Heißa Safari!

»Elefanten?« Carsten winkte stets ab. »Kenn ich aus dem Fernsehen und aus dem Zoo. Giraffen sowieso, die sind eh irgendwie komisch. Ne, Giraffen brauch ich echt nicht live!«
Jahrelang war nichts zu machen, ich schilderte die Erlebnisse meiner ersten, kurzen Safari in Kenia in den schillerndsten Farben, säuselte von unglaublichen Weiten Afrikas, von majestätischen Elefanten und eleganten Giraffen und blutverschmierten Löwen - Carsten zog nicht recht. Bei Elefanten und Löwen ist es wie mit dem Taj Mahal, man glaubt, man kennt es, weil man ja die Bilder kennt. Aber nur wenn es selbst live und 3-D und in aller Pracht gesehen hat, kann man die wirkliche Faszination begreifen. Wildtiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten, ist genau so, wie das Taj Mahal besuchen - eine Sache des Fühlens und Erlebens, nicht des Fernseher-Einschaltens. Danach kann man Zoos komplett vergessen.
Noch dazu drängte ich zur Safari, solange noch nicht alles ausgerottet worden ist. Wundersamerweise gab Carsten im Frühjahr 2007 nach und wir konnten buchen. Natürlich wollen wir nach Tansania oder Botswana und nicht ins massentouristische Kenia. Wenn schon, denn schon. Ein Blick in die Preise der Angebote diverser Reiseveranstalter und der anschließende Blick auf unsere Konten begraben umgehend den Traum von exklusiver Safari in Tansania oder Botswana.
Kenia, wir kommen!
Am 28. August hebt unser LTU-Flieger um 20.55 Uhr am Münchner Flughafen ab und spuckt uns nach sieben Stunden Flug am Moi International Airport Mombasa aus. Die Luft ist angenehm kühl, Sonne und ein blasser Vollmond stehen am Himmel. Den stundenlangen Stau an der Visum-Vergabestelle nehmen wir noch gelassen hin, nicht aber den Mitreisenden hinter uns, dessen atemberaubendes Aroma er sich wohl durch konsequenten, monatelangen Hygieneverzicht hart erarbeitet hat. Der Stinker lässt jeden wissen, dass er ein alter Kenia-Hase sei, quasi hier lebe, sich in Kenia auskenne wie in seiner Westentasche und dass man den Einheimischen (»den Negern«) keinen Millimeter über den Weg trauen darf, weil sie alles klauen. Als er an der Reihe ist, sein Visum zu zahlen (40 Euro), glänzt der Kenia-Checker in Person erstaunlicherweise durch komplett fehlende Englischkenntnisse. Klar, denken wir, Stink-Checker wird nun in fehlerfreiem Suaheli palavern! Umso erstaunter registrieren wir, dass er erwartet, mit seinem nur entfernt an Deutsch erinnerndem Sächsisch durch Afrika zu kommen, und wenn’s die Neger nicht verstehen, dann redet er eben lauter.
Vor dem Flughafen werden die Angekommenen auf die Busse der verschiedenen Reiseveranstalter verteilt. Wir müssen uns bei den Bussen der Firma Private Safari einfinden. Auf dem Parkplatz stehen hellbeige japanische Minibusse, die ihre besten Zeiten hinter sich haben - nicht nur optisch. Doch wir haben enormes Glück mit unseren Mitreisenden. Das sind ein Ehepaar aus Augsburg, Sabine und Joachim, sowie ein Ehepaar aus Bad Langensalza, Kurt und Karola, mit ihrem 25-jährigen Sohn Markus. Nun sind dieser Markus, Carsten und ich alles Männer über einsneunzig, was in dem Kleinbus zu erheblichen Platzproblemen führt. Wir verabschieden uns vorsorglich von Bandscheiben und Knien. Unsere Befürchtung, dass die Busse uns nicht nur von Nationalpark zu Nationalpark fahren, bestätigt sich sofort. Man lässt uns wissen, dass wir mit den lächerlichen Minidingern auch die Safaris absolvieren. Die vom Veranstalter vollmundig versprochene »Fensterplatz-Garantie« kann man damit den Hasen geben, denn auf der Hinterbank müssen immer drei sitzen, der Mittlere kann gar keinen garantierten Fensterplatz haben. Ach, Katalogtexte! Immerhin lässt sich während der Safaris das Busdach hochklappen. Im Stehen haben dann alle Blick auf die afrikanische Flora und Fauna.
Unser Fahrer heißt Joël. Ein gemütlich runder Mann mittleren Alters. Wir falten uns in den Bus. Die Fahrt führt von Mombasa nach Voi und von dort in den Tsavo East Nationalpark. Die Straße aus Mombasa raus ist okay, die vielen »Baustellen«, die die Asphaltstrecke unterbrechen und bei denen der extrem Lkw-lastige Verkehr mitten durch die Wildnis geführt wird, nehmen wir noch mit Humor.
Und schon nach zwei Stunden ist es soweit: Joël lässt den Minibus von der Piste hoppeln und steuert in einen umzäunten »Curio Shop«. Es hätte uns auch verwundert, wenn es in Kenia anders wäre als in China, Kambodscha oder Indien. Offiziell als Pinkelpause getarnt, ist nun also TAZ-Zeit. TAZ, wir erinnern uns, steht für Touristen-Abzock-Zentrum. Um zu den (durchaus passablen) Toiletten zu gelangen, muss man selbstverständlich den ganzen Laden durchqueren, vorbei an Meterware: Meter um Meter gleichförmig geschnitzten Giraffen, Elefanten, Löwen, Nashörnern und Masai-Kriegerfiguren aus allerlei Holzarten. Gleichzeitig heißt es, unter von der Decke baumelnden Batikstoffen und schmerzhaft kitschigen Gemälden durchtauchen. Wie alle kenianischen TAZ hat auch dieser eine winzigkleine Ecke mit ein paar echten Stücken alter afrikanischer Kultobjekte. Doch egal, ob die Ossis zu touristischer Massenware greifen oder ich eine alte Colon-Figur in die Hand nehme - sofort kleben 20 bis 30 Verkäufer an dir, die dir in passablem Deutsch »Neckermann-Preise« anbieten und »Looki-looki ist kostenlos« zurufen und nicht mehr von deiner Seite weichen, während sie jede deiner Bewegungen und jeden deiner Blicke mit Kommentaren begleiten. Dazu später mehr.

Tsavo East Nationalpark

Mit allgemein erleichterten Blasen und manchen bereits erleichterten Geldbeuteln geht es nach einer halben Stunde weiter Richtung Voi. Der Tsavo East liegt unmittelbar neben der Stadt Voi. Er ist mit seinen 11.747 qkm der größte kenianische Nationalpark. Kaum haben wir das Einlasstor passiert, dürfen wir das Dach öffnen und schuckeln langsam über die roten Sandpisten. Prompt haben wir die erste Sensation vor Augen: Löwen. Die allerersten Tiere unserer Safari überhaupt, und dann gleich Löwen! In Gedanken machen wir einen Haken bei Punkt eins der legendären Big Five, die jeder Safarireisender zu sehen hofft. Die Big Five sind: Löwen, Elefanten, Nashörner, Leoparden und Büffel. Okay, die Löwen liegen ziemlich weit weg unter einem Busch und nur mit Tele, Fernglas und viel Fantasie kann man sie erkennen, aber immerhin. Dann die nächste Erfolgsmeldung: Giraffen! Okay, nur eine Giraffe in noch weiterer Ferne am Horizont. Wahnsinn. So kann es weitergehen. Auch Carsten, der bis zu dieser Sekunde skeptisch in die Wildnis geblickt hat, hats sofort gepackt. Wir fahren weiter und stolpern umgehend über die zweiten Big Five: Eine Herde Büffel zieht langsam vorbei. Wenige Meter weiter eine Gruppe Erdmännchen, gleich daneben eine Pavianfamilie.
Im sicheren Wissen, dass das kaum noch zu toppen sei, erreichen wir die Voi Safari Lodge, unser Heim für die erste Nacht. Die Lodge thront auf einem Hügel, unter dem sich die endlose Weite der Grassteppe erstreckt. Traumblick. Während die anderen die Meldezettel ausfüllen, entdecke ich unten am Hügel die dritten Big Five: Elefanten. Nicht nur ein paar Tiere, es sind Massen. Mehrere Herden oder Familien haben sich an den Wasserlöchern unterhalb der Lodge eingefunden. Die Tiere sind kräftig rot, denn sie wälzen sich in der intensivroten Erde des Tsavo East. Mit Blick auf die roten Riesen genießen wir unser Mittagessen (Buffet, lecker und reichhaltig und zum Glück mit vielen einheimischen Gerichten). Danach pirschen wir den Hügel hinunter, dort führt ein Tunnel direkt zu den Wasserlöchern. Der Tunnel endet in einer Art Bunker, Gitter schützen die Fotografen vor den Tieren und umgekehrt. Fast auf Armeslänge nahe trinken und plantschen die Elefanten. Nachdem wir bereits den ersten 2-Gigabyte-Chip unserer Digitalkamera nur mit roten Elefanten in Nahaufnahme vollgeknipst haben, überlassen wir anderen das Feld.
Ich checke den türkisen Minipool, der nicht nur erstaunlich kaltes Wasser bietet, sondern auch so spiegelglatte Kacheln, dass die Chancen zu einem Oberschenkelhalsbruch fifty-fifty stehen. Die fünf Liegen sind fest in den Händen von ungefähr zehn britischen Großfamilien. Doch das stört nicht, denn wann kann man schon mal Baden mit Traumblick auf die endlose afrikanische Steppe voller roter Elefanten.
Die Zimmer der Lodge haben übrigens alle den Traumblick auf die Ebene, sind jedoch sehr klein und dürftig eingerichtet. Sie strahlen den Charme von Ostblock-Jugendherbergen vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus. Das Bad ist zwar leidlich sauber und immerhin neu gestrichen, aber eine gründlichere Renovierung inklusive neuer Sanitärkeramik hätte nicht geschadet. Die roten Riesen zu unseren Füßen lassen uns die ungemütlichen Räume total vergessen. Überall auf dem Gelände, auch in den Fluren, begegnen uns dann die winzigen Verwandten der Elefanten: Klippschliefer, putzige Pelztierchen, denen man die unmittelbare genetische Nähe zu den Kolossen der Savanne beim besten Willen nicht ansieht.
Nachmittags um vier geht es los zur ersten offiziellen Safari. Joël bugsiert uns in den Bus und brettert los. Kurz nach dem Tor der Lodge folgt die erste von unzähligen Vollbremsungen: elegante sandfarbene Impalas lassen sich Topmodels gleich ablichten. Dann kommen die dunkelbraunen hirschartigen Wasserböcke. Und wieder begegnen uns Elefanten, Elefanten und Elefanten.
Unser Fahrer Joël ist permanent mit den anderen Safarifahrern per Funk verbunden. In Suaheli fliegen die Sätze hin und her. Joël lenkt dabei einhändig den Bus durch die Schlaglöcher und Trampelpfade, gelegentlich klingelt zusätzlich sein Handy und er steuert dann mit den Knien. Wir vermuten, dass sie meistens über uns (die wir uns fortan selbstkritisch Weißbrote nennen werden) ablästern. Oder sie informieren sich gegenseitig, wo welches fotogene Wild zu finden ist. Interessante Meldungen erkennt das suaheli-unkundige Weißbrot daran, dass der Fahrer urplötzlich Gas gibt, Funkmikro und Handy wegschleudert, um bei dem Tempo dann doch die Hände am Lenkrad zu haben, und mit anderen Bussen abenteuerliche Überhol- und Ausweichmanöver veranstaltet. Dieser vielversprechende Funkspruch lotst uns zu einer Gruppe von drei Löwen, die praktischerweise direkt neben der Straße ein Zebra gerissen haben. Als wir ankommen, balgen sich ungefähr 20 Minibusse und Jeeps entlang der Straße um die besten Plätze. Ein ununterbrochenes Rangieren und Hin- und Herfahren, begleitet von halblautem »Stop! Fuck, jetzt halt doch endlich mal! Scheiße! Das wäre die Perspektive schlechthin gewesen!«-Geflüster der oben aus den Bussen herausragenden Fotografen.
Unser Joël ist geduldig wie ein Ochse, findet ein gutes Plätzchen für uns, stellt den Motor ab und wir können in Ruhe knipsen. Hier schon wird uns klar, was wir mit Joël für einen Glücksgriff gemacht haben. Er ist die gutmütige Seele in Person, der für uns das Optimum herausholen möchte, dabei nie um einen gelungen guten Gag verlegen ist - das allerdings meist auf Englisch, weshalb unsere Ossis in der Regel uns irritiert anglotzen.
Nach den Löwen beehren uns auf der Rückfahrt zur Lodge endlich deutlich sichtbare Giraffen. Sie äsen fotogen zwischen den Büschen und haben in Carsten fortan einen glühenden Verehrer auf Lebenszeit gefunden. Und Carstens Giraffenfaszination springt auf die anderen über. Übrigens entwickelt Sabine synchron eine sich täglich steigernde Baobab-Affinität. Die markanten Baobabs, vulgo Affenbrotbäume, bestechen mit wuchtigen, massiven Stämmen, aus deren Krone seltsam dürre und weitverzweigte Äste, die an Wurzelwerk erinnern, ragen. Der Sage nach wollte der Baobab bei seiner Schöpfung schöner als alle anderen Bäume werden. Als ihm das nicht gelang, steckte er schmollend seinen Kopf in die Erde, so dass nur noch das Wurzelwerk gen Himmel ragte.
Schon senkt sich die Sonne rot ihrem Untergang zu. Wir müssen zurück in die Lodge, in der Dämmerung grüßen uns noch mal Büffel und Elefanten.

Nairobi

Die Nacht vergeht viel zu schnell. Wir sind total erledigt nach Flug, Anfahrt, Safari. Doch Joël ist gnadenlos, um 7.30 Uhr ist Abfahrt Richtung Nairobi. Wir hängen in den ausgeleierten Sitzen des Busses und wundern uns über die frühe Abfahrtzeit, denn die Hauptstraße nach Nairobi ist bestens ausgebaut. Die rund 300 km zur Hauptstadt sitzen wir bei den Verhältnissen doch auf einer Arschbacke ab, denken wir naiverweise. Noch ahnen wir nicht, dass die ausgebaute Strecke nur rund 100 km lang ist und quasi ein Geschenkt der EU an Kenia ist. Wir gleiten also flott dahin, als es plötzlich ein höchst ungesundes Geräusch unter dem Bus gibt und Joël flugs die nächste Parkbucht ansteuert. Es ist natürlich keine echte Parkbucht, sondern eine Stelle neben der Straße, an der eine Frau mit drei kleinen Kindern Ziegen hütet, ein Mann in einer Art Kiosk sitzt, der völlig leer ist, und zwei Frauen in einer Erdkuhle Zement für was auch immer anrühren.
Joël krabbelt unters Auto. Joël krabbelt ins Auto. Joël wuchtet die Koffer und Kisten vom Beifahrersitz. Joël flucht. Keilriemen gerissen. Praktisch, dass in der Nähe ein paar beeindruckende Baobabs ihre Wurzeläste in den Himmel recken, da machen wir mit Sabine einfach eine Baobab-Foto-Safari. Als wir zurückkommen, hat unser Bus plötzlich Zuwachs bekommen. Ein zweiter »Private-Safari«-Bus steht da, ein Trupp Weißbrote streunt umher, während die beiden schwarzen Fahrer mitten in den Reparaturarbeiten stecken und dabei seltsamerweise ein großes Brecheisen benötigen.
Wie sich zeigt, gibt es insgesamt drei Busse, die mit uns die gleiche Tour machen. Die Reisenden aus diesem Bus, die nun mit uns warten müssen, bis Joël und »Roadrunner« (so nennt die Truppe ihren Fahrer - bereits hier hätten unsere Alarmglocken schrillen müssen) unseren Bus flott gemacht haben, sind vier Sachsen und drei »superlustige« Dortmunder. Flachwitze, die vom Niveau her »Mainz bleibt Mainz« oder »Kölle alaaf« alle Ehre machen würden, fegen hier im Sekundentakt über die heiße Sandpiste. Die Ossis bilden die hysterisch kichernde Fangemeinde. Apropos Ossis: Egal, wo wir auf dieser Reise sind, begegnen uns beinahe nur Sachsen oder Thüringer. Halb Ostdeutschland scheint in Kenia unterwegs zu sein. Bildungsreise zu den Negern, damit man weiß, wie man sie zu Hause in einer dieser reizenden Städtchen die auf »a« enden am besten durch die Stadt jagt und tot prügelt, bevor man gewöhnungsbedürftiges Demokratieverständnis demonstriert und NDP wählt? Wir wollen mal unsere Thüringer im Bus ausnehmen, aber die Ossis haben auch in Kenia den Hang zum Jammern und Bedröppelt-Dreinschauen, denn der Neger an sich spricht halt so schlechtes Deutsch! Wenn er überhaupt Deutsch spricht! Nü, eiverbibbsch, mei Gudsda, nüsch wah.
Nach einer weiteren halben Stunde heißt es endlich: Reparatur gelungen. Die letzten peinlichen Kommentare gefolgt von gackerndem Geblöke fliegen flach über den Staub, dann geht es weiter. Wir passieren Orte mit klingenden Namen wie Kibwezi, Mtito Andei, Makindu oder Sultan Hamud. Doch die Orte sind erschütternd reizlos. Lieblos entlang der Landstraße aufgereihte Häuserzeilen. Nur ab und an fällt uns eine architektonisch-verspielte, weiß-grün getünchte Moschee auf. Selbstverständlich findet man auch überall Kirchen, nicht nur die der beiden großen Konfessionen, sondern auch die aller möglicher Freikirchen, Splittergruppen und Sekten. Irgendeine Kirche steht in diesem Paradies für Missionare immer irgendwo. Doch im Gegensatz zu den Moscheen sind dies in der Regel trostlose Wellblechbaracken. Manche Kioske und Geschäfte sind bunt bemalt, meist mit Werbung für Cola oder die beiden kenianischen Telekomunternehmen Safaricom (grasgrün) und Celtel (stierblutrot). Doch das täuscht nicht über die Armut der Gemeinden hinweg. In und um die Dörfer stapelt sich achtlos weggeworfener Müll. Felder voller festgetrampelter Plastiktüten, die im konstant zerrenden Wind flattern, gehören zu jeder Ansiedlung. Alles erinnert uns an Indien, als wir auf katastrophalen Straßen durch ärmlichste Nester gehoppelt waren. Wie in Indien gibt es auch in afrikanischen Dörfern immer Straßenschwellen, damit der Verkehr abbremsen muss. Doch anders als in Indien strahlen hier die Orte in Kenia nicht die aggressive Feindseligkeit aus. Viele Menschen winken fröhlich, vor allem die Kinder. Man sieht nicht nur finster blickende Männer wie in Indien, sondern fröhlich lachende Menschen. Damit punktet Kenia deutlich vor dem Subkontinent. Okay, vergessen wir mal die Kinder, die uns Steine nachwerfen, das ist wirklich die Ausnahme.
Unsere Fahrt nach Nairobi zieht sich nun, denn die tolle EU-Straße ist längst zu Ende. Wir zuckeln über Schlaglochpisten, werden stundenlang durchgeschüttelt wie Cocktails und absolvieren pflichtschuldig unsere als Pinkelpausen getarnte TAZ-Stops, bei denen unsere Thüringer brav kaufen und kaufen und kaufen. Schließlich erreichen wir die Outskirts von Nairobi. Die Straßenverhältnisse bessern sich, Asphalt löst blanke Erde ab. Der Himmel ist grau und hängt tief. Vorbei geht es am Flughafen und den ersten Slums. Die Fahrt durch die Stadt ist ein einziges Stop-and-Go. Es ist bereits Berufsverkehr, die Metropole kollabiert. Überall auf den Gehsteigen sind zudem endlose Menschenmassen zu Fuß unterwegs. Ein dichter, scheinbar endloser Strom Menschen schiebt sich durch die Stadt. An Kreuzungen und bei Ampeln hüpfen Zeitungs- und Ramschverkäufer zwischen den Wagen hin und her und hoffen auf ein Geschäft.
Der nächste Programmpunkt, der uns erwartet, ist das Carnivore-Restaurant. Das Resto liegt in einem streng bewachten Gelände beim Wilsom Airport, dem kleinen Flughafen für Inlandsflüge. Wir müssen, wie in den meisten anderen Restos auch, in der Gruppe bleiben. Keine freie Platzwahl. Der Betrieb ist riesig und nicht sehr einladend, trotz der pseudoafrikanischen Deko. Die Toiletten verfügen über keinerlei Deko, sind mini und noch weniger einladend. Ein Kellner erklärt uns das Prinzip: Wir bekommen eine Etagère auf den Tisch gestellt, darin sind Minitöpfchen mit verschiedenen Saucen und ein paar »Beilagen«, dabei handelt es sich in etwa um zwei Salatblätter, einen Hauch Spinat, Spuren von Tomatensalat und ein paar Fitzelchen Gurkensalat. Oben auf der Etagere steckt ein kleiner Wimpel. Diesen, so weist man uns an, sollen wir so lange stecken lassen, wie wir Hunger haben. Wenn wir ihn herausnehmen und hinlegen, ist es das Zeichen für die Kellner, uns nur noch das Dessert zu reichen. Okay, denken wir, denn mal los. Aufgrund der Autopanne und der Straßenverhältnisse ist es bereits kurz vor sechzehn Uhr. Dann schließt das Resto, was uns keiner sagt, aber spüren lässt. Zunächst bekommt jeder eine frittierte Kartoffel, dann folgen im Minutentakt Burschen, die riesige Spieße mit Fleisch auf deinen Teller knallen und dir ein dünnes Scheibchen abschneiden. Rind, Schwein, Truthahn, Chickenwings, Krokodil und Hackfleischbällchen vom Strauß. Meine Hoffnungen auf Zebra, Giraffe, Kudu oder ähnliches wird brutal enttäuscht. Das Fleisch ist okay, die Chickenwings sind labbrig und fade. Krokodil kenne ich von der letzten Safari und lehne es ab, alle anderen probieren es und verziehen angewidert das Gesicht. Es schmeckt nun mal wie Hühnchen meets Fisch mit Knorpeln. Alles nicht sehr aufregend und vor allem von der Menge her nicht genug. Längst hat sich das Lokal geleert, die anderen Gruppen sind abgefüttert und auf dem Weg in ihre Hotels. Wir sitzen mit knurrenden Mägen vor leeren Tellern. Von wegen, essen bis wir platzen und das Fähnchen hinlegen. Letztlich legen wir das Fähnchen hin, weil wir die Schnauze voll und die Mägen mit Beilagen gefüllt haben.
Der Vorteil unserer Pauschalsafari: Fast alles ist inklusive, wir müssen überall nur die Getränke zahlen. Wir zahlen also. Der Orangensaft - angeblich frisch gepresst, schmeckt aber nach Wasser mit Zucker - kostet schlappe 300 Schilling (ca. 3,50 Euro). Nicht das erste Mal, dass uns die horrenden Getränkepreise sprachlos machen. In den Lodges, die für Lieferwagen nur mühsam zu erreichen sind, mögen Preise wie 280 Schilling (ca. 3,30 Euro) für ein 0,25-l-Bier oder dieselbe Menge Mineralwasser noch nachvollziehbar sein. Für downtown Nairobi ist es einfach frech.
Joël bringt uns in unser Hotel, das Jacaranda. Jacaranda ist ein traumhaft schöner Baum, der komplett violett blüht. Auch wenn im Hotel kein Jacarandabaum zu sehen ist, ist es durchaus empfehlenswert. Da sich mittlerweile die Dämmerung über Nairobi senkt und die Stadt nach Einbruch der Dunkelheit keinen besonders guten Ruf genießt, bleiben wir im Hotel. Ich erkunde gemeinsam mit den Augsburgern noch einen Shoppingcenter gleich auf der anderen Straßenseite, doch der bietet nur das weltweit Shoppincenterübliche. Erstaunlich, dass es hier einen Bioladen (nicht erstaunlich: mit ausschließlich weißer Kundschaft) und einen Apple-Store mit den neuesten iPods gibt. Als wir zurück zum Hotel gehen, fallen uns das erste und einzige Mal Bettler an, die der Wachmann vom Hotel rüde verscheucht.
Den meisten ist noch schlecht vom Carnivore, also endet unser Abend bierselig mit den Augsburgern im Hotelrestaurant. Es regnet leicht. Neben dem einheimischen Tusker-Bier, das bei uns problemlos als alkoholfreies Light-Bier über den Tresen gehen würde, gibt es sogar ein gehaltvolleres Pilsner. Alkohol und die anstrengende Fahrt machen es möglich, dass wir trotz der Disco, die unter, neben, über oder vielleicht sogar in unserem Zimmer ist, schlafen können.

Masai Mara Nationalpark

Am nächsten Tag geht es um 6.30 Uhr weiter. Nairobi hat sich als London verkleidet und liegt in dichtem Nebel. Teilweise sieht man kaum die Hand vor Augen. Neben den Zeitungsverkäufern tummeln sich nun auch rot gekleidete Nescafé-Hostessen an den Kreuzungen und verteilen Nescafé-Proben in Nescafé-Bechern. Wo die wohl ihr heißes Wasser herkriegen?
Wir fahren auf der A 104 Richtung Großer Ostafrikanischer Grabenbruch. Kaum liegen die letzten Stadtslums hinter uns, lichtet sich der Nebel und wir finden uns auf einer gut ausgebauten, gewundenen Straße bergab. Rechts von uns öffnet sich der Blick auf die endlose Weite des Ostafrikanischen Grabensbruchs.
Um die sensationelle Weite der Landschaft genießen zu können, wäre ein Halt gut. Als hätte er unsere Gedanken erraten, steuert Joël die nächste Parkbucht an, an der rein zufällig, wie an allen anderen Parkbuchten der Strecke, ein TAZ liegt. Wobei es eher eine TAZ-Karikatur ist, denn es liegt auf einer abenteuerlichen, selbstgezimmerten Plattform, die auf schiefen Pfählen aus der Steilwand direkt über den gähnenden Abgrund hinausragt. »Karibu« (»Willkommen«) steht in großen schwarzen Lettern auf der weiß getünchten Brüstung. Ein Verkäufer stürzt sich auf mich und fragt mich, ob Sabine meine »Mama« sei. Sabine ist nur mit Mühen davon abzuhalten, dem Mann für die vermeintliche Frechheit eine zu scheuern, denn schließlich ist sie nur ein Jahr älter als ich. »Mama«, so erfährt Sabine, ist hier die übliche Bezeichnung für Frauen. Männer sind prinzipiell »Papa«.
Nur mit Flattern im Bauch begehen wir die Plattform, um ein Foto zu machen. Carsten sucht den extremen Thrill und geht aufs Klo, das am äußersten Ende der Plattform noch ein Stück weiter über dem Abgrund ragt. Sein kreidebleiches Gesicht, als er nach bangen Minuten auf allen Vieren zurück auf die sichere Straße robbt, zollt dem Umstand Rechnung, dass die Toilette ein Loch im Boden mit direkter Sicht auf den einige hundert Meter tiefer gelegenen Ostafrikanischen Grabenbruch ist. Nachdem unsere Thüringer die kenianische Wirtschaft angekurbelt haben, fahren wir die Serpentinen weiter gen Tal. Die Straße wurde, so erläutert Joël, während des 2. Weltkriegs von italienischen Kriegsgefangenen gebaut. Italien hatte damals das benachbarte Äthiopien kolonialisiert.
Bei Limuru biegen wir ab auf die B 3 - Ende der Ausbaustrecke. Was nun nach einem erneuten TAZ-Stop folgt, hat mit den Begriffen »Fahrt« und »Straße« nicht einmal ansatzweise was zu tun. Es beginnt vergleichsweise harmlos mit Schlaglöchern im Asphalt, dann kommen die ersten Umleitungen, nur ein paar hundert Meter durch die Prärie. Schließlich besteht die Fahrpiste nur noch aus »Deviations«, alle hundert Meter weisen Schilder darauf hin, dass die »road under construction« sei. Doch wir entdecken keine Road. Alles, was es da gibt, ist eine mitten durch den Busch gefräste Piste, NEBEN der sich eine Armada von wild schaukelnden, schwer beladenen Lkw die Fahrrinne des geringsten Schlaglochaufkommens sucht, dazwischen hüpfen Minibusse und Pkw wie Pingpongbälle von Buckel zu Buckel. Vorwärtskommen ist gleich Ausweichmanöver. Linksverkehr, in Kenia offiziell üblich, weicht dem Irgendwieverkehr, in Kenia inoffiziell üblich. Wir brettern mit 40 oder 50 km/h und jammernden Stoßdämpfern sowie knackenden Achsen durch Staub und Dreck. Stunde um Stunde.
Während wir uns verzweifelt an allem festhalten, woran man sich in Minibussen festhalten kann, und auf unseren Sitzen herumgeschleudert werden wie auf dem Rummel, zieht eine unspektakuläre Landschaft an uns vorbei. Ab und an ein trostloses Dorf mit grünen Safaricom- und roten Celtel-Häusern, gelegentlich ein Masai-Dorf mit Lehmhütten hinter Dornenzaun. Ziegen- und Kuhherden ziehen von kleinen Jungs angetrieben durch die Ebene - und dazwischen (obwohl wir in keinem Nationalpark sind) Zebraherden, Impalas, Thompson-Gazellen, Strauße oder Giraffen. Masai mit roten oder violetten Tüchern stehen am Wegrand und gucken uns nach. Über weite Strecken säumen Mais-, Getreide- oder Aloe-Felder die Straßen.
Carsten diskutiert mittlerweile trotz Megagehoppel japanische Literatur mit Joachim. Sabine referiert dazwischen aus ihrem Führer zu Kenias Tierwelt, welche Affen, Vögel und Kleinstlebewesen wir bereits gesehen haben. Markus ist dazu übergegangen, ein Fotobuch über Kenias Straßen zu erstellen, denn alle zehn bis zwanzig Minuten knipst er durch die Windschutzscheibe, was sich so vor uns präsentiert. Ich hingegen bin längst seekrank und hänge in den Seilen.
Irgendwann passieren wir das von jeglichem Liebreiz verschonte Städtchen Narok, dessen einspurige Einfallstraße von rund 3 Mio. rangierenden Lkw blockiert wird und alle Minibusse und Pkw zum Fahrstil »Wilde Maus« zwingt. Nach Narok gibt es erneut einen Anflug von ausgebauter Straße, dann wieder Buckelpiste. Als wir schließlich die Masai Mara erreichen, ist es früher Nachmittag. Der Weg von der Hauptstraße zur Lodge wäre uns noch am Vortag mit seinen metertiefen Pfützen, Löchern und Abgründen abenteuerlich vorgekommen, nun schockt uns nichts mehr. Mehr pro forma frage ich Joël, als wir wagemutig durch eine Wasser-Schlamm-Achterbahn mit Buckeln und tiefen Tälern juckeln, die jedem Werbespot für Offroader zu Ehre gereicht hätte, ob wir denn Vierradantrieb hätten. Joël vergisst vor Lachen fast Gas zu geben. »Four wheele drive?«, japst er, als er die Kutsche auf sicherem Terrain hat. Wir verstehen und bewundern seine Fahrkünste und die Qualität japanischer Minibusse danach noch mehr. Als wir aussteigen, tremolieren wir noch eine ganze Weile nach.
Die Masai Sopa Lodge liegt außerhalb des Masai Mara Nationalparks an einem Berghang, der Ausblick ist nicht so spektakulär wie in Tsavo East. Dafür punktet die Anlage mit einem blühenden Garten voller exotischer Pflanzen. Wir sind auf über 2000 m Höhe. Vom Hauptgebäude erstrecken sich links und rechts die Wege zu den Rundhütten, in denen unsere Zimmer sind. Jede Rundhütte beherbergt zwei Zimmer, diese sind offensichtlich in den 1960er Jahren von einem lichtscheuen Designer eingerichtet worden. In düsteren Farben großgemusterte Vorhänge und Schabracken an den ohnehin nur sehr kleinen Fenstern halten das Tageslicht fern. Alles im Raum ist so dunkel und drückend, dass man selbst bei Tag Licht anmachen muss (wenn man kann, denn es gibt nur alle paar Stunden Strom) und man schreiend, nach Luft ringend aus der Tür stürzen möchte. Nach Luft ringen ist auch aus einem anderen Grund zwingend erforderlich: Die Toilette ist mit dermaßen viel knallblauer Aromaflüssigkeit befüllt, dass sich der Geruch von Urinsteinen im ganzen Raum breit macht. Nachts haben wir das Gefühl, in einem Urinal zu nächtigen.
Bevor wir am Nachmittag unsere erste Masai-Mara-Safari unternehmen, können wir fakultativ ein Masai-Dorf in der Nähe besuchen. Das, so erklärt und Joël, kostet schlappe 1000 Schilling pro Person, dafür dürfen wir aber alles und jeden fotografieren. Masai zu fotografieren ist nämlich landesweit nur gegen Bares möglich. Wenn wir also schon mal da sind, nehmen wir das Angebot an. Am Eingang warten zwei Masai-Krieger auf uns. Es sind Stiefbrüder, Söhne des Häuptlings. Wir werden mit »Sopa« begrüßt, das ist die masaianische Version des suaheliüblichen »Jambo«, zu Deutsch »Hallo«. Der Wortführer heißt San und führt uns einmal quer durch die Savanne. Roter Kristallstaub färbt Schuhe und Hosen ein. San zeigt uns die Pflanze, deren Blättern den Masai als Deo und Erfrischungstuch dient. Sie riecht herrlich nach korsischer Macchia, einer würzigen Mischung aus Honig und Kräutern. Er erklärt uns, dass sein Volk nur einen Gott hat, der in verschiedenen Formen auftritt, als Blauer Gott für die Lebenden und als Roter Gott für die Toten. Wir quetschen ihn aus zu Themen wie Vielweiberei (jawohl, aber hallo!), rote Tücher (Rot, so glauben die Masai, verscheucht Löwen, in Wahrheit lassen die Tücher Krieger größer erscheinen und verschrecken daher hungrige, farbenblinde Löwen), Schmuck (San hat da prompt ein paar Perlenketten und Löwenzähne günstig im Angebot, hängt alles zufällig um seinen Hals) und Schuhwerk (Masai tragen Sandalen aus alten Autoreifen) aus. Sandalen aus Autoreifen? Joachim ist fasziniert, vergleicht die Schuhgröße mit San (würde passen) und will sofort auch welche. San macht einen Riesenbohei, dass man die nur in Tansania bekäme, auf einem einzigen Masai-Markt, der vier Tagesreisen zu Fuß entfernt sei. Allerdings hätte Sans Vater da noch ein paar niegelnagelneue Sandalen ... Eine gute Dreiviertelstunde später sind wir am Dorf angekommen. Vor uns wird noch eine andere Reisegruppe mit Tanz und Show abgespeist. Nun kassiert San das Eintrittsgeld, das, wie er versichert, kein Eintritt ist, sondern vielmehr eine Spende zugunsten der Dorfschule. Und von 1000 Schilling ist auch keine Rede mehr, denn nun machts 1.500 p. P. (wahlweise 20 Euro oder 25 Dollar).
Dann tanzen zuerst die Männer, hüpfen brav und eher lustlos in die Höhe, wie man das von Masai so erwartet, danach folgen die Frauen. Alles sehr farbenprächtig und fotogen. Auffällig, dass die Masai entgegen der landläufigen Meinung keineswegs besonders groß sind. Carsten, Markus und ich überragen alle um Längen. Nun dürfen wir das Dorf betreten. »Sopa« hier und »Sopa« da. Die Kinder kichern. Die Masai-Dörfer haben in ihrer Mitte einen Kral für die Kühe und Ziegen, drumherum gruppieren sich die Lehmhütten, die wiederum mit einem Schutzwall aus Dornenhecken umgeben sind. Ein Greis humpelt vorbei und lässt sich fotografieren, weil ich ihm mein Safari-Käppi gebe. Danach krabbeln wir durch die winzige Öffnung in das Innere der Hütte, in der Sans Stiefbruder mit seiner Familie lebt. Schwärze umfängt uns, kleine Kinder wuseln umher, wir robben in die Wohn-Schlaf-Küche und eine verlegen lächelnde Frau in traditionellem Gewand lässt sich geduldig mit Blitzlicht fotografieren. Zuletzt heißt es Shoppen, die Masai haben ein eigenes kleines TAZ aufgebaut. Eine Art Kral mit Ständen, die eine Rückwand haben. Die Verkäufer stehen hinter den Ständen und stecken ihre Köpfe durch ein Loch in der Rückwand. Die Ware ist der übliche Tand. Zum Glück bleiben sich unsere Ossis als Motoren der kenianischen Wirtschaft treu, so dass wir ruhigen Gewissens zur Besichtigung der Schule schreiten können. Ja, denn die ist bereits fertig, und um möglicher Kritik unsererseits an den 1.500 Schilling p. P. zuvorzukommen, schaut San demonstrativ verwirrt. Schule? Hat er Schule gesagt? Er meinte natürlich, dass unser Eintrittsgeld eine Spende für das neue, noch zu bauende Krankenhaus sei! In der Schule empfängt uns der Lehrer, erzählt ein bisschen was über fleißige Schüler und bittet dann um eine Spende für die Schule. Wenn wir wollten, könnten wir auch gleich ein Kind »adoptieren« und so seine Schulbildung sicherstellen. Irgendwie will keiner von uns. Zudem drängt sich uns der Verdacht auf, dass die Masai dieses Dorfes nach Dienstschluss ihre Tücher ablegen und zum ungefähr zweihundert Meter weiter entfernten Ort mit Steinhütten gehen. Bevor uns Joël in den Bus bugsiert, kommt San noch einmal angelaufen und verkauft Joachim das paar neue Autoreifensandalen, das rein zufällig noch beim Papa herumstand.
Wir haben bei der Masai-Dorfbesichtigung so lange getrödelt, dass unsere erste Masai-Mara-Safari dann kurz ausfällt. Es ist Migration, das bedeutet, dass alle Gnus und Zebras dieser Welt auf einen Schlag von der tansanischen Serengeti in die angrenzende kenianische Masai Mara pilgern. Um uns herum endlose Gnu- und Zebraherden - noch finden wirs schick. Aber bald werden die ersten »Gnus raus«- und »Keine Zebras mehr«-Rufe laut.
Abends in der Lodge haben wir die klassische Herrenmenschen-Safari-Begegnung, als ein aufgebrachter Mann jenseits der 60 sich an der Rezeption darüber aufregt, dass der Souvenirladen nicht geöffnet ist, obwohl es halb sieben ist und der Laden laut Schild seit sechs aufhaben müsste. Selbstverständlich tobt der Herr auf mühsam gehochdeutschten Sächsisch vor den verzweifelt lächelnden Rezeptionistinnen. Kurze Zeit später, wir haben den nun geöffneten Souvenirladen zwecke Briefmarkenkauf geentert, dürfen wir erleben, wie sich der Verkäufer von besagtem Herren auf sein freundliches »Jambo« ein deutlich artikuliertes »Guten Tag« und später auf das »Good Bye« ein peitschenhiebscharfes, oberlehrerhaft hingeschleudertes »Auf Wiedersehen« einfängt. Dazu der strenge »Lern-das-gefälligst-du-Bimbo«-Blick.
Nach einer kurzen, urinsteingeschwängerten Nacht dürfen wir einen ganzen Tag in der Masai Mara verbringen. Joël, mit Funkgerät, Handy, Gangschaltung und Lenkrad jonglierend, findet wie üblich immer noch Zeit, uns auf irgendwelche halb im Busch verborgenen Tiere aufmerksam zu machen. Es ist beinahe ein Wunschkonzert. Wir haben uns am Vortag gewünscht, dass eine Elefantenherde aus dem Busch kommt, vor uns die Straße überquert und dann im Busch verschwindet. Voilà, die bestellte Herde mit putzigen Babys zählt gut und gerne zehn Tiere.
Wir wünschten uns Großkatzen und schon schleicht sich rechts ein Gepard an Gnus und Zebras heran.
Wir wünschen uns einen Leopard und Joël verbringt mit uns mehrer Stunden vor einem Gebüsch, in dem heute angeblich ein Leopard gesichtet wurde. Andere Autos kommen und gehen, die Mär vom Leopard hat sich herumgesprochen. Keiner sieht ihn. Dann aber entdecken Markus und ich ihn, wie er zwischen den Büschen hinter einem kleinen Hügel verschwindet. Mein »Da isser! Leopard voraus!« wird vom Rest meiner Reisebegleiter mit »Schon gut, wir hatten alle wenig Schlaf.« oder »Hey, und da sind rosa Elefanten auf Einrädern!« kommentiert. Mein Einwand, das Markus ihn auch gesehen hätte, wird fröhlich hinweggefegt, denn der knickt ein und faselt plötzlich was von »Naja, halt so ein Schatten, der von links nach rechts ist.«. Obwohl ich schmolle, beobachte ich weiter das Gebüsch und erheblich später sehe ich ihn als einziger erneut. Mitleidvolle Blicke streifen mich, Sabine murmelt irgendwas von »erschütternd in dem Alter« und Carsten greift unter allgemeinem Beifall zum Handy, um für mich nach der Rückkunft in Deutschland einen Augenarzttermin klar zu machen. Nach langen Minuten lässt Joël den Motor an und wir verlassen das Gebüsch.
Joël hat einen Tipp bekommen und pest los. Auf einer großen Wiese stehen mehrere Busse und Jeeps, wir gucken und gucken, schließlich entdecken wir beim Näherkommen zu unserer Linken einen riesigen Schwarm von Geiern. Wow! Sabine, bis vor kurzem nur auf Baobabs fixiert, hat am Vortag ein zusätzliches Faible für Geier entdeckt, die sie allerdings wie alle anderen Vögel konsequent »Adler« nennt. Der Bus bekommt fast Schlagseite nach Links, weil wir alle knipsend in dieser Richtung hängen. Joël räuspert sich vernehmlich und sagt gelangweilt: »If I were you, I would take a look to the right.« Klar, denken wir, Joël will uns von den tollen Geiern ablenken, netter Versuch! Aber wir tun ihm den Gefallen und riskieren einen Blick nach rechts. Prompt sehen wir uns Auge in Auge mit einer Gepardin sowie deren vier fast erwachsenen Kindern, die eine Gazelle fressen. Joël glaubt, ein paar Minuten reichen uns, aber wir zwingen ihn, so lange zu bleiben, bis die Geparden die Karkasse mit fetten Wampen verlassen. Nur ein großes blutiges Organ lassen sie unberührt übrig. Unsere Katze hat früher immer die Galle der Mäuse fein säuberlich übriggelassen. Aber eine Gazellengalle kann kaum so groß sein. Ein Jungtier jagt noch schnell ein paar Geier, dann verziehen sich die Raubkatzen. Die Geier stürzen sich sprichwörtlich auf die Reste. Ein langbeiniger Marabu stakst dazwischen herum und sichert sich die besten Stücke.
Joël macht immer wieder einen Schlenker zurück zum Leoparden-Gebüsch. Vergebens. Plötzlich schreit Karola an einem Wasserloch: »Da isser!« Vollbremsung. »Sogar zwei!« Karolas Stimme überschlägt sich. Alle Fotoapparate richten sich nach Karolas ausgerecktem Arm. Vor uns zwei gefleckte Tiere. Die Finger an den Auslösern entspannen sich. Es sind getüpfelte Hyänen.
Das Mittagessen dürfen wir im Park einnehmen. In weiser Voraussicht haben wir alle vegetarischen Lunch bestellt. Wir steuern den Picknickplatz an, einen einsamen Baum auf einem Hügel. Unser Veggie-Lunch besteht aus kalten, indisch gewürzten Labber-Pommes-Frites, einem weichen Brötchen belegt mit einem halben Salatblatt plus einer Tomatenscheibe, einem weiteren weichen Brötchen mit einem fingernagelgroßen Stück Käse, Joghurt, Obst und zwei trockenen Pfannkuchen. Dazu gibt es ein Päckchen Erdnüsse und ein Tetrapack Orangensaft. Wenn Meryl Streep und Robert Redford in »Jenseits von Afrika« in der Savanne gepicknickt haben, sah das irgendwie appetitlicher aus.
Wo wir gerade bei »Jenseits von Afrika« und Karen Blixen waren: Eine Pinkelpause dürfen wir in der Keerokok Lodge verbringen, einem Luxustraum mitten im Naturpark. Angeblich logierte hier die Filmcrew bei den Dreharbeiten zu »Jenseits von Afrika« und der Staatspräsident geruht für gewöhnlich hier abzusteigen. Wir können es nachvollziehen.
Am Nachmittag legen wir uns erst am Mara-Fluss auf die Lauer, denn auf der anderen Seite haben sich die Gnus gesammelt, um irgendwann in einer Stampede den Fluss zu überqueren. Leider warten wir vergebens. Kein Tier prescht vor und wirft sich in die Fluten und den Krokodilen zum Fraß vor, wie man es aus dem Fernsehen bei Gnuwanderungen sonst so sieht. Viel später werden wir erfahren, dass die Viecher noch satte zwei Tage gezaudert haben. Also gondeln wir ein wenig am Hochufer des Flusses entlang, in der Hoffnung auf Hippos. Der kosmische Bestellservice funktioniert bestens, denn ein aggressives Männchen mit völlig vernarbtem Rücken steht allein am Wegrand, frisst, bedroht uns mit weit aufgerissenem Maul, frisst, rennt mit weit aufgerissenem Maul auf unseren Bus zu, frisst, verschwindet. Die Fotografen danken. Später dürfen wir am Mara aussteigen und die Hippos so sehen, wie die anderen Touris sie zu sehen bekommen: Wenn sie schnaubend zum Luftholen aus dem Wasser tauchen. Die hier hockenden uniformierten Jungs mit Maschinengewehren sind Grenzsoldaten, keine Security, um die Touristen vor Hippos und Krokos zu beschützen.
Joël hat einen sechsten Sinn für Dramatik und Höhepunkte. Beim Herumkreuzen und der Suche nach Attraktionen, folgt er auf Gutglück einem luxuriösen Jeep voller Schnösel, bei dem ein Masai neben dem Fahrer hockt und mitten in die Savanne deutet. Wir bleiben dem Wagen auf der Spur, auch als er von der Straße abbiegt und querfeldein rast. Querfeldein ist in den Nationalparks natürlich strengstens verboten. Doch wenn man dann eine Gruppe von acht Löwenweibchen beim Gnu-Dinner aus nur drei Meter Entfernung sehen kann, setzen wir uns gerne mal über Verbote hinweg. Ein Weibchen säugt sogar vier Jungtiere. Anders als die Geparden fressen die Löwen jedoch nicht, keine Knochen krachen unter den mächtigen Kiefern. Die Tiere haben sich in verschiedene Teile des Gnus verbissen und knurren und fauchen sich gegenseitig an. Die Fotoapparate laufen heiß. Der Schnösel-Masai-Jeep bricht schnell wieder auf. Auch Joël drängt panisch zum Aufbruch, denn ein kleiner Jeep taucht auf. Joël fürchtet Park-Ranger. Wenn sie uns abseits der Straße erwischen, wird es sehr teuer und sehr unangenehm. Aber wir haben Glück, es sind ebenfalls Touristen. Unsere Löwen sprechen sich sofort herum wie ein Lauffeuer. Während wir weiter und weiter wegfahren, zudem starker Regen einsetzt, und wir ohne Vierradantrieb auf glitschigen Wegen herumschliddern, rasen aus allen Richtungen Busse und Jeeps dahin, wo wir eben fast alleine waren. Aus gebührendem Abstand zählen wir schließlich 36 Fahrzeuge, die sich alle brav und korrekt entlang der Straße, an der den Löwen nächstmöglichen Stelle tummeln. Und von überall her sehen wir weitere ankommen.

Lake Naivashi

Sabine, die immer ihren Reiseführer und Keniakarten am Anschlag hat, hatte längst Cassandra gespielt und uns gewarnt. Nun wird es für uns bittere Wirklichkeit: Der Weg von der Masai Mara zum Naivasha Lake nördlich von Nairobi ist zum Großteil identisch mit dem Weg von Nairobi hierher. Wir schleudern also stundenlang über die nicht vorhandene Piste und genießen die paar Kilometer Asphalt bei Narok umso mehr. Markus fotografiert Straßen, Carsten schläft (!), Joachim hat seinen iPod randvoll mit Bachkantaten und liest dazu Schopenhauer, dessen gesammelte Werke er im Rucksack mit sich führt. Sabine, ebenfalls mit iPod bewaffnet, singt lauthals »Highway to Hell« mit. Kurt und Karola gucken schweigend aus den Fenstern und mir ist schlecht. Wie üblich.
Plötzlich kommt der Ausbruch aus der Routine: Wir halten mitten in der Pampa. Vor uns steht der andere Private Safari Bus. Diesmal haben sie einen gerissenen Keilriemen. Und da unser Joël augenscheinlich der Chefmechaniker von Private Safari ist, müssen wir nun die Reparatur mit abwarten. Dummerweise hatten wir lange keinen Pinkelstop mehr. Für uns Jungs sind die kleinen Bäume in der Ferne leicht erreichbar, doch die Mädels haben ein kleines Privatsphärenproblem. Schließlich ist Sabine ganz mutig und verzieht sich auf die andere Straßenseite mitten in eine verdutzt glotzende Zebraherde, nachdem wir ihr geschworen haben, dass wir uns alle wegdrehen, bis sie Entwarnung gibt.
Ein paar andere Safaribusse kommen vorbei. Alle halten, fragen, ob sie helfen könnten. Doch unser Joël macht das schon. Schließlich kommt ein leerer Safaribus, hält und die andere Gruppe steigt ein. Der Bus fährt los. Wir starren verdattert hinterher. Hallo?! Und wir?! Das hat man vom Helfen!
Irgendwann sitzt der Ersatzkeilriemen dann doch, wir können weiter. Nach Stop an einem bereits von der Hinfahrt bekannten TAZ, nähern wir uns Uplands - und einem erneut liegengebliebenen Private-Safari-Bus! Schon wieder der von eben. Langsam reichts. Diesmal ist es ein Elektronikproblem. Joël muss erneut ran. Wir stehen im Straßengraben, bewundern den weiten weiß-blauen Himmel, der Bayern alle Ehre gemacht hätte, und warten und warten. Zwischenrein, weil’s sonst nicht zu tun gibt, überhäufen wir einen kleinen Jungen, der Ziegen hütet, mit Kugelschreibern.
Zur Sicherheit bauen die Jungs einen Sitz aus und platzieren ihn anstelle eines Warndreiecks hinter den Bussen auf die Straße. Immer mehr Safaribusse halten. Fahrer diskutieren und geben schlaue Kommentare, bis schließlich irgendeiner ein Stück Draht dabei hat, das angeblich die Lösung aller Probleme bedeutet. Der Sitz wird wieder eingebaut, es geht weiter. Ungefähr fünf Meter. Dann bleibt der Bus erneut liegen. Wieder aussteigen, Sitzausbauen, warten. Wir werden stinkig. Als Joël dann schließlich das Zeichen zur Abfahrt gibt, sagt Sabine drohend: »Den anderen Bus lässt du nicht mehr überholen! Wenn die noch einmal eine Panne haben, dann sollen die hinter uns sein und ein anderer Bus muss halten!«
Joël hält sich dran. Ab Uplands kommen wir auf die bestens ausgebaute A 104, die Transafrikana, Richtung Naivasha. Markus fotografiert sich die Finger wund.
»This road is a mistake«, erklärt Joël. »It was planned for Germany but then they builded it here!«
»Echt?« Sabine ist schockiert, merkt nicht, dass wir uns längst kringeln vor Lachen. »Für Deutschland geplant und dann aus Versehen hier gebaut? Also wirklich, wie kann denn so was passieren?« Auch nachdem wir ihr ausführlich Joëls Scherz erklärt haben, und Joël auf die Seele seiner Großmutter schwört, dass es nur ein Witz war, bleibt sie skeptisch. »Also ich glaube das sofort. Heutezutage weiß man nie!«
Der Lake Naivasha, knapp 2000 m hoch gelegen, ist das Zentrum eines landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebiets. Rund um den See reiht sich Gewächshaus an Gewächshaus. Kenia ist, wie Markus zu berichten weiß, der weltgrößte Exporteur von Rosen. Hier liegen auch die einzigen Weinberge Kenias. Leider bekommen wir nirgends einheimischen Wein. Immer, wenn er auf der Karte steht, ist er angeblich gerade aus.
An der Lake Naivasha Sopa Lodge, in der wir nächtigen, schmeißt uns Joël ziemlich schnell raus, denn er muss noch einmal zurück: Der  andere Bus hat endgültig seinen Geist aufgegeben und Joël muss die Gruppe abholen. Wir erinnern uns, dass wir mitten auf der Strecke ein wütendes Gebrüll über Funk mitgehört haben.
Wir lustwandeln derweil durch den parkartigen, traumhaften Garten der Lodge. Da gibt es meterhohe Kakteenwälder, mächtige Baobabs und riesige Schirmakazien. Trotz der sensationellen Idylle fragen wir uns aber, warum wir überhaupt hier sind und dazu noch die Mörderfahrt auf uns genommen haben. Wir waren aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen darauf eingestellt, dass hier das Flamingo-Paradies sei. Das ist aber der Lake Nakuru. Am Naivasha gibt es außer ein paar Hippos nur Wasserböcke, Affen und jede Menge andere Vögel, die vielleicht manches Ornithologenherz höher schlagen lassen, uns hingegen nicht wirklich interessieren. Zudem zeigen uns die Leute, die eine Bootstour gemacht haben (eine Stunde für nur 2000 Schilling p. P.) ihre magere Fotoausbeute: Ohren und Nasenlöcher von auftauchenden Hippos, ein paar Kormorane, einige Pelikane und der Jachtclub. Gähn. Wir machen keine Bootstour. Bummeln lieber durch die Botanik hin zum von Papyrus und Schilf zugewucherten See.
Weil es sonst nichts zu tun gibt, und wir schließlich hunderte von schmerzhaften Kilometern hierher gehoppelt sind, wollen wir wenigstens den Pool nutzen. Ungünstigerweise zieht da der Himmel zu. Es regnet zwar nicht, aber die Temperatur sinkt deutlich unter Nackich-am-Pool-liegen-und-sich-wohlfühlen-Grade.
Die Unterkünfte der Lodge liegen in großzügigen Rundhütten, zwei Zimmer unten mit Terrasse, zwei oben mit Balkon. Die Zimmer sind gigantisch und luxuriös. Mit Abstand die besten auf der ganzen Reise. Dazu ist im Haupthaus die schönste aller Abendlounges mit bequemen Lümmelsofas und einem romantisch knisterndem Lagerfeuer. Rotzfreche Grüne Meerkatzen, deren Männchen leuchtend türkise Eier haben, belauern einen und schnappen sich alles an Nahrungsmitteln, dessen sie habhaft werden können. Die schwarzweißen Colobusaffen, die mit ihrem zottigen Fell an kletternde Flokatis erinnern, bleiben hingegen hoch oben in den Bäumen.
Nach Einbruch der Dunkelheit, so hat man uns an der Rezeption eingeschärft, sollen wir anrufen, dann würde man uns Security schicken, die uns zum Abendessen geleitet, denn allein dürfe niemand nachts über das Gelände gehen. Der Grund: Nilpferde weiden im Garten. Hippos sind bekanntlich die gefährlichsten Tiere Afrikas. Die gemütlich wirkenden Dickerchen sind in Wahrheit aggressiv und können ganz schön rennen. Dass unsere Sicherheitsmänner nur einen Stecken als Waffe tragen, beruhigt uns nicht wirklich. Auf dem Weg vom Restaurant zurück bilden wir Grüppchen und haben tatsächlich Glück: Ein Nilpferd weidet im Kegellicht der Taschenlampen vor uns. Spät abends, bevor wir ins Bett gehen, gucken wir noch mal auf die Wiese vor unserem Haus, und siehe da: ein Nilpferd spachtelt sein Gras zum Greifen nah.

Amboseli Nationalpark

Am nächsten Morgen begrüßt uns Joël mit der Nachricht, dass wir einen neuen Bus bekommen haben. Denn wir sind am Vortag munter mit gebrochener Querlenkung durch Afrika geschürt. Das hätte tödlich enden können.
Die Fahrt nach Süden zum Amboseli wird zu einem Wechselbad der Gefühle. Wir dürfen zwar wieder einige Kilometer auf der brillanten Transafrika zurücklegen, doch die fast 150 km von Athi River nach Namanga haben es in sich. Sabines Reiseführer warnt wörtlich vor der »Waschbrett-Piste«. Treffender kann man die Straße nicht beschreiben. Statt ausufernder Schlaglöcher und wilder Buckel reiht sich hier Minihubbel an Minihubbel, wie bei einem Waschbrett. Da tun sich neue Dimensionen in Sachen Durchschütteln und Bandscheibenvorfälle auf. Über weite Strecken ist die Straße kerzengerade in die Landschaft gepflügt, man sieht das endlose Band vor sich über Hügel und Täler am fernen Horizont verschwinden. Markus knipst sich tot.
Bei unserem Tankstop im völlig unattraktiven Athi River durften wir übrigens nicht aussteigen und nicht fotografieren. Joël hatte es verboten. Die malerischen alten Ladys, die uns Früchte verkaufen wollen, fotografierte ich dennoch heimlich. Dann merkte es die eine, guckte böse und murmelte vermutlich einen Woodoozauber. Also tat ich unbefangen und fragte ich sie, ob ich sie fotografieren darf. Sie knurrte: »One Dollar!« Ich zahlte. Die anderen malerischen Ladys, die ich wähnte mit gekauft zu haben, verzogen sich. Also knipste ich die eine, die mich finster fixierte.
Unsere Lodge, die Amboseli Sopa Lodge, liegt gut 20 km außerhalb des Nationalparks am Fuße des Kilimandscharo, der sich jenseits der nahen Grenze auf tansanischem Gebiet erhebt. Den sieht man allerdings nicht, weil er komplett wolkenverhangen ist. Bei unserer Ankunft begrüßt uns endlich ein Masai, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Der Mann ist exakt so groß wie ich, traditionell gewandet, trägt jede Menge Schmuck in den ausgeleierten Ohrläppchen und lässt sich freundlich und geduldig ohne Bestechungsgeld fotografieren.
Die Lodge selbst besteht aus dem Haupthaus und kreisförmig darum angelegten Rundhütten, die jeweils zwei Zimmer beherbergen. Da wir spät dran sind und sonst das Mittagessen verpassen, müssen wir erst in den Speisesaal. Die altmodische, abgenutzte Bestuhlung lässt für die Zimmer schlimmstes befürchten. Doch die sind wider Erwarten geschmackvoll und im dezenten Safari-Style eingerichtet.
Unsere Pirschfahrt im Amboseli verläuft zunächst enttäuschend. Zu sehr wurden wir in der Masai Mara verwöhnt. Ein paar Gnus? Ts! Zwei Zebras? Pfffh! Impalas? Schnarch! Thompson-Gazellen? Da gucken wir nicht mal mehr! Kleine Elefantenfamilien in der Ferne? So what?! Wir langweilen uns. Auch die zwei Geparden reizen uns nicht, zu weit weg, zu wenig Blut. Zwei Löwen im hohen Gras? Okay, wir freuen uns, dass es immerhin Männchen sind, denn wir hatten noch nie Löwenmännchen. Noch dazu bietet die Landschaft kaum einen Reiz, denn der ausgetrocknete Lake Amboseli ist eine endlose platte Ebene. Wir wollen zumindest den Kilimandscharo sehen. Carsten und die anderen entdecken in der Ferne ein putziges Berglein und versteigen sich zu der abstrusen Theorie, dass das der Kili sein müsse. Mein durch Joël genährter Einwurf, dass der Kilimandscharo wohl zigfach größer sein würde und außerdem gleich links von uns hinter der undurchdringlichen Wolkenwand läge, führt zum alten Leoparden-Trauma. Ich werde für mehrfach behindert erklärt, wobei die Sehbehinderung noch die geringste wäre.
Dann, als wir dem üppig grünen Gebiet von Lake Kioko näher kommen, dichtes Safaribusseaufkommen: Eine Herde von rund 30 oder 40 Elefanten zieht gemächlich vorbei, mitten zwischen den Bussen hindurch. Wer noch nie eine Elefantenherde live gesehen hat, kann sich nicht vorstellen, wie leise die grauen Riesen sind. In Filmen hört man immer ein Grollen oder Trompeten, wenn Elefanten vorbeiziehen. Reines Hollywood! In Wahrheit geben sie keinen Mucks von sich, die Schritte der tonnenschweren Tiere verursachen weder Laute noch Vibration. Es scheint, als schwebten Monsterelfen vorbei. Wenn man mitten in der Herde die Augen schließt, ist es so ruhig, als wäre man ganz allein auf der Welt. Okay, nicht ganz, denn für die Geräuschkulisse sorgen wir Menschen mit Gequake, Fotogeknipse und Motorgeräuschen.
Am und im Lake Kioko planschen kurz vor Dämmerung weitere Elefanten, dazu Büffel und Gazellen. Und dann geschieht das Wunder, auf das wir gehofft haben. Die riesige Wolkenwand neben uns löst sich langsam auf, von oben nach unten flirren Wölkchen in den abendroten Himmel: Der Kilimandscharo gibt sich die Ehre. Die, die mich eben noch ein eine betreute Wohngruppe abschieben wollten, müssen kläglich Abbitte leisten.
Auf Afrikas höchstem Berg (5.895 m) liegt viel weniger Schnee, als erwartet. Böse Klimaerwärmung. Trotzdem ist das Panorama eine Wucht. Bei schwindendem Licht pirschen wir näher an den Kilimandscharo, denn der romantische Schirmakazienwald am Fuße des Bergs macht sich fototechnisch einfach viel besser, als der See mit seinen normalen Bäumen. Schließlich leuchtet der Schnee auf dem Gipfel im Abendrot flammend auf.
Abends in der Lodge erleben wir das übliche Touristenprogramm, bestehend aus Masai-Tanz. Diesmal ist aber das einzige Mal, dass man den Tänzern den Spaß an der Sache abnimmt. Die Burschen singen, tanzen und hüpfen ebenso ausdauernd wie ausgiebig wie die Gedopten und amüsieren sich dabei augenscheinlich prächtig. Endlich bleibt mal das unangenehme Gefühl aus, das sich bisher bei den Darbietungen in der Masai Mara eingestellt hat. Danach übt man sich auch in dieser Lodge am nächtlichen Hyänen-Anlocken, weshalb jede Menge Security durch das Gelände streift.
Auf die Frühpirsch am nächsten Morgen verzichten wir. Der Kilimandscharo liegt wieder in Wolken, tiertechnisch lockt uns nichts mehr in den Amboseli. Kurz vor der Abfahrt ist der Berg gnädig, schüttelt die Wolken ab und bietet ein Traumpanorama. Auch auf der Weiterfahrt Richtung Tsavo West bleibt er uns über weite Strecken erhalten.

Tsavo West Nationalpark

Wegen der angespannten Sicherheitslage im tansanisch-kenianischen Grenzgebiet muss die Weiterfahrt im Konvoi stattfinden. Ein junger Mann mit Maschinengewehr ist unser Begleitschutz. Wir besichtigen die erkalteten schwarzen Lavaströme, die aus dem Vulkankegel des Shetani geflossen sind. Shetani bedeutet »Teufel«. Der Teufel hat demnach nicht aufgepasst, seine als Abendessen gedachte Lavasuppe ist übergekocht und hat sich in die Welt der Menschen ergossen. Nach der Hölle folgt das Paradies: Die Mzima Quellen. Wie die Filmkulisse einer verwunschenen Seenlandschaft präsentiert sich Mzima. Einzig die mit einem Maschinengewehr bewaffnete Führerin namens Rosalie passt nicht ins paradiesische Bild. Aber in den glasklaren Seen zwischen der üppigen, tropischen Vegetation leben unzählige Nilpferde und Krokodile. Die Luft ist geschwängert vom süßen Geruch blühender Akazien. In einen See führt ein Steg, der in einer Unterwasserkabine endet, in der man leuchtend blaue Fische beobachten kann. Über eine Pipeline bezieht Mombasa den Großteil seines Trinkwassers aus den Mzima Spings.
Pünktlich zu Mittag erreichen wir die Ngulia Safari Lodge. Schon von weitem macht die Lodge durch ihre unattraktive Architektur einen schlechten Eindruck. Sieht irgendwie aus, als sei ein Plattenbau nach Afrika gebeamt worden. Der Eindruck bestätigt sich aus der Nähe. Unser Zimmer (Nr. 35) ist der Hammer. Winzig und mit etwas möbliert, was woanders nicht mal mehr Sperrmüll wäre. Das Bad ist für Zartbesaitete jenseits der Ekelgrenze, da sich auch beim nur oberflächlichen Hinsehen die mangelnde Hygiene nicht übersehen lässt. Sabine und Joachim (Zimmernr. 33) berichten später, dass sie diesmal komplett auf eine Dusche verzichtet haben, weil sie möglichst wenig berühren wollten. Laut surrende Neonröhren im Bad und über dem Bett vervollständigen das Gefühl, in einem düsteren französischen Film um drogensüchtige Psychopathen, Inzest und Menschenhandel gelandet zu sein, wahlweise in einem stalinistischen Jugendheim in Nowosibirsk. Mein Bett ist so durchgelegen, dass es bei der kleinsten Bewegung quietscht und kreischt. Ich brauche nur mit der Wimper zu zucken, schon scheint ein Zug zu entgleisen. Immerhin haben wir vom Zimmer Aussicht auf ein kleines, sanftes Tal, in dem sich Wasserböcke und Elefanten tummeln. Darauf setzt die ganze Lodge: Tierbeobachtung soll die Erbärmlichkeit des Hotels wettmachen. Vor der Terrasse des Haupthauses befindet sich ein Wasserloch, das Gazellen und Elefanten fotogen anzieht.
Leider verhageln uns nicht nur die Zimmer die Laune. Auch das Personal ist pampig und unverschämt, wenn es einen überhaupt bedient. Unser Kellner übersieht uns konsequent, meine Beschwerde wird vom Restaurantleiter mit blasiertem Desinteresse entgegengenommen. Wie der Herr, so das Gscherr. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass zumindest der Poolboy am kleinen Schwimmbecken freundlich und bemüht war. Denn bis wir zur Safari aufbrechen, haben wir ein wenig Zeit, die ich am Pool nutze. Von dort hat man einen Traumblick auf die weite Ebene des Rhino Sanctuary. Hier leben angeblich mehrere hundert Nashörner. Joël gab uns den Tipp, mit dem Fernrohr von hier oben aus Nashörner zu suchen - damit wir wenigstens aus der Ferne welche sehen, denn seit über drei Monaten wurden bei den Fahrten keine mehr gesichtet.  
Das Rhino Sanctuary ist ein komplett eingezäuntes Tal, durch das man nur über bewachte Tore Zufahrt bekommt. Hier soll sich die fast ausgerottete Nashorn-Population Kenias erholen. Wir schleichen mit unserem Bus umher, spähen angestrengt in das Gebüsch. Wir wollen unser Rino! Jeder graue Felsen führt zu »Stop«-Schreien. Markus fotografiert alle zwei Meter die roten Sandpisten, Sabine kann sich vor lauter schmucken Baobabs kaum beruhigen und Carsten hängt dank zahlloser Giraffen selig lächelnd aus dem Dach. Dann ein Funkspruch und Joël gibt ohne jegliche Vorwarnung Vollgas. So ist er noch nie gerast. Wir heben fast ab. Carstens »Halt! Da ist noch eine Giraffe!« wird überhört, kurz vor einem Wasserloch biegt Joël scharf recht ab, prallt fast auf zwei weitere Busse – und da haben wir es: unser Nashorn! Gemächlich trottet es von uns weg tiefer in den Busch hinein. Das Nashorn ist allerdings nicht grau sondern rot von der Erde. Wir drängen Joël zur letzten Giraffe zurück zu fahren, denn das Rhino hat eindeutig Kurs auf sie genommen. Dort warten wir vergebens. Also doch wieder zurück, wo sich mittlerweile immer mehr Busse einfinden. Immer noch sieht man das Nashorn zwischen den Büschen hin und her scharwänzeln. Scheint doch nicht die Giraffe besuchen zu wollen. Sogar die Fahrer der anderen Busse klettern nun fasziniert aus dem Führerhaus, so lange hat niemand mehr ein Nashorn zu Gesicht bekommen.
Joël beschließt, uns unser persönliches Rhino zu gönnen und es nun bei anderen Wasserlöchern zu probieren. Doch so sehr wir auch kreuz und quer fahren - nun achten wir auf rote Erhebungen und schreien bei jedem Termitenhügel »Stop« -, wir sehen nur Zebras, Helmperlhühner oder Geierperlhühner und Giraffen, Giraffen, Giraffen. Bei jeder muss Joël stoppen. Bei jeder bricht der ganze Bus, längst infiziert von Carstens Giraffophilie, in begeistertes »Ah« und »Oh« aus. Nashörner? Ach, ne, lass mal!
Zurück in der Lodge fliehen wir aus den deprimierenden Zimmern auf die große Terrasse, wo uns eine kleine Elefantenherde am Wasserloch erfreut. Dazu üben ein paar Marabus Kunstflug und kleine Klippschliefer wieseln frech umher. Neben dem Wasserloch ist ein Gerüst aus schweren Holzbalken errichtet, an dem jeden Abend kurz vor Einbruch der Dämmerung ein großes Stück Fleisch aufgehängt wird. Es soll den Leoparden anlocken. Ob er kommt, ist offen. Man sagt uns, dass man uns nachts wecken wird, falls er nachts erscheint. Doch uns muss niemand wecken, denn sobald sich die Dunkelheit über den Tsavo West senkt, kommt der Leopard. Das scheuste Tier, die Krönung der Big Five. Äußerst fotogen beschäftigt sich das Tier ausgiebig mit dem Fleisch. Ein klein bisschen ist es wie im Zoo. Nach einer guten Viertelstunde verschwindet er wieder in der Nacht. Das Blitzlichtgewitter ebbt ab. Noch ist nicht Abendessenzeit, die Gäste gehen auf die Zimmer zurück. Wir bleiben und werden belohnt, denn der Leopard kehrt mehrfach zurück. Auch eine Hyäne schleicht umher und hofft auf ein paar Fleischbrocken. Später taucht ein großes Stachelschwein auf, dem ein Koch von der Brüstung aus gekochte Kartoffeln zuwirft.
Die Nacht in unserem Zimmer ist dank meines quietschenden Betts die Hölle. Zum letzten Mal heißt es um 5 Uhr 30 aufstehen. Die Boys tragen unser Gepäck gegen Trinkgeld zur Rezeption, aber nicht von dort den weiten Weg die Treppen hinunter zum Parkplatz. Auch das eine Premiere. Passt zum Eindruck, den die Ngulia Safari Lodge bei uns hinterlässt. Eine letzte Frühpirsch führt uns am Zaun des Rhino Sanctuary entlang. Giraffen begleiten uns. Dann ist die Safari vorbei. Aus. Die aufregendste, anstrengendste, spannendste und irgendwie wahnsinnigste Woche der letzten Jahre ist um. Einfach so.
Wir fahren auf die A 109 nach Mombasa.

Baobab Beach Resort, Dinai Beach

Beim Pinkel- und TAZ-Stop enthüllt uns Joël, dass Carsten und ich nun in einen anderen Bus umsteigen müssen, denn er fährt mit dem Rest der Gruppe zu den nördlich von Mombasa gelegenen Hotels. Unser Baobab Beach Resort liegt im Süden.
Nun müssen wir warten. Denn der  andere Bus ist schon wieder einmal irgendwo zusammengebrochen. Immerhin sei von Mombasa aus ein neuer Bus unterwegs, in den wir unterwegs umsteigen würden. Die Wartezeit nutzen unsere Thüringer, den halben Shop leer zu kaufen, während ein TAZ-Verkäufer versucht, uns unsere getragenen Socken abzuschwatzen. Denn in Kenia scheint einen ernsthaften Sockenmangel zu herrschen. Deutsche Socken könne man täglich tragen und sie würden ein Jahr halten. Kenianische wären nach einer Woche hinüber. Wir wagen es nicht, uns ein Jahr lang getragene Socken vorzustellen ...
Nach einer Ewigkeit kommt der  andere Bus. Ein sächsisches Ehepaar steigt um in unseren Bus. Wir landen dafür in der Flachwitze-Vorhölle von Rhein und Ruhr. Kostprobe: »Ich hab da diesen verrosteten Nagel gefunden. Und jeden Verkäufer, der mich anquatscht, verwickle ich jetzt in ein Verkaufsgespräch, ob er nicht meinen verrosteten Nagel kaufen will! Sollste mal sehn, wie schnell du den los bist! Wuahahahaha!«
Ständig die Angst im Nacken, dass wir jederzeit mit dem Bus liegen bleiben können oder die Dortmunder einen neuen Kalauer von sich geben, nähern wir uns Mombasa. Tatsächlich treffen wir auf einem Parkplatz einen neuen Bus, in den wir umsteigen. Im Verkehrsgewühl von Mombasa gelangen wir zur Fähre nach Süden. Mombasa ist eine Insel, die nur im Norden über Brücken mit dem Festland verbunden ist. Es dauert nicht lange, bis wir auf der Fähre sind, eingepfercht zwischen Lkw und Fußgängern. Natürlich ist es heiß und stickig. Doch der Dortmunder hat eine brillante Idee.
»Können wir nicht das Dach öffnen?«, fragt er den Fahrer. »Dann können wir oben rausgucken!«
Uns bleibt die Spucke weg und wir ziehen die Köpfe ein. Nein, wir gehören nicht dazu!
Der Fahrer blickt rasiermesserscharf in den Rückspiegel. »No!«
»Why not?« Er brilliert im Ein-Personen-Drama »Immer noch tiefer, bitte!«.
»Because we’re NOT on a safari!«, knurrt der Fahrer.
»Ach so, but I thought we’re on a water-safari! Wuahahahaha.«
Auf der anderen Seite angekommen, führt der Weg durch Märkte und Dörfer, die wieder an Indien erinnern. Schließlich erreichen wir das Baobab Beach Resort.
Das Baobab Beach Resort am Diani Beach war früher ein Club Robinson. Davon sind die Animateure geblieben, die in der Früh zu schlechtem Playback eine kurze Good-Morning-Show machen, einen ab und an zum Volleyball überreden wollen, einen aber ansonsten erfreulicherweise in Ruhe lassen. Abends bieten die Animateure ein Showprogramm, das wir uns nicht ein einziges Mal angesehen haben, weil schon zufällig erlebte Proben am Nachmittag schlimmstes befürchten ließen.
Die Kellner sind meist supernett, gelegentlich rotzfrech: »Where is your mama? At home in Germany? Now you must try african mama!« Gelächter, dann in fehlerfreiem Deutsch: »Ein bisschen Spaß muss sein!« Carsten und ich haben es längst aufgegeben zu sagen, dass wir keine Mama haben. Auch dass wir keine Brüder sind, wie alle vermuten (Weiße sehen ja bekanntlich alle gleich aus!). Klar, wir sind Brüder, sieht doch jeder, und die Mamas sind zu Hause in Germany, weil sie keine Safari machen wollten.
Das Hotel verfügt über eine großzügige Gartenanlage, in der sich die Hütten der Superior-Rooms verteilen. Pro Hütte vier Zimmer, zwei unten mit Terrasse, zwei oben mit Balkon. Wir haben eins oben, angeblich mit Meerblick, aber die Vegetation ist zu dicht, um den türkisen Indischen Ozean durchschimmern zu sehen. Leider kann man den Ozean nicht wirklich nutzen. Zum einen ist entweder extreme Ebbe, bei der sich das Meer fast bis zum Korallenriff zurückzieht, oder extreme Flut, bei der die Wellen an die Strandmauern des Resorts schlagen. Der Hauptgrund ist allerdings zweibeinig: Beach-Boys. In allen Internet-Foren zu Kenia und Afrika wird das Problem ausgiebig diskutiert. Manche meinen, das sei eben Afrika und quasi Gottgegeben. Doch das sind die, die vom grottigen Standard in der Ngulia Lodge Tsavo West bis zum Plastikmüllfeld vor jedem Dorf alles mit »Das ist eben Afrika, du. Mach endlich mal deine Europa-Schraube raus, du.« entschuldigen. Denn das ist genauso eine perfide Diffamierung wie der Deutsch-Anspruch jener Zeitgenossen, die bei »Herrenmensch-Tours« gebucht haben.
Die Beach-Boys jedenfalls mögen sicherlich aus wirtschaftlicher Verzweiflung handeln, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie jedem den unbeschwerten Strandgenuss versauen. Kaum hat ein Weißbrot seinen großen Zeh auf den Strand gestellt, strömen sie aus allen Ecken herbei. »Jambo! Where do you come from?« gemeint ist: »Come, visit my shop.« Die meisten sprechen natürlich passables Deutsch. Ignorieren hilft ein wenig, doch kaum hat man die ersten 20 erfolgreich abgeschüttelt, kleben weitere 30 an dir. Sie sehen, dass du all die anderen hast abblitzen lassen. Glauben sie nun, ausgerechnet sie würden dich dazu überreden können, ihren Laden zu besuchen/mit ihrem Glasbodenboot zum Riff zu fahren? Offenbar sind sie von derselben unerschütterlichen Kraft angetrieben, die Männer dazu bringt, in der Disco ausgerechnet die Tuss anzulabern, die bereits 20 andere zuvor hat abblitzen lassen.
Manche Beach-Boys verkaufen zudem mehr. Durchtrainierte Körper, so unglaublich wohlgeformt, dass selbst griechische Götter dafür töten würden, warten mit strahlendem Lächeln auf Kundschaft. Die Damen, die nur deshalb in Kenia sind, sind mindestens doppelt so alt wie die Jungs. Man erkennt sie im Hotel zehn Meter gegen den Wind. In der Regel reisen sie zu zweit, sind dramatisch blondiert und Grillhähnchen-Orange von Kopf bis Fuß. Ausufernde Körperdimensionen sind kein Hindernis.
Für weiteren Zeitvertreib sorgen die Affen. Kleine Grüne Meerkatzen (die mit den türkisen Eiern) räubern in Rucksäcken und Taschen. Übrigens kommen im Gelände auch die schwarzweißen Flokatis, Colobusaffen, vorbei. Für die Affen haben die Behörden extra Kletterbrücken über der Hauptstraße anbringen lassen, damit die Tiere nicht beim Überqueren der Straße totgefahren werden.
Gelegentlich regnet es. Dann müssen wir die Strandliegen räumen und in den großzügigen Lobbybereich flüchten, wo wir uns auf indischen Tagesbetten hinlümmeln können.

Mombasa

Wir beschließen einen Ausflug nach Mombasa zu machen. Das Hotel bietet einen Shuttle jeden Dienstag und Freitag. Wir sind die einzigen, die sich in die Freitagsliste eintragen. Das bedeutet, dass der Shuttle nicht fährt, außer wir zahlen für vier Passagiere. Kostet dann 2.500 Schilling hin und dieselbe Summe zurück. Für 5.000 Schilling (immerhin unglaubliche 58,- Euro, der Durchschnittslohn eines kenianischen Arbeiters liegt angeblich bei 40 bis 80 Euro) bekommen wir aber auch ein Taxi, das nur für uns da ist und uns herumkutschiert. Der Phantasiepreis ist nicht verhandelbar. Wir verabreden uns mit Sabine und Joachim auf einen Kaffee in Mombasas Altstadt.
Die Fahrt vom Hotel in die Stadt dauert gute 45 Minuten inklusive Fähre. Zunächst geht’s zu den berühmten Tusks, den Elefantenstoßzähnen an der Moi Avenue. Die sind in Wirklichkeit nicht so imposant, wie sie auf Fotos immer wirken. Und bei näherer Betrachtung entzaubern sie sich weiter, denn sie bestehen aus grob zusammengenieteten und bemalten Stahlblechen.
In der berühmten Altstadt lässt uns der Fahrer bei Fort Jesus raus. Wir sollen pünktlich 13.30 zurück sein, denn sonst würde die Fahrt noch teurer. Wir wollen durch die Gassen bummeln. Weshalb die Altstadt so mega-berühmt ist, enthüllt sich uns nicht unbedingt. Zumal die Altstadt nicht wirklich alt ist, die ältesten Gebäude stammen aus dem 19. Jh. Aus der Zeit der Portugiesen ist außer Fort Jesus nichts erhalten. Der Verfall ist nicht pittoresk-romantisch, sondern deprimierend. Letztlich beschränkt sich der Bummel auch nur auf die beiden Straßenzüge Ndia Kuu Road und Mbarak Hinawy Road. Die meist zweistöckigen Häuser verfügen über holzgeschnitzte Balkone, die häufig genug nur noch rudimentär an der Wand halten und beim nächsten Windhauch abzustürzen drohen. Einige Türen sind prächtig geschnitzt und zeigen je nach der Herkunft der Eigentümer üppige Verzierungen auf den Rahmen und Stützbalken: Koransuren bei Moslems, Lotusblüten bei Indern.
Wir schlendern ein wenig herum. Überall versuchen uns Anreißer in ihre Geschäfte zu zerren. Es wird anstrengend. Das Kaufverhalten durchschnittlicher Mitteleuropäer läuft dem Werbeverhalten der Kenianer einfach diametral entgegen. Schon in den TAZ hätten wir vielleicht etwas mehr gekauft, wenn man uns in Ruhe hätte schauen lassen. Dann stürzt sich ein Mann mit grüner Pseudo-Uniform auf uns, behauptet, er sei von der Touristenpolizei und wir stünden ab sofort unter seinem Schutz. Dass er nicht von der Touristenpolizei ist, wissen wir sofort. Doch anders als alle anderen Male gelingt es uns nun nicht, den Kerl loszuwerden. Wir sind höflich, wir schreien ihn an, wir ignorieren ihn, wir drohen. Nichts hilft. Er bleibt einfach bei uns, im Zweifel zwei Schritte neben uns. Er ist unheimlich und strahlt gefährliche Unberechenbarkeit aus. Wie ein wandelnder böser Schatten. Schließlich fliehen wir geradezu in ein Geschäft, das zwischen all den Touriramsch-Läden sensationell qualitätvolle alte Afrikanika anbietet. Ostafrika ist nicht für seine schnitzenden Ethnien bekannt, außer den tansanischen Makonde gibt es nur wenige Stämme, die traditionelle Masken oder Plastiken fertigen. Das meiste kommt aus Westafrika, vor allem aus dem Kongo. Mama Resty, die den Laden betreibt, ist erstaunlicherweise keine Inderin (denn fast alle Geschäfte sind fest in indischer Hand). Sie legt den Finger auf den Mund, als wir sie nach unserem unheimlichen Schatten befragen, der draußen vor dem Fenster wartet. Dann schreibt sie uns auf einen Zettel, dass der Kerl von allen 10 % kassiert, wenn sie was an Touristen verkaufen. Dann macht sie eindeutige Gesten. Der Kerl ist drogensüchtig und gefährlich. Wir bleiben gut eine dreiviertel Stunde bei Mama Resty. Sie beliefert Sammler in aller Welt und hat Stücke von ausgesuchter Schönheit zu bieten. Schließlich kaufe ich bei ihr eine große Makonde-Medzinfigur, ein Kota-Reliquiar und eine Bambara-Aufsatzmaske. Die Verhandlungen über den Preis führen wir wieder auf dem Papier, damit der drogensüchtige Schatten vor der Tür nicht hören kann, was die Endsumme ist und seine Prozente ausrechnen kann.
Mama Resty lacht viel und laut, aber sie wird auch sehr nachdenklich, wenn es um ihr Geschäft geht. Denn sie sieht sehr wohl, dass sie dazu beiträgt, die kulturellen Schätze ihres Kontinents zu verscherbeln. »Schauen Sie sich um«, sie deutet in den Nebenraum, in dem sie den üblichen Touristenramsch anbietet. Meterweise Holztiere und -menschen sowie identische, grotesk hässliche »Masken«, die mit den echten afrikanischen Masken nicht einmal ansatzweise etwas zu tun haben. Genau der Ramsch, der in den Wohnzimmern der allermeisten Keniaurlauber verstaubt. Die Kultur geht verloren: Die Kinder in den Dörfern lernen längst nur noch das afrikaweit gebräuchliche Suaheli und Englisch, dabei vergessen sie aber ihre eigenen alten Stammessprachen. So wird es in zwanzig Jahren afrikanische Kunst, die diese Bezeichnung auch verdient, nur noch in europäischen Museen geben.
Weil Mama Resty keine Kreditkarten nimmt, muss ich zurück zum Bankenviertel und einen Bankomaten suchen. Dabei klebt wieder der gruselige Schatten an uns, bis wir bei einem echten Touristenpolizisten vorbeikommen. Plötzlich ist unser Begleiter weg. Und wir verzichten dummerweise darauf, den echten Bullen mit unserem Problem zu konfrontieren.
Nach dem Bankomaten treffen wir Sabine und Joachim vor dem Eingang zu Fort Jesus. Die beiden wissen bereits voll Bescheid: »Ihr wart erst in dieser Straße, dann in der und dann wart ihr kurz in dem Laden, dann lange in dem von Mama Dings, dann seid ihr rauf zum Bankenviertel, um Geld zu holen.« Während sie auf uns warteten, hat ihnen das ein Einheimischer erzählt. Uns gruselts ein wenig, zumal ich nun viel Bargeld in der Tasche habe.
Wir besichtigen Fort Jesus, ab 1593 von den Portugiesen errichtet. Der Eintritt für Nicht-Kenianer beträgt stolze 800 Schilling (knapp 9,50 Euro, dafür komme ich im teuren München schon in die eine oder andere Pinakothek). Das Fort wechselte zwischen 1631 und 1875 mehrfach die Besitzer, nach den Portugiesen kamen die Araber, die Mazrui, dann schließlich die Briten, die aus der Befestigungsanlage ein Gefängnis machten. Seit 1960 ist es eine nationale Gedenkstätte mit nicht sehr aufregendem Minimuseum und vielen eingestürzten Gebäudeteilen. Nett. Wir sind schnell durch und bummeln zurück in die Altstadtgassen.
Es macht »zosch« und der drogensüchtige Gruselschatten folgt uns wieder auf Schritt und Tritt mit zwei Meter Abstand. Es ist brütend heiß und feucht. Dazu brüllt der Prediger der Mandhry Moschee, die aus dem 16. Jh. stammen soll und durch ihr seltsames konisches Minarett auffällt, per Lautsprecher durch die Gassen. Sabine und Joachim sind wie wir von der Atmosphäre nicht wirklich begeistert. Die angeblich sehenswerte, leider aber geschlossene Fischmarkthalle und der alte Dhauhafen am Goverment Square, der mit den herumlungernden Männern ein finsteres Indien-Gefühl vermittelt, lassen uns kehrt machen. Schließlich finden wir ein kleines, originelles Café mit Einheimischen (das einzige Café überhaupt), in dem es gewürzten Suaheli-Kaffee gibt. Auch die Toilette ist sehenswert: ein sauberer, hübscher Tanzpalast, von dem aus man durch eine halbhohe Mauer direkt in die Küche steigen kann, bzw. in dem man dem Koch auf dem Präsentierteller hockt.
Bevor es zurück zum Taxi und dann zum Hotel geht, hole ich bei Mama Resty meine Sachen ab. Und weil ich ihr so viel Geld dalasse, dass sie ihren drei Töchtern das Studium finanzieren kann, schenkt sie mir noch zwei Beninbronzen zum Abschied.
Kurz vor dem Rückflug bekomme ich Bammel, dass ich mit meinen monströsen Paketen von Mama Resty nicht durch den Zoll komme. Dann, wir müssen um 2 Uhr 30 aufstehen, damit wir mehrere Stunden sinnlos am Flughafen verbringen können, stehen wir am Sicherheitscheck. Der Typ, der mich abtastet, flüstert irgendwelche Botschaften, die ich beim besten Willen nicht verstehe. Er will meinen Geldbeutel sehen. Dann flüstert er aufgeregter, seine Kollegen schauen schon her. Erst nun wird mir klar, dass er »money for coffee« haben will. Oder Bestechungsgeld, damit er mir keine Unannehmlichkeiten macht. Überrumpelt wie ich bin (und in Sorge um meine Einkäufe), gebe ich ihm einen Euro. Er strahlt. Carsten ist derweil von einem Zöllner mit Maschinengewehr und einem ohne herausgezogen worden und soll alles auspacken. Daneben liegen meine Pakete. Ich frage den unbewaffneten Zöllner, ob ich auch auspacken soll. Der deutet auf die gut verschnürte riesige Makonde-Figur und meint nur: »What is it? An elefant?«
»No. A giraffe«, lüge ich. Jetzt bin ich dran, schießt es mir umgehend durch den Kopf. Scheiße. Doch der Typ nickt nur und sagt, ich könne gehen.
Derweil ist Carsten immer noch beim Auspacken seiner Sachen und muss sich der Zudringlichkeit des Bewaffneten erwehren. Der fragt nämlich nach Carstens Mama und als er hört, dass die in Germany sitzt, schnalzt er zufrieden mit der Zunge. Den Blick fest auf Carstens Schritt fixiert, macht er eine eindeutige Kopfbewegung in Richtung irgendwelcher Türen. Der Nichtbewaffnete grinst anzüglich. Carsten beschließt, die Durchsuchung einseitig für beendet zu erklären, packt einfach zusammen und entkommt so vermutlich einem Schäferstündchen unter Waffen in der Besenkammer.
Im Flieger winkt uns dann ein letztes Mal der Kilimandscharo zu. Stolz reckt er sich über die Wolken, die Kenia bedecken. Und auch wenn wir es nie für möglich gehalten hätten, wissen wir nun, dass auch uns das Afrikafieber gepackt hat.

© Martin Arz, München, im Oktober 2007 >KURZFASSUNG FÜR DAS WELTWEITE NETZ<

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