Indien auf die Schnelle

»Zehn Tage. Mehr ist nicht! Mehr als zehn Tage Urlaub sind momentan wirklich nicht drin.«
»Okay«, seufze ich. »Besser als nix. Und wohin?«
»Malle? Kanaren?«
Wir lachen beide lauthals los.
»Wir sprachen von Urlaub, nicht von Horror«, sage ich. »Letztes Jahr bin ich mit dir nach China, diesmal kommst du mit mir nach Indien.«
»Zehn Tage Indien? Reicht das denn?«
Sicher reicht das nicht. Doch wir sind zum einen ziemlich naiv, was unser Reiseziel angeht und zum anderen völlig ausgehungert nach Sonne und Exotik in jenen depressionsgrauen Frühjahrstagen 2005. Der lange harte Winter mit Dauerregen und Schneeeinbruch im März hat uns den Rest gegeben. Nur weg hier. Das supergünstige Ticket ist im Internet schnell gebucht. München – Delhi, Direktflug mit der Lufthansa. Nur irgendeine unbekannte Nevercomeback-Airline ist 30 Euro billiger, dafür drohen dort acht Stunden Aufenthalt in Dubai. Den Indien-Quickie organisieren wir auf eigene Faust, das ist schnell klar. Nach China sind wir gruppenreisemüde. Indien ist komplettes Neuland für uns. Reisebürokataloge übertrumpfen sich mit Superlativen ob der Herrlichkeiten, die den Traveller angeblich erwarten, und strapazieren dabei den »Tausendundeine Nacht«-Vergleich bis zum Verdächtigwerden. Mal abgesehen davon, dass wir Tausendundeine Nacht eher im arabischen Raum angesiedelt hätten. Beinahe jeder, der jemals hier gewesen ist, so kommt es uns jedenfalls im Vorfeld vor, verfällt in verzückende Lobhudeleien bei der Beschreibung seiner Indienreisen. Im Nachfeld werden wir dann dramatische Kehrtwenden erleben.

Kann man vom Flughafen schon auf die Stadt schließen? Sagt allein der Airportname etwas über die dazugehörige Stadt aus? Diese verwegenen Gedanken gehen mir auf dem Hinflug durch den Kopf. »New Delhi Indira Gandhi«, das klingt gut. Wenn man sich die persönlichkeits-gewidmeten Flughäfen so anschaut, »Paris Charles de Gaulle« zum Beispiel, oder »New York John F. Kennedy« – das hat schon was, das klingt nach Savoir Vivre, Weltläufigkeit, Machtzentrum, großer Politik. »Lyon Etienne de Saint-Exupery« oder »Rom Leonardo da Vinci« – auch nicht schlecht, das klingt nach Kultur pur, Jahrhunderte voller Malerei, Skulptur, Musik und Literatur. »München Franz Josef Strauß« – ja, das klingt natürlich nach peinlicher Großmannssucht, Provinzialität und Korruption. Womit die Theorie eindeutig bewiesen sein dürfte. Oder? Zugegeben, das traditionell rote bzw. rot-grüne München hätte sich einen passenderen Namenspatron für seinen Flughafen gewünscht, der in Wahrheit so gar nicht nach bayrischer Provinzialität aussieht.

Delhi

Der Airport empfängt uns mit dem Charme eines DDR-Grenzübergangs, abgetakeltes Resopal und stumpfgelatschtes Linoleum feiern fröhliche Urständ. Doch wir sind eben erst zu unserem Kurztrip gelandet und sehen über diese Petitessen hinweg. Noch sind wir voller Energie, wir freuen uns auf total tolle Erfahrungen und ignorieren das Angebot im Flughafenladen, das sich so liebevoll dekoriert und üppig präsentiert wie in einem Intershop Mitte der 1970er Jahre. Hauptsächlich gibt es hier Staub und »Blue Nunn Sekt« – jawohl, da steht das deutsche Wort Sekt drauf. Wahnsinn, Indien ist echt polyglott.
