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Schon während ich so vor mich hintanzte, fiel mir die übergewichtige, scheintote Trulla auf, die mit Beleidigte-Prinzessin-Blick an der Bar lehnte und unsicher an ihrem blondgefärbten Fotzenbärtchen herumzupfte. Es gibt bekanntlich nur eines, was blondierte Mundmuschis noch toppen kann: spärliche, wasserstoffbehandelte Reststoppelhärchen an Fastglatze. Natürlich konnte Dicktrulla auch damit aufwarten. Ich ignorierte sie und gab mich weiterhin dem Beat hin, bis das Unvermeidliche geschah: Der Plattenreiter mixte irgendwas von Kylie Minogue in den coolen Beat und mit der selben affenartigen Geschwindigkeit, mit der das geschmacksverirrte Volk die Tanzfläche stürmte, verließ ich selbige. Schnell im Spiegel unauffällig das Styling checken, dann lässig an die Bar lehnen und eine Bier ordern. Während ich mir eine Zigarette anzündete, machte Dicktrulla den Fehler ihres Lebens und sprach mich an.
»Na, du könntest mich auch mal grüßen«, sagte der Typ und blickte mich an, als ob ich ihm was schuldig wäre. Ein besseres Leben zum Beispiel. Dabei sah das moppelige Ding aus, als könnte es sich alle materiellen Wünsche erfüllen.
»Warum sollte ich«, entgegnete ich. »Und ein Tipp: Beginne keine Konversation mit einem Konjunktiv. Schönen Abend noch.«
»Na, Herr Nachbar, da lassen wir ein wenig die Zicke raus, was?«, zischte die Dicktrulla spitz und warf den Kopf in den Nacken. Warum Zicken immer von sich auf andere schließen müssen. Aber Nachbar? Scheiße, damit hatte er mich dann doch. Also gut, abchecken, was die Trulla in meiner Nähe zu suchen hat und dann abservieren.
»Hör mal«, sagte ich ultracool und nahm einen langen Schluck aus meiner Bierflasche. »Ich weiß nicht, was das ganze soll. Kennen wir uns irgendwoher oder willst du mich einfach nur anmachen?« Er glotzte mich mit seinen farblosen Kuhaugen verwundert an, dann zog er seine beleidigt nach unten hängenden Mundwinkel noch weiter herunter und presste hervor: »Ich wohne im Haus schräg gegenüber von dir.«
»Komisch, warum habe ich dich dann noch nie gesehen?«
»Tu doch nicht so!«, echauffierte er sich. »Natürlich haben wir uns schon oft gesehen. Deshalb habe ich auch vorhin gesagt, dass du mich ruhig mal grüßen könntest ...«
Ich starrte betont nachdenklich auf seine Wampe, die modisches, khakifarbenes Polyacryl auf seine maximale Spannkraft hin überprüfte. Er hielt sofort die Luft an und zog den Bauch ein. Ich hatte den Typen echt noch nie gesehen. Selektive Wahrnehmung kann einen wirklich vor visuellen Schocks bewahren. Er atmete laut aus. Das Polyacryl spannte wieder.
