Leseprobe

Aus: »Ausgeschwitzt«

Paul bekam kalte Füße. Das Bier hatte nicht viel geholfen. Auch nicht der Körperkontakt zu den drei Transen, die ihn wild umarmt und abgebusselt hatten. Die Kälte tat weh, auch wenn die Sonne beim Untergang lachte. Ein sibirisches Hoch machte die Luft kristallklar und den Himmel eisblau. Wieviel Grad es unter Null hatte, wollte Paul gar nicht wissen. Er fror und die Schunkelmusik, die über den Viktualienmarkt plärrte, nervte ihn. Ebenso die Konfettiwerfer. Fasching war noch nie sein Ding gewesen. Verkleidet hatte er sich sowieso nicht – damit war er in bester Gesellschaft. Kaum jemand trug ein wirklich gutes Kostüm. Und weil Paul entgegen seiner Hoffnung niemand getroffen hatte, den er kannte – obwohl er sich die ganze Zeit in der schwulen Ecke herumgetrieben hatte –, beschloss er, etwas gegen die Kälte zu tun. Ab in die Sauna. Wie jeden Dienstag. Dienstag war sein Saunatag, und wenn zufällig am selben Tag die Narren los waren. Er stapfte durch den knirschenden Schnee über die Frauenstraße und die Reichenbachstraße hinunter. Die zunehmende Entfernung dimmte die Musik vom Viktualienmarkt. Aber je näher er der Deutschen Eiche kam, desto lauter schallten ihm wieder Stimmungslieder entgegen.

Die Sonne verschwand nun völlig hinter den Häusern. Die Polizei hatte die Straße vor der Deutschen Eiche wie jeden Faschingsdienstag abgesperrt, weil sich die Party immer auf den Asphalt ausdehnte. Provisorische Getränkeausschänke vor dem Lokal und bei der Pizzeria gegenüber zogen Feierwütige an. Diese Saison war, wie eigentlich jede Saison, Matrosenlook bei den Schwulen am angesagtesten. Paul zwängte sich durch die Menschen, die vor dem Lokal mit Bierflaschen in der Hand standen. Die meisten lachten ihn an. Seine schlechte Laune besserte sich ein wenig. Er betrat den Hauseingang, von dem die Türen zum Wirtshaus, zum Hotel und zur Sauna der Deutschen Eiche abgingen. Auch hier drängten sich Menschen, meist Männer, meist Matrosen. Die Tür zur Gaststube stand offen, schwüle Luft und laute Schlagermusik kamen heraus. Paul ärgerte sich ein wenig, dass er seine Sachen in der Umhängetasche und nicht im Rucksack mitgenommen hatte. Die Tasche verhakte sich immer wieder im Gewühl. Er öffnete die Glastür zur Hotelrezeption. Links, wo es zu den Toiletten hinunterging, herrschte reges Treiben, auf und ab. Der Hotelportier in seinem Kabuff zwinkerte Paul grinsend zu. Noch eine Glastür, dann stand Paul an der Kasse zur Sauna. Auch hier lachten ihn alle an. Paul lächelte. Es ging ihm erheblich besser. Offenbar hatte er heute hervorragende Chancen. Mal sehen, was der Abend noch brachte!

Als der Kassierer Paul das Wechselgeld zurückgab und dabei »Hey, du scheinst es ja schon ganz schön wild getrieben zu haben.« sagte, dachte sich Paul noch nichts dabei und nickte nur. Er zog sich aus und sperrte die Sachen in einen Spind. Erst mal rauf zur Bar, unterwegs schauen, wer da ist. Es war Dienstag, es war sein Saunatag.

Rudi war da. Paul hatte das erwartet. Auch der kam immer dienstags.

»Heimatland«, sagte Rudi und lachte laut. »Hast du die Masern oder haben sie dich in der Mangel gehabt? Alter Schwerenöter.«

Erst jetzt kam Paul auf die Idee, in den Spiegel hinter der Bar zu schauen: Rote Kussmünder von der Stirn bis zum Kinn. Die Transen am Viktualienmarkt, schoss es ihm durch den Kopf. Scheiße. Man hatte ihn nicht angelacht, sondern ausgelacht. Pauls Laune sank erneut in den Keller. Er ließ Rudi wortlos sitzen und ging zur Toilette. Nur eine Kabine schien frei. Er öffnete, um sich Toilettenpapier zu holen. Die Tür stieß gegen den Rücken eines Nackten, der vor der Toilettenschüssel stand. Goldener Flaum flauschte auf dessen Hintern. Ein zweiter Nackter saß auf dem Klo. Zwei Köpfe schnellten mit erwartungsvollem Blick herum. Der Sitzende ließ sich dabei nicht bei seinem Job unterbrechen.

»Sorry«, murmelte Paul und sah verlegen zu Boden.

»Komm rein, oder mach die Tür von außen zu«, sagte der Stehende mit dem Goldflaumpo.

Paul machte die Tür von außen zu und versuchte sich ohne Papier am Waschbecken so gut es ging das Gesicht zu säubern. Der meiste Lippenstift landete in seinem Badehandtuch.

»Besser?«, fragte er Rudi, als er zu Bar zurückkam.

»Viel besser.« Rudi grinste blöd. »Und? Sparen wir uns die langen Vorreden. Hast du Lust? Ich habe eine Kabine.«

»Du hast immer eine Kabine.«

»Und du kommst fast immer mit. Also, warum noch lange quatschen? Oder willst du auf deinen Mister Superschwarm warten, der dich eh nicht mal mit dem Arsch anguckt?«

»Ne.« Paul schüttelte den Kopf. »Mister Superschwarm ist gegessen.«

»Wie das? Du sabberst doch sonst immer sofort, wenn du seinen behaarten Hintern siehst.« Rudi äffte Paul nach: »Das sind keine Haare, das ist goldener Flaum.«

»Ist es auch, aber vergiss es.« Er hatte keine Lust, Rudi zu erzählen, dass er eben seinem »Mister Superschwarm«, wie Rudi ihn spöttisch nannte, begegnet war.

»Apropos Haare«, blieb Rudi beim Thema. »Was ist denn bei dir passiert?« Er deutete auf Pauls Brust. »Ich wusste nicht, dass du behaart bist.«

»Bin ich aber. Ich habe mich mal nicht rasiert.« Er sagte nicht, dass ihn das viel Überwindung gekostet hatte. Seit Jahren rasierte er sich jeden Dienstagfrüh vor der Morgendusche die Brust. An diesem Tag hatte er beschlossen, dass es Zeit für zumindest diese Veränderung sein sollte. Er hatte nichts gegen seine Brustbehaarung, hatte sie immer wegen des gängigen Schönheitsideals wegrasiert. In Wahrheit mochte er behaarte Männer ganz gerne, zumindest nicht weniger gern als unbehaarte.

»Wenn du meinst. Macht dich aber nicht wirklich attraktiver für mich«, sagte Rudi mit einem Schulterzucken.

Muss es  ja auch nicht, dachte sich Paul. Er verkniff es sich, es laut zu sagen, um Rudi nicht zu verärgern. Rudi war immerhin eine sichere Bank. Besser Sex mit ihm, als am Ende keinen abzubekommen. Immerhin mochte er Rudi irgendwie und bei allem, was ihn an Rudi auch störte, sprach doch etwas sehr für ihn: Er war immer verfügbar und er wusste verdammt gut mit Lippe und Zunge umzugehen. Paul war zwar optisch durchaus vorzeigbar, aber manche hielten ihn für einen Langweiler. Aber im Gegensatz zu den meisten Langweilern war er sich dessen bewusst. Er wusste, dass er keine Stimmungskanone war. Er wusste auch, dass sein Leben im Wesentlichen aus Routinen bestand. Er war ein Gewohnheitstier. Es beruhigte ihn, gab ihm Halt. Selbst die Sauna und der Sex mit Rudi war eine seiner Routinen geworden; so wie er beispielsweise Montag und Mittwoch nach der Arbeit in den Fitnessclub ging. Nichts Verrücktes, nichts Aufregendes, nichts, was nicht auch das Leben der meisten anderen an Regelmäßigkeiten bestimmen würde. Paul war kein Jäger, er brauchte nicht ständig einen Kick. Zugegeben, mittlerweile langweilte ihn die Routine auch. Er wusste, dass sich etwas ändern musste, dass er sich ändern musste. Seine Lethargie, seine Bereitschaft, sich immer mit den jeweiligen Situationen und Gegebenheiten abzufinden, hatten oft einiges kaputt gemacht.

»Okay«, sagte Paul und nahm sein Duschgel, das er auf den Tresen gestellt hatte. »Auf in die Kabine.«

Fortsetzung nur im Buchladen! »Wie der Herr wünschen«, antwortete Rudi und hüpfte vom Barhocker. ....

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