Schon robben wir auf allen Vieren zum Gepäckband, denn ein lustiger indischer Architekt hatte offenbar nicht vorgesehen, dass Menschen über einsfünfzig den Flughafen im aufrechten Gang durchschreiten sollen. Wir schrabbeln mit den Haaren an Lüftungsrohren entlang, währen wir mit jeder freien Hand die Myriaden von Mücken totschlagen, die uns empfangen. Mit dem Gepäck machen wir uns auf den Weg hinaus. Zielsicher wählen wir den Ausgang zu den »Pre-paid Taxis«. Schlagartig sind wir mitten in Indien pur: Das bedeutet Staub, Gestank und flirrende Hitze (trotz der frühen Morgenstunde), und das bedeutet vor allem herumlungernde Männer, die uns finster-abwartend anstarren. Weiße Frauen, so warnen unsere Reiseführer, müssten gelegentlich damit rechnen, von Indern angestarrt zu werden – was charmant untertrieben, besser gesagt: glatt gelogen ist. Zudem warnt keiner davor, dass auch weiße Männer nicht nur damit rechnen müssen, sondern fest davon ausgehen können, so angestarrt zu werden, dass über die sexuelle Orientierung des Durchschnittsinders ganz neue Spekulationen angestellt werden können. Da stehen wir also vor dem Flughafen und werden angestarrt. In einem Kabuff sitzt ein feister Mann vor einer Tafel mit den Fixpreisen für die Taxifahrt. Wir zahlen dem Feisten den Fahrpreis und falten uns mühsam in einen japanischen Kleinstbus hinein. Alle Reiseführer warnen: Steige NIE in ein indisches Taxi, in dem außer dem Fahrer noch weitere Einheimische sitzen. Natürlich erwischen wir ein Taxi mit Fahrer und Beifahrer. Todesmutig wagen wir trotzdem die Fahrt. Was wollen zwei indische Hänflinge schon gegen zwei teutonische Schränke ausrichten – wobei, zusammengeknotet wie wir sind, könnten Hänflinge jede Menge gegen uns ausrichten.
Auf der Fahrt in die Stadt geben wir schnell die Suche nach einer halbwegs bequemen Sitzposition auf, wir vergessen völlig unsere unbequeme Lage, denn wir sehen nach draußen: Menschen aller Altersgruppen liegen, schlafen, leben, sterben, vegetieren auf dem Mittelstreifen oder auf den Gehsteigen mehrspuriger Einfallstraßen des 20-Millionen-Molochs. Ganze Straßenzüge voller kleiner Läden und Handwerkbetriebe versinken im Müll, dazwischen wuseln Menschen, Autos, Kühe, Fahrräder, Rikschas, Kamelkarren, Eselskutschen und Mopeds. Wohlgemerkt sind das keine Slums sondern die ganz normalen Geschäftsstraßen. Diese Straßen bestehen aus garagenartigen Bauten – manchmal mit Wellblech-, manchmal mit Plastikfoliendach – , die über ein metallenes Rolltor verfügen, das zu Geschäftsbeginn geöffnet wird. Drin ist es meist düster bis stockfinster und leer. In der Regel hocken fünf bis zehn Männer herum, die finster-abwartend in die Gegend starren, während ein Halbwüchsiger irgendein Handwerk ausführt. Auf dem Weg zum Hotel fahren wir durch das Viertel der Reifenhändler bzw. -runderneuerer. Überall »tyres« (so die indische Schreibweise von tires) in allen Größen und Profilstärken. Noch ist es lange vor der Rush-hour und doch steht die Luft. Es heißt, einen Tag lang Delhi einatmen ist wie 14 Zigaretten rauchen. Der Lärm verursacht ein dauerhaftes Gongen im Gehörgang, der Geruch ist höchstens für Freunde von Natursektspielchen ein Genuss. In Indien misst man, so scheint es uns, Entfernungen nicht in Metern sondern in Pinklern. Alle hundert Meter steht einer, der in aller Öffentlichkeit pisst, gelegentlich hockt ein Kind dazwischen, das lethargisch abkotet. Nebenan wäscht man sich in großen Rudeln an öffentlichen Brunnen. Die Kloake fließt zwischen Müll und dem hohen Bürgersteig. Hallo, Indien. Nett, dich kennenzulernen. Aber das müssen wir erst mal verdauen.
Mit einer gewissen Erleichterung steigen wir in unserem Hotel ab, dem Oberoi Maidens, einem alten Kolonialbau von 1903. Das erste Zimmer ist ein Tanzpalast und hoch genug, um ein Einfamilienhaus zu beherbergen. Allein das Bad hat Ausmaße, dass man es in München als schicken Single-Traum mit Loftcharakter vermieten würde. Leider ist die Toilette so undicht, dass man sie als Springbrunnen einsetzen könnte. Also wechseln wir den Raum. Auch hier ein Tanzpalast. Die Klimaanlage tobt und lässt sich nicht regulieren. Ergeben lassen wir uns von dem Luftstrom gegen die Wand pressen und nehmen unsere erste Lungenentzündung hin. Stromausfälle, in Indien an der Tagesordnung, sehnen wir daher freudig herbei. Dann herrscht Windstille und man kann ein wenig schlafen. Die meisten Zimmer des u-förmig angelegten Oberoi Maidens liegen übrigens in den Seitenflügeln und haben nur blickdichte Milchglasfenster zum Flur. Das mag für sonnengenervte Inder ein Labsal sein, für uns lichthungrige Europäer stellt sich da schnell ein unangenehmes Sarg-Feeling ein.

