kultiviert den zwischenmenschlichen Minimalismus meisterhaft. »Lächeln kostet drei Euro, ein freundliches Wort fünf. Und eine Entschuldigung, wenn wir Sie beim Service anrempeln - was häufig passieren wird - kostet nichts, denn darauf können Sie lange warten.« Nein, das sagt sie nicht wirklich - aber sie sieht so aus, als würde sie gerne …
Schon gut, wir kuschen nach Pauschaltouristenart und stellen auf den kommenden zweieinhalb Stunden keine weiteren Ansprüche. Schließlich sind wir heilfroh, dass wir dem kalendarischen Sommer des Jahres 2005 zumindest für eine Woche entfliehen können. Schluss mit Dauerregen und Nachtfrösten seit September des Vorjahres, Schluss mit Überschwemmung und Augusttemperaturen unter 15 Grad. Samos, so versprach uns der Neckermann-Katalog (eine weitere Premiere: wir sind nun Neckermänner, gruseliges Gefühl), bietet alles, was das verwöhnte Urlauberherz begehrt. Wir sind gespannt und hätten gewarnt sein müssen.
Die Landung gestaltet sich als Achterbahnfahrt mit Panikattacken und Herzinfarkten. Ich habe keine Flugangst und mit einer einzigen Ausnahme bisher nie mein letztes Stündlein schlagen hören (das war einmal, als unser Flieger von Bangkok nach Phuket in ein Tropengewitter kam. Sehr unangenehm!). Nun kommt die zweite Ausnahme. Es rüttelt und schüttelt, die Uhren zeigen: »Ihr letztes Stündlein hat geschlagen«, und wir beten. Nach qualvollen endlosen Minuten macht es unsanft »rumms« und wie durch ein Wunder sind wir lebend in Samos gelandet. Die üblichen Debilen klatschen, fast erliegt man der Versuchung, sich diesmal aus gutem Grund anzuschließen, doch wir beschließen lieber, diese Fluggesellschaft endgültig zu meiden. Später erfahren wir jedoch, dass der Flughafen von Samos wegen seiner Lage zwischen den Hügeln als nahezu unanfliegbar gilt und jede Landung eine Achterbahnfahrt mit Schüttelei ist. Also verzeihen wir unserem Pilot nachträglich.

Unser Hotel ist in Flughafennähe. Super, denken wir naiv, da muss man nicht ewig mit dem Shuttle über die Insel gurken. Die zwei Minuten Fahrzeit vom Flughafen zum Hotel hätten uns stutzig machen sollen.
Zunächst überrascht uns die Empfangsdame des Hotels Doryssa Bay Village durch eine der LTU-Tonalität angepassten, auf das Allernötigste reduzierte Freundlichkeit. Wie praktisch, denken wir, da muss man sich nicht umstellen und entspannen sofort unsere lächelnden Mundwinkel. Carsten mit seinen reichhaltigen Griechenlanderfahrungen - schließlich hat er mal ein Jahr lang in Athen gelebt -, hatte mich ohnehin schon im Vorfeld gewarnt, dass der Grieche an sich gerne dem Bayern als solchen den Titel »Grantigstes Lebewesen der Welt« abspenstig machen will. Die Empfangsdame ist jedenfalls auf dem besten Wege zur Meisterschaft und zeigt uns, was die Resis und Zenzis noch an Grant, mangelndem Entgegenkommen und Maulfaulheit lernen können.
Nun mag man denken: Selbst schuld, wenn die sich auch unter die Neckermänner mischen! Aber das Doryssa Bay Village ist beileibe kein normales Hotel, im Gegenteil: Laut Eigenwerbung und nach Ansicht verschiedener Reiseführer handelt es sich um das schönste und sogar das beste Hotels Griechenlands! Nach dem Empfang sind wir heilfroh, dass wir im besten Hotel des Landes sind, kuschen demütig und fragen uns: Wie ernüchternd wäre wohl der Empfang im zweit- oder gar drittbesten Hotel ausgefallen?
Dafür entschädigt der Gang durch die Anlage für beinahe alles. Das Hotel ist im Stil eines alten griechischen Dorfs errichtet. Durch verwinkelte Gassen folgt man dem Kofferkuli. Alle Häuser sind individuell im verschiedenen mediterranen Stilen gebaut - mal weiß getüncht, mal toskanisch gelb, mal Naturstein - und teilweise üppig bewachsen. Jedes Haus beherbergt ein paar Appartements mit Terrasse oder Balkon. Es gibt einen Dorfplatz mit wunderschöner Kapelle, Kaffeehaus, Minimarkt (dessen superfreundliche Chefin offenbar dem Druck zum Grant widerstanden hat), kleinen Geschäften und schattigen Bänken unter Platanen. Dazu kommen über das Dorf verteile Brunnen, Backhäuschen und ein griechisches Folkloremuseum, das ebenfalls im Ruf steht, das Beste seiner Art in ganz Griechenland zu sein. Romantik pur. Die Gässchen führen direkt zum endlosen Strand, der mit alten Tamarisken bewachsen ist, in deren Schatten wir dem süßen Nichtstun frönen wollen. Daneben befindet sich, zur Anlage gehörend, aber optisch getrennt, das Doryssa Bay Hotel, ein klassischer Betonklotz, vor dem der gemeinsam zu nutzende, langweilige Viereck-Pool liegt.
So schön hatten wir uns das gar nicht vorgestellt. Und deshalb verzeihen wir der Empfangsdame, dass sie uns die Ankunft restlos versaut hat. Auch wenn sie unser Gesuch nach einem anderem Appartement mit unverhohlener Missbilligung und einem knappen »We are fully booked out!« abschmettert. Dabei wollten wir nur eine Unterkunft mit ein wenig Schatten auf der Terrasse. Die Südlage der Freilaufflächen bringt gewaltige Stauhitze mit sich und das Hotel hat offenbar die Erfindung des Sonnenschirms noch nicht mitbekommen.
Ausgebucht - da können wir nichts machen.
Komisch nur, dass den ganzen Tag und Abend laufend neue Gäste ankommen und ihre Räume beziehen. Und dann findet noch einen Tag später ein zweitägiger Ärztekongress statt. Upper-Limb Hand Micro-Chirurgy. Klingt genauso spannend wie die Kongressteilnehmer aussehen. Die Chirurgen mit zu viel Gel im Haar und zu stark aufgerüschten Blondinen am Geldbeutel bekommen seltsamerweise alle die Appartements in Top-Lage mit schattig-bewachsenen Veranden, die bei unserer Frage ausgebucht waren.
Egal, wir sehen auch über andere Petitessen hinweg, wie zum Beispiel die Kitchenette in unserem Appartement, die eindeutig schon sauberere Tage gesehen hat, oder die vielen losen Kacheln am Fußboden, oder die Tatsache, dass man für den Safe im Zimmer noch mal 11 Euro extra berappen muss. Lauter neue Erfahrungen für uns, die bisher in Hotel dieser Kategorie kostenfreie Safes und stabile Bodenverhältnisse als Selbstverständlichkeit angesehen hatten - zugegeben, diese Hotel lagen in Thailand, USA, Indien, China und manchem Dritte-Welt-Land. Gelegentlich vergisst man einfach, dass man sich in Europa bewegt und stellt unvermutet Ansprüche. Klar, dass das Personal dann überfordert ist. So wie die besagte, beschränkt-freundliche Empfangsdame, deren Gesichtszüge bei unserem Ansinnen auf Badehandtücher endgültig entgleisen. Erst als ich meine Mimik ihrer anpasse und ziemlich laut werde, erfahren wir, dass es die gegen 5 Euro Pfand am Strand zu mieten gibt und dass die (hoteleigenen) Liegen täglich 2,50 Euro kosten. Und das bei regulären Zimmerpreisen von 238 Euro.
Asien verwöhnt halt!
Apropos Asien: Abgesehen von den chinesischen Basketballern sind die Asiaten nicht gerade für ihre körperliche Größe bekannt, trotzdem findet man in jedem asiatischen Hotel wahre Liegelandschaften von mindestens 2,20 m Länge, in denen selbst große Europäer sich recken und strecken können, ohne aus dem Bett zu ragen. Ganz anders in Europa, der Heimat der Großen und Langen. Egal ob Skihotel in den Alpen oder das beste Hotel Griechenlands - prinzipiell ist kein Bett länger als 1,90 m. Und um es den Großen noch unangenehmer zu machen, bringt man besonders gerne Fußenden an, damit man nicht mal die Füße raushängen lassen kann.

Ein Phänomen, an das wir uns mit unserer bescheidenen Pauschalreise-Erfahrung erst noch gewöhnen müssen, ist der Termin bei der Reiseleitung. Die Dame, die für Neckermann die Stellung auf Samos hält, lebt laut Eigenauskunft seit 27 Jahren auf der Insel und ist ebenso charmant wie überfordert. Was sie uns denn im Ort empfehlen könne? Äh, keine Ahnung! Ob sie uns nicht zu einem Zimmer mit schattiger Terrasse verhelfen könne? Äh, keine Ahnung! Wie denn der Pick-up für den Rückflug funktioniere und vor allem, wann Pick-up-Zeit sei? Äh, keine Ahnung! Ach, halt da liegen irgendwo bei der Rezeption so Ordner herum, da steht alles drin! Und dann sollen wir bitte nicht so viele Fragen stellen, sondern lieber dem zusätzlich buchbaren Ausflugsprogramm lauschen, das sie uns nahe bringen will. Dann springt die Dame kreischend auf, weil irgendwo am anderen Ende des riesigen Raums eine fette giftgelbe Wespe herumschwirrt und sie hat ja so eine Panik vor Wespen. Die sind zugegeben doppelt so groß wie die deutschen Biester, doch nach 27 Jahren Samos sollte man meinen, dass sich die Dame an die Brummer gewöhnt hat.

Da es September ist und außer uns Bayern niemand mehr große Ferien hat, treiben sich am Meer nur ein paar Jungeltern mit Kreischbälgern, etliche Dinks (Double Income No Kids) wie wir herum sowie eine Spezies, die sich in riesigen Rudeln liebend gerne an südeuropäischen Stranden der Nachsaison tummelt:  die faszinierende Gemeine Nordeuropäische Seekuh. Besonders stark vertreten durch ihre Unterarten der Dänisch-Norwegischen und der Holländischen Seekuh. Bekanntlich ist die Seekuh, auch Mantai oder Sirene genannt, ein plumper Meeressäuger mit dicker Speckschicht, der es gerne gesellig hat und ein wenig an Robben erinnert, dabei ist sein nächster Verwandter allerdings der Elefant. Elefanten lieben solch skurrile Verwandtschaft, denn neben dem Meeressäuger sind auch die winzigen, putzigen Fellknäule namens Klippschliefer, die sich z. B. in Südafrika tummeln und eher nach Meerschweinchen aussehen, nahestehende Cousins der Elefanten. Wie der Elefant entwickelt auch die weibliche Seekuh nach dem Wurf brustständige Zitzen, die erstaunlich an üppige menschliche Mörderhupen erinnern. Das ist auch der wahre Hintergrund für den Meerjungfrauenmythos, denn wenn eine Mörderhupenseekuh nahe an der Wasseroberfläche an einem Schiff vorbeischwimmt, kann das so mancher Seefahrer mit einer barbusigen Fischfrau verwechseln.
Die zweibeinige Nordeuropäische Seekuh hingegen - übrigens verwenden Zoologen diesen Überbegriff für die Weibchen und die Männchen, denn Seebullen sind die Männchen beim besten Willen nicht -, hat sich beinahe vollständig an ein Leben an Land angepasst. Fast könnte man sie mit menschlichen Wesen verwechseln. Nur der plumpe Körperbau erinnert noch an ihre im Wasser lebende Verwandte. Sie neigt zu einem Lebendgewicht von nicht unter 120 kg, ist mindestens 65 Jahre alt und verfügt über ein beeindruckendes Stimmvolumen sowie eine nahezu unendliche Bratdauer. Die weiblichen Seekühe fallen durch ihr routiniertes Halbentkleiden auf, um ihre brustständigen Zitzen zu präsentieren. Wir sind zwar im prüden Griechenland, doch auf die moralischen Vorstellungen ihrer Gastgeberländer können die Seekühe (vermutlich bedingt durch einen genetischen Defekt - das wäre doch mal ein Thema für eine Doktorarbeit!) keine Rücksicht nehmen. Immerhin verzichten die meisten zumindest darauf, sich komplett zu entkleiden. Mit geübten Handgriffen wird innerhalb von Nanosekunden das Bikinioberteil vom Leib gefetzt, sobald die Seekuh auf der Strandliege sitzt. Meist ist das Herauslassen der Brüste von einem unangenehmen Schmatzgeräusch begleitet. Auffällig ist, dass die in Samos sehr präsenten Norwegischen und Dänischen Seekühe nur in Rudeln auftreten, die ausschließlich aus Weibchen bestehen, während die holländische und die deutsche Spezies paarweise gemischtgeschlechtlich unterwegs ist.
Vier Prachtexemplare aus Dänemark haben es uns besonders angetan: Sie sitzen jeden Tag von früh bis spät am Strand und grillen in der prallen Sonne. Gegen Mittag verziehen sie sich für rund zwei Stunden zur Nahrungsaufnahme ins Restaurant. Die langen Phasen zwischen Frühstück, Mittag- und Abendessen können bei Seekühen leicht zu Unterzuckerung führen, daher überbrücken sie diese durch eine strenge Kaloriendiät, um ihre Leibesfülle zu erhalten. Mit Lauten, die an menschliches Gekicher und Gegacker erinnern, werden ununterbrochen Schokoriegel, Chips, Kräcker, Dauerwürste, Käsegrissini und stark zuckerhaltige Limonaden herumgereicht. Es macht so viel Spaß den fröhlichen Gesellinnen zuzuschauen, dass man dabei selbst seine mitgebrachte Lektüre vergisst.
Unter den holländischen Exemplaren ragt besonders ein Pärchen hervor: Er hat die Siebzig sicher längst überschritten und sitzt mit Vorliebe unten ohne herum, wobei sein mächtiger Bauch gnädigerweise das Unaussprechliche bedeckt. So lässt er sich von dem Weibchen alle Stunde mit diversen Ölen und Cremes einreiben. Das Weibchen selbst steht den dänischen Artverwandten in Sachen Körperumfang in nichts nach. Sie ist die absolute Nummer eins im Oberteil-vom-Leib-Reißen, schneller als sie schafft es keine andere. »Plopp«, schon schwappen ihre Zitzen, die die Form von großen türkischen Fladenbrote haben, bis auf die Oberschenkel, wo sie bebend wie Wackelpudding zum Liegen kommen. Nicht uninteressant ist auch die Technik eines einzelnen dänischen Exemplars, das zwar dem normalen Durchschnittsalter entspricht, aber artuntypisch äußerst mager ist. Dieses Weibchen steht mutterseelenallein an exponierter Stelle am Strand und verbringt Stunden damit, sich in aller Ausführlichkeit ihre brustständigen Zitzen, die allerdings eher hüfthängende Tüten sind, mit großen, stetig kreisenden Bewegungen einzureiben. Kommt ein junger Mann oder eines der sehr seltenen jungen Seekuh-Männchen vorbei, cremt es besonders ausführlich und schaut mit verwundertem Blick dem Objekt ihrer Begierde hinterher, das plötzlich hakenschlagend über den Strand flüchtet. Allen Seekühen ist gemeinsam, dass ihre Körper mit dunkelroter bis schokoladenbrauner, lederartiger Haut voller Pigmentstörungen überzogen sind. Bis zu acht Stunden in praller Sonne halten sie ohne Probleme aus.

Und dann werden die Köpfe herumgerissen, denn eine neue Attraktion betritt den Kies-Sand-Strand: Auftritt Asia-Maus!
Asia-Maus ist das, was man mit Fug und Recht einen wahrgewordenen Männertraum nennen kann: eine atemberaubende exotische Thai-Schönheit mit sanften Mandelaugen, Beinen bis zum Hals und hüftlangem, rabenschwarzem Haar; dazu hat sie Modelmaße und ist mit einer Figur gesegnet, um die sie Heidi Klum beneiden würde. Asia-Maus gehört einem dänischen Mann. Der ist natürlich mindestens doppelt so alt wie sie, aber zumindest keiner von der Sorte, bei der man sie bemitleiden muss. Asia-Maus trägt hochhackige Sandalen und die hottesten Hot-Pants, die es gibt. Wenn sie den Strand entlang stolziert, vibriert die Luft. Alle Wesen männlichen Geschlechts starren ihr hinterher, fangen unkontrolliert das Sabbern an und müssen sich in Windeseile auf den Bauch drehen. Alle Frauen, und vor allem alle weiblichen Seekühe, starren ihr hinterher und schütteln mit abschätzig nach unten gezogenen Mundwinkeln heftig den Kopf und geben zischende Geräusche von sich.
Und noch ein Phänomen hat der Strand zu bieten: gratis Hörsturz. Natürlich ist man als Freund der mediterranen Lebensart darauf vorbereitet, dass die Griechen so etwas wie Ruhe nicht kennen. Die Poolbar unseres Hotels und die des Nachbarhotels liefen sich selbstverständlich einen Dezibelkampf mit den angesagtesten Disco-Stampfern, auch wenn weit und breit keinerlei halbwegs jugendliches Publikum zu sehen ist. Die Nachbarbar beweist immerhin Geschmack und nordisches Einfühlungsvermögen, indem man ab und an Björk dazwischen mixt. Die greisen Seekühe sind vermutlich ohnehin zu schwerhörig, um sich daran zu stoßen. Wie gesagt, damit hat der Freund mediterraner Lebensart kaum Probleme. Erheblich mehr Probleme bereitet uns die Wahrheit hinter der Formulierung »in Flughafennähe«. Unerfahrene Neckermann-Neulinge wie wir lesen daraus nicht, dass das Hotel mitten auf der Startbahn liegt. Dem ist aber so. Die startenden Maschinen brausen so nahe über unsere Köpfe hinweg, dass man ihre Bäuche streicheln könnte. Besonders schön ist es, wenn man beispielsweise von der Siebenuhrdreissig-Maschine nach Athen aus dem Schlummer gerissen wird. Panikartig hüpft man noch im Halbschlaf aus dem Bett, weil es klingt, als würde ein Flugzeug auf uns stürzen. Mit rasendem Herzen sitzt man dann auf der Bettkante und beschließt, sich gleich fertig zum Frühstück zu machen, dann an erneutes Einschlafen ist nicht mehr zu denken.

Morgens und abends gibt es in dem Hotel jeweils ein Buffet. Sich bei der Tischsuche und vor den Schüsseln gegen die Seekuhrudel durchzusetzen, ist eine Kunst für sich, die aber alle Dinks durch ihre Wendig- und Schnelligkeit beherrschen. Neidisch beäugen wir dabei die Taktik der Jungeltern. Die schieben einfach schamlos ihre Kiddies vor und bekommen anstandslos die besten Tische - beim griechischen Personal zieht Nachwuchs zu unserem Ärger viel mehr als Bestechungsgeld.
Wir haben das zweifelhafte Glück, gleich am ersten Abend unsere Zimmernachbarn am selben Tisch begrüßen zu dürfen. Das Ehepaar aus dem Hessischen will ja nicht aufdringlich sein (»Sagen Sie bitte, wenn wir stören!«) und drängt sich dann nahtlos auf. Er heißt Froim, was ein urbayrischer Name sein soll, denn geboren ist er ja in Ebersberg, genauer gesagt in Forstinning, ein Dörfchen bei München, das ich als Künstler natürlich kenne - schließlich sitzt dort der größte Künstlerbedarffachhändler Süddeutschlands. Und noch während sie sich setzen, erfahren wir schon die halbe Lebensgeschichte von Froim und seiner Gattin: Dreißig Jahre verheiratet, zwei Kinder, Sohn hat Medizinstudium geschmissen, beinahe hätten sie sich mal ein Haus bei Thessaloniki gekauft. Froim arbeitet bei Proctor & Gamble, vorher bei Quelle - ja, der alte Schickedanz hat ihm noch persönlich die Hand geschüttelt und die Grete war auch nicht verkehrt, er war früher mal zehn Kilo leichter, aber dann kam diese leidige Kniegeschichte und das ausgerechnet ihm, der immer Hummeln im Arsch hat. Puh.
Endlich sitzen sie.
Das Einzige, was wir nie erfahren werden, ist der Name der Dame. Und sie erfahren übrigens nie unsere Namen, fragen auch nie danach.
Die Gattin ist wasserstoffblond, mager, stark geschminkt und schweigsam. Sie raucht lieber Kette und leert zügig ein Glas Wein nach dem anderen. Auch Froim unterbricht seinen Redefluss nur, um zu trinken. Um ein wenig Ruhe zu haben, bleibt uns nur ein Ausweg: Wir holen uns am Buffet stets nur Miniportiönchen, damit wir ganz oft aufstehen müssen.
Und dann vibriert die Luft, es wird plötzlich um ein paar Grad heißer, die ersten Herren bauen sorgfältig faltenreiche Berge mit ihren Servietten auf dem Schoß: Auftritt Asia-Maus. Auf meterhohen Stilettos stolziert sie durch wogende Seekuhherde. Wir sind in einem Hotel, das Wert auf gepflegte Kleidung beim Essen legt. Schon der Katalog hat ausdrücklich auf diesen positiven Umstand hingewiesen. Keine Shorts, keine Unterhemden! Nein, Shorts trägt Asia-Maus wirklich nicht - es sind noch knappere Hot-Pants als am Tag, dazu schmiegt sich ein hautenges Top an ihren Busen und lässt den Nabel samt Wespentaille frei. Dazu trägt sie diesmal eine elegante Brille, was ihr eine attraktive Strenge verleiht und die feuchten Phantasien der Männer in Richtung Erzieherin abgleiten lässt. Die Dink-Frauen pressen trocken die Lippen aufeinander und stochern finster in ihrem Salat herum, während sie ihren glotzenden Männern unter den Tischen vors Schienbein treten. Manch eine lässt ihren eben erst voll beladenen Dessertteller unauffällig neben dem Buffet stehen.
»Ist das schön, dass wir und kennengelernt haben«, jubiliert Froim nach dem Essen mit schwerer Zunge. »Da hat sich der Urlaub hat schon gelohnt!«
Seine Frau nickt zustimmend und raucht.
Wir fragen uns, womit wir dieses Kompliment verdient haben, denn außer schweigsam zuhören haben wir nicht viel zu dem Abend beigetragen. Und wir können dieses Kompliment auch nicht zurückgeben. Also lassen wir es. Egal, Froim liebt uns und will gar nicht mehr von unserer Seite weichen.
Ich begehe den Fehler, und will am »Dorfplatz« neben der Kapelle in dem Kaffeehaus noch einen türkischen Kaffee trinken. Natürlich heißt der hier politisch korrekt griechischer Kaffee. Kaum sitze ich, steuern Froim und Gattin auf mich zu.
»Wenn wir stören, sagen Sie es ruhig!«
Wieder einmal verwünsche ich meine Eltern, die uns dazu erzogen haben, sich im Falle des Falles zwischen Ehrlichkeit und Höflichkeit zugunsten der Höflichkeit zu entscheiden. So flutscht mein »nein, nein« überzeugend schnell über die Lippen. Zum Glück ist ein kleiner türkischer Kaffee schnell getrunken, und so kann ich mich relativ flott dem Paar entziehen, das diesmal noch schwerere Geschütze auffährt.
Zum einen wiederholt Froim erbarmungslos alle Geschichten, die er uns beim Essen bereits erzählt hat, zum anderen werden seine Komplimente nun vieldeutiger: »Sie sind so schön groß! Ich liebe große Männer. Große Männer sind immer meine Freunde. Ach, sind Sie toll groß.« Er tätschelt meine Schulter. »Das finde ich toll. So schön groß! Gell, Sie sind mein Freund.« Er tätschelt meinen Arm. Sie raucht und grinst.
Als ich am nächsten Tag vom Seekuh-Watching am Strand komme, ist Carsten auf der Terrasse schon bestens von unseren Nachbarn abgefüllt worden. Die Terrassen unserer Appartements sind nur durch eine niedrige Mauer voneinander getrennt. Man sitzt sich quasi gegenseitig auf dem Schoß. Noch bevor ich mein Handtuch aufhängen kann, habe ich ein gefülltes Glas in der Hand. Der Wein schmeckt köstlich, angenehm trocken, und kommt aus einer alten Eineinhalb-Liter-Wasserflasche. So haben sie ihn im benachbarten Ort Pythagorion direkt beim Winzer aus dem Fass abgezapft.
Die Gattin muss neue Zigaretten holen, springt auf und rennt in das Zimmer und wieder heraus. Sie trägt nur ein knappes Top und eine alten, grauen Minislip, der ihre Schamlippen überdeutlich nachformt. Froim berichtet den ganzen Abend mehrfach detailliert über die Weinkaufaktion im Ort, schenkt reichlich ein und erzählt munter erneut seine Quelle-Schickedanz-Sohn-Medizinstudium-Geschichte. Die Gattin findet ständig einen neuen Grund aufzuspringen, um uns in den Genuss ihrer enganliegenden Unterwäsche kommen zu lassen. Das Unvermeidliche naht. Abendessenszeit.
»Gehen wir zusammen?«, fragt Froim mit rotglühenden Bäckchen. »Wie wär’s? Sagen Sie ruhig, wenn es Sie stört!«
Wie kämen wir dazu.
Die Konversation bei Tisch hat Déjà-vu-Charakter. Ob wir denn wüssten, dass ihr Sohn sein Medizinstudium …
Froim tätschelt meine Schulter und äußert sich wieder und wieder begeistert über meine Größe, die ihn automatisch zu meinem Freund machen würde. Dann entdeckt er aber ein neues Schwärm-Objekt: »Sie haben so eine sympathische Ausstrahlung«, schmachtet er Carsten an. »Und vor allem so tolle blaue Augen! Wahnsinn. Ihre blauen Augen.«
Die Gattin grinst, raucht und nickt zustimmend. Mir fällt eine Szene aus unserem Indien-Trip ein, als wir in Agra beim Abendessen saßen und plötzlich der Kellner an unseren Tisch kam, nur um zu Carsten mit strahlendem Lächeln zu sagen: »Sir, you’ve got so beautiful blue eyes! Or is it green?« Casten verschluckte sich vor Schreck fast an seinem Curry mit Tofu und stammelte puterrot verlegen: »No, it’s blue. Thank you.« Und der Kellner drehte sich weg und ging strahlend seiner Wege.
Auch Froim strahlt, als Carsten verlegen wird. Erst Kambodscha, dann Indien und nun Samos - Carstens blaue Augen scheinen ausgerechnet Männer weltweit in Verzückung zu versetzen.
Plötzlich kommt doch ein neues Thema auf: Das Rauchen der Gattin. Seit dreißig Jahren leidet Nichtraucher Froim darunter - aber was soll man machen? Ihr sind die Zigaretten einfach wichtiger als er!
»Zweimal hat sie schon aufgehört«, berichtet er lallend. »Einmal hat sie eine neue Einbauküche als Belohnung gekriegt, das andere Mal den Audi.«
»Das war vor zehn Jahren«, wirft sie ein.
»Und jetzt habe ich ihr einen Mercedes SLK versprochen, wenn sie aufhört.«
»Ja, der täte mir schon gefallen«, sagt sie und zündet eine neue Zigarette an.
»Sehen Sie!« Froim betatscht meine Oberarme und lässt wie zufällig seine Hand kurz auf meinen Oberschenkel fallen. »Die Sucht ist ihr wichtiger als ihr eigener Mann!«
»Nun ja, so kann man das nicht sehen«, versucht Carsten zu vermitteln und lässt sich auf die sinnlose Raucher-Nichtraucher-Diskussion ein.
»So ein sympathischer Kerl«, ereifert sich Froim prompt und strahlt Carsten mit glühenden Bäckchen an. »Sie sind so ausgleichend und auf Konsens bedacht. Toll! Ganz toll. Und Ihr Bekannter«, er tätschelt mich schon wieder, »ist auch toll. So toll groß. Und so direkt geradeaus. Wie ein Bulle. Direkt geradeaus. Das gefällt mir. Sie so ausgleichend, sanft und er so direkt, kraftvoll.«
Gut, wir haben eine sehr lange Leitung, aber langsam dämmert uns was. Vor allem als Carsten und Gattin eine Gemeinsamkeit feststellen: Sie duschen beide gerne warm. Leicht angeschickert sagt Carsten leichtfertigerweise: »Na, dann duschen wir beide eben warm und lassen die anderen zwei machen, was sie wollen.«
Ich weiß, wie er es gemeint hat. Und sofort dämmern auch Carsten die desaströsen Konsequenzen, die seine Worte auslösen können. Kaum hat er es ausgesprochen, beißt er sich auf die Zunge und ich trete ihm vors Schienbein. Froim und Gattin hingegen wittern sich am Ziel ihrer Wünsche.
»Ist das toll, dass wir uns hier kennen gelernt haben«, jubiliert Froim schon wieder. »Dafür hat sich der ganze Urlaub gelohnt.« Anzüglich flüstert er mir zu, seinen Blick auf meinen Schritt geheftet: »Sie sind so schön groß!« Dann inhaliert er Carsten: »Und Sie haben so wunderbare blaue Augen. Wahnsinn. Da kann man sich gar nicht entscheiden! Ich weiß gar nicht, wer mir besser gefällt!«
»Dann nehmen Sie uns doch beide!«, sagt Carsten nicht.
Carsten sagt: »Es macht Ihnen die Entscheidung vielleicht leichter, wenn wir Ihnen sagen, dass wir beide nicht mehr zu haben sind!«
Froim kichert dümmlich und die Gattin zieht grinsend an ihre Zigarette. Als hätte es »puff« gemacht, ist die Luft raus. Irgendwie haben wir es geschafft. Der Knoten ist geplatzt. Wir sind offenbar viel zu lange auf international anerkannte Code-Worte der Swinger-Szene hereingefallen und haben in allerletzter Minute den Absprung geschafft. Wir sind entkommen.
Allerdings fürchte ich für den kommenden Morgen und alle folgenden Tage eine neue Strategie von Froim, mit der er seinen Urlaub um zwei Trophäen bereichern will.
Am nächsten Morgen geht man uns jedoch aus dem Weg und senkt verschämt den Blick, wenn wir uns treffen. Erlöst genießen wir die Auftritte von Asia-Maus, die auch zum Frühstück allen Dinks-Mäusen zeigt, wo der Bartel den Most holt. Asia-Maus mit Wespentaille und Modelfigur schaufelt sich Spiegeleier, Speck, Würstchen sowie Kuchen auf den Teller. Selbst die schlanksten Dinks-Damen schieben nun mit vertrockneten Mündern den ahornsiruptriefenden French Toast zu ihren Männern und knabbern an einem Gurkenschnitz.

Pythagorion, der kleine Fischerort, in dem der große Pythagoras das Licht der Welt erblickte, ist nur zehn Minuten zu Fuß vom Hotel entfernt. Wir sind auf einem reinen Erholungstrip und wollen nichts anschauen, keine Kultur aufsuchen. Müssen wir auch nicht unbedingt. Denn auf dem Weg in das Dorf kommt man an den Ruinen einer frühchristlichen Kirche vorbei, an einem antiken Sportplatz, an Stadtmauern aus dem 6. Jh. v. Chr., an einem römischen Dampfbad, an einem Nymphäum, einer vorklassischen Grabanlage und einem Aphrodite-Tempel sowie mehreren nicht näher beschilderten Ruinen und Grabungen. Natürlich entgehen uns durch unser verschärftes Banausentum die Höhepunkte Samos’: das Heraion, eines der wichtigsten Hera-Heiligtümer der Antike, der Eupalinnos-Tunnel und die gigantische, vier Meter hohe Kouros-Statue. Egal. Wir bummeln durch den mehr als reizvollen Ort, der all das bietet, was korsische Hafenstädtchen leider vermissen lassen. Üppige Oleander- und Olivenbäume säumen die Straßen und verwinkelten Gassen. Überall Tavernen, Cafés, Touristenabzockzentren - und dennoch keine Betonburg weit und breit. Über all dem thront die Burg des Lykourgos Logothesis, auf deren Vorgängeranlage, der antiken Akropolis, sich angeblich einst Kleopatra und Mark Anton amüsiert haben sollen.
Am Hafen promeniert man vor den Cafés. Praktischerweise endet die Promenade im Süden auf einem heruntergekommenen Mini-Rummelplatz, der wie eine Location aus einem deprimierenden französischen Film voller Inzest und Selbstmord vor der Kulisse der regenumtosten Normandie im Herbst aussieht. Clever von den Stadtplanern eingesetzt, dieser Rummel. Denn schockiert wendet man sich ab und bummelt zurück.
Überall am Hafen lässt es sich herrlich in einem der zahllosen Restos abhängen. Hier ist man freundlich zu Fremden. Hier kann man wieder Seekuh-Studien betreiben. Man stellt fest, dass die Männchen abseits des Strandes einen fatalen Hang zum labbrigen Unterhemd bzw. nackten Oberkörper haben und die Weibchen gerne nabelfrei bzw. mit Spaghettiträgern provozieren. Und hier kann man Froim und Gattin bequem und ohne Aufsehen zu erregen aus dem Weg gehen. Hier kann man sich überall die klassische Fleischvergiftung holen, für die griechische Restaurants in aller Welt bekannt sind. Nein, damit ist nicht die richtige Vergiftung mit verdorbenen Fleisch gemeint! Wenn wir mal Lust auf totes Tier satt bis zum Erbrechen haben, sagen wir: »Gehen wir mal wieder zum Griechen zur Fleischvergiftung.« Denn nach dem Aphrodite-Teller oder der Zeus-Platte wird man freiwillig für die nächsten ein bis zwei Wochen Vegetarier. Diese Fleischvergiftung meine ich.
Wir sitzen einfach da, knabbern an den fetttriefenden Souvlaki, trinken Frappé oder türkischen Kaffee, und lassen die Welt an uns vorbeiziehen.
Urlaub.

© Martin Arz, Samos-Reise >KURZFASSUNG FÜR DAS WELTWEITE NETZ<, August 2006

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