»Im Haus gegenüber?«, hakte ich nach, denn mir war eben ein teuflisch guter Gedanke gekommen. »Nummer 12 oder 14?«
»Nummer 14.«
»Oh«, ich lächelte ihn an. Dankbar für dieses Zeichen lächelte er zurück. Idiot. »Dann haben wir ja die selbe Vermieterin.«
»Die alte Schweiker? Mrs. Gnadenlos aus Neu-Ulm?«, plapperte die Dicktrulla munter drauf los und ließ eine Hasstirade gegen die alte Schweiker ab. Ich nickte zustimmend, lächelte ermunternd und verschwieg ihm selbstverständlich, dass ich mit unserer Vermieterin ein nahezu blendendes Verhältnis pflegte. München ist schließlich nicht gerade bekannt für ausreichend Wohnraum, geschweige denn günstigen Wohnraum. Besonders in unserem Viertel, dem begehrten Glockenbachviertel, war es mittlerweile unmöglich geworden, Quadratmeterpreise unter dreizehn Euro zu bekommen - sofern man überhaupt eine freie Wohnung fand. Durch welchen Schicksalsfügung auch immer besaß meine Vermieterin, die gute Frau Schweiker aus Neu-Ulm, außer einem eiskalten Kapitalistinnenherz auch drei Häuser mitten in Münchens Homolulu. Der Himmel weiß warum, aber die alte Schweiker hatte ausgerechnet mich in ihr Herz geschlossen. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ich ihr bei der Wohnungsbesichtigung weiland einen kleinen Strauß Blumen mitgebracht hatte. Jedenfalls fragte mich Frau Schweiker seitdem regelmäßig, ob ich nicht einen zuverlässigen Mieter wüsste, wenn mal eine Wohnung frei wurde, und der Ausziehende keinen Nachmieter stellen wollte oder konnte. Selbstverständlich wusste ich immer jemanden. Die alte Schweiker war immer von meinen Vermittlungen angetan und hielt sich trotz ihrer Geldgier bei den Mietpreisen zurück. Und dann kam jener Tag, als meine beste Freundin Beate, von ihrem Macker schmählich verlassen, dringend eine Wohnung brauchte. Ich rief sofort meine Vermieterin an, doch die konnte nichts für mich tun, keine Kündigung in Sicht. »Nun, die alte Frau Kreuzwieser aus dem zweiten Stock kommt vielleicht bald in ein Altenheim«, sagte Frau Schweiker beinahe entschuldigend hinzu. »Aber g'wiss is nix g'wiss. Wenn eine Wohnung frei wird, erfahren Sie es als erster.«
Die greise Frau Kreuzwieser aus dem ersten Stock. Eine Seele von Mensch, so ein richtiges Ömchen, wie man es sich wünschte. Stets hatte sie für mich Pakete oder Päckchen entgegengenommen, dafür hatte ich mich revanchiert, indem ich gelegentlich bei den Einkäufen half oder ihre Blumen goss, wenn sie mal für ein Wochenende ihre Familie in Kaiserslautern besuchte. Als Beate damals händeringend nach einer Unterkunft suchte, wurde mir mehr als klar, dass die liebe greise Frau Kreuzwieser es verdient hätte, einen ruhigen Lebensabend in einem Seniorenstift zu verbringen. Wo sie doch so schlecht zu Fuß war und jeden Tag mehr Probleme mit den Treppen hatte. Ich wollte nur ihr bestes. Manchmal muss man da eben ein wenig nachhelfen. Ich hatte einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, also fiel es niemandem besonders auf, dass ich sie ganz zufällig fand. Sie war im Flur böse gestürzt und hatte sich einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Bis der Notarzt kam, hielt ich der Greisin das Händchen, fand mitleidsvolle Worte und zudem genügend Zeit, die durchsichtige Nylonschnur, die ich in der Nacht zuvor zwischen der Kommode und Garderobe etwa zehn Zentimeter über dem Boden gespannt hatte, zu beseitigen. Ihre Familie beschloss anschließend, dass Ömchen in einem Pflegeheim besser aufgehoben sei und kündigte die Wohnung. Nun ist meine Freundin Beate meine Hausnachbarin. Ich war damals froh, dass ich gleich zwei Menschen Gutes tun konnte.
»Jedenfalls ist die alte Schweiker für mich ein rotes Tuch«, schloss Dicktrulla seine Ausführungen und leerte sein Rüscherl in einem Zug. War ja klar, dass so jemand Rüscherl trank. Asbach mit einem Schuss Cola. Ich musterte ihn aus den Augenwinkeln. Er war groß und wenn er nicht so ein gelangweiltes, überdrüssiges Gesicht machen würde, wäre er vermutlich sogar relativ attraktiv. Natürlich vorausgesetzt, er würde ein paar hundert Kilo abnehmen und er wäre hundert Jahre jünger. Sein gebärfreudiges Becken spannte in original Armeehosen und seine Füße steckten in hochglanzpolierten Knobelbechern - keine echten von der Bundeswehr, sondern Designerteile von Boss oder Joop. Messerscharf schloss ich, dass Fettie vermutlich auch noch eine verklemmte Maso-Sau war. Das Schicksal meinte es mal wieder gut mit mir.
.... Fortsetzung nur im Buchladen!