Downtown Delhi, so verspricht uns der Reiseführer, lockt der Connaught Place mit seinen merveilleusen Einkaufsmöglichkeiten und den eleganten Kolonnaden aus der Kolonialzeit. Wir schnappen uns eins der typischen gelb-grünen Dreiradtaxis, die anderswo Tuktuk heißen, und fahren hin. Die Kolonnaden finden wir, die Eleganz nicht. Am Connaught Place bestimmen lauter Werbetafeln, blätternde Farbe, beißender Uringestank und bröckelndes Mauerwerk das Bild. Rumbummeln könnte selbst mit Atemschutz, Sauerstoffmaske und Ohrenstöpseln kaum Spaß machen. Die spärliche Auslage in den mickrigen Schaufenstern der Läden verleitet uns nicht zum Shoppen, die Lokale sind verbarrikadierte Bunker mit Türstehern. Abweisung pur. Wir haben unseren Trip nur nach Reiseführer-Angaben zusammengestellt und stellen nicht nur angesichts der völlig fehlenden Eleganz schnell fest, dass unsere beiden Indienbücher teilweise wie gedruckt lügen.
Die mageren zehn Tage unserer Kurzreise sind längst fest verplant: Wir wollen ein Quadrat Indiens erkunden. Erst Delhi, dann westwärts nach Mandawa, dann gen Süden nach Jaipur, dann ostwärts nach Agra und von dort wieder gen Norden nach Delhi. Es handelt sich jeweils um Strecken von etwas mehr als 200 Kilometern. Natürlich sind das insgesamt nicht mal eintausend Kilometer und es mag sehr vermessen sein, den riesigen Subkontinent nach diesem winzig kleinen Ausschnitt zu bewerten. Sicher, man hört allenthalben, dass Bombay völlig anders sein soll. Dort, so berichtet man uns, soll es sogar ganz normale Geschäfte geben. Ganz zu schweigen von Goa und Kerala. Doch was soll man sonst beurteilen, als das, was man erlebt?
Naiverweise planten wir zunächst, die meisten Strecken mit der Bahn zurückzulegen. Indiens Schienennetz ist schließlich bestens ausgebaut. Nur nach Mandawa fährt nichts Öffentliches. Mandawa, laut Reiseführer ein »Insider-Tipp« und angeblich Höhepunkt jeglicher Rajastan-Reise abseits der Touristentrampelpfade, darf uns einfach nicht entgehen. Irgendwie müssen wir da hinkommen! Also sind wir so mutig, zum Behufe des Transportmittel-Buchens das nächstbeste Tourist-Office am Connaught Place zu betreten. Im Büro von »India Peacock Travel« sitzt ein scheues Männlein vor gelblich-verblichenen Taj-Mahal-Postern, in den Regalen verstauben Prospekte, deren Eselsohren sich sanft im Wind des surrenden Ventilators wiegen (und komme mir jetzt keiner mit dem Argument, dass Ventilatorwind und Staub sich ausschlössen – in Indien jedenfalls nicht!), und im Aquarium leben offensichtlich nur noch Algen. Doch das Männlein ist eifrig um uns bemüht, telefoniert sofort mit seinem Chef, einem gewissen Faruk, der bestens englisch spricht und uns den Wagen samt Fahrer nicht nur für die Strecke Delhi-Mandawa aufschwatzen will, sondern gleich für die gesamte Reise. Trotz des unguten Gefühls, weil wir einen reinen Telefondeal abziehen, stimmen wir letztlich zu, da uns das Rundum-sorglos-all-inclusive-Paket nur 180 Euro kosten soll. 20 Euro sollen wir gleich anzahlen. Wie sich zeigen wird, eine der weisesten Entscheidungen auf dieser Reise.
Kaum ist das Fortkommen für die restlichen Tage gesichert, schnappen wir uns ein Tuktuk, das uns irgendwohin anderes hin bringen soll, Hauptsache weit weg vom Connaught Place, womöglich gar ins Hotel zurück. Der Fahrer ist ein alter Mann mit mächtigem weißen Bart und knallorangem Turban – ein Sikh. Ob wir mal was Besonderes sehen wollten, fragt er, ob er uns das andere Indien zeigen solle. Welch Frage!
Mr. Singh, so heißt unser Fahrer, denn jeder Sikh trägt den Zusatznamen Singh zu seinem normalen Nachnamen, wie er uns erläutert, karrt uns zu einem Tempel seiner Religionsgemeinschaft. Sikhs glauben im Gegensatz zu Hindus nur an einen einzigen Gott und die Lehren der Zehn Gurus, wie sie im Guru Granth Sahib, der heiligen Schrift der Sikhs, beschrieben sind. Sikhs sind immer mit den fünf Ks ausgestattet: Kesha (langes, ungeschnittenes Haar, das unter dem Turban verborgen wird), Kangha (einen Kamm), Kara (ein eisernes Armband), Kachcha (eine Unterhose) und Kirpan (das Schwert, wenn auch nur symbolisch). Mr. Singh ist ein vorbildlicher Sikh mit allen Ks. Vor dem Tempeleingang beeindruckt erst einmal eine tiefe Baugrube, denn man baut eine Tiefgarage. Dort in der Tiefe stehen Schlangen von Männern und Frauen und warten darauf, einen Eimer voll Beton oder Mörtel in Empfang zu nehmen und irgendwohin auf die Baustelle zu schleppen. Die Gläubigen bauen in freiwilligen Arbeitsdiensten die Garage selbst. Bevor wir den Tempelkomplex betreten dürfen, müssen wir unsere Schuhe ausziehen und einlagern lassen. Dann heißt es Füße waschen, wofür wir mit unseren bisher sauberen Füßen durch ein kleines Becken mit verdreckter Plörre waten müssen. Auch die Hände werden gereinigt – an dem Waschbecken liegt ein linsengroßes Restchen Seife, das wie eine kostbare Hostie von Hand zu Hand gereicht wird. Zu guter Letzt fischt Mr. Singh aus einem Eimer zwei bunte, dreieckige Stoffreste, die uns als Kopftuch dienen sollen, denn unbedeckt darf man den Tempel nicht betreten. Für alle, die grad ihren Turban nicht zur Hand haben, stehen diese Fetzen-Eimer herum. Mr. Singh bleut uns ein, dass wir das Tüchlein, meins ist gold-grün gemustert und aus hartem Polyester, keinesfalls wegschmeißen dürfen und zu Hause mit unseren heiligsten Dingen aufbewahren müssen. Dann führt er uns durch den Tempel, der an sich unspektakulär ist und hauptsächlich durch den kuschelig hochflorigen, knallroten Teppichboden besticht. Als wir das Heiligste verlassen, erhalten wir wie alle anderen aus einem riesigen Topf einen Batzen warmen, süßen Brei auf die Hand geklatscht, den wir essen sollen. Da wir schon beim Betrachten des Kochtopfs Brechdurchfall bekommen, stehen wir erst einmal ein wenig verlegen lächelnd in der Gegend herum und betrachten scheinheilig und »Oh, thank you. But not sooo much!« rufend den braunen Breibatzen. Die Magenprobleme wollten wir eigentlich möglichst nicht gleich am ersten Tag auslösen. Mr. Singh erlöst uns letztlich, indem er einfach den Großteil der Masse zurück in den Topf wirft und uns nur ein kleines Versucherle naschen lässt. Nun führt uns Mr. Singh noch in eine dunkle Halle unter dem Tempel, in dem die Armenspeisungen stattfinden. Dort sitzen freiwillige Helfer, darunter viele Kinder, auf dem Boden an einem endlos langen niedrigen Tisch und formen aus Mehl und Wasser Brote im Akkord.
Auf dem Weg zurück zum Parkplatz sehe ich einen greisen Sikh, der mit seinem blauen Gewand, dem orangenen Turban, dem Krückstock und dem langen weißen Bart einfach zu fotogen aussieht. Artig frage ich, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Sicher doch, der barfüßige Alte wartet geduldig. Ich bedanke mich, doch der Alte hält mich fest. Kacke, denke ich, der will doch wohl nicht Geld dafür, dass ich ihn fotografiert habe. Wie all die Schlangenbeschwörer , die überall aus dem Boden schießen, sobald ein Weißer den kleinen Zeh aus dem Dreiradtaxi steckt. Flugs wird der Korbdeckel weggeschubst, die Kobra herausgezerrt und die Flöte in Anschlag gebracht. Foto gegen Kohle und dann weiter zum nächsten Weißen. Aber der Alte will kein Geld, er will das Bild sehen. Zunächst verstehe ich nicht ganz und überlege, ob ich dem Guten nun die Technik der Fotografie mit Film zum Schlecker bringen und tagelang warten und Film abholen und dann feststellen, dass das Bild nix geworden ist, erklären soll. Dann wird mir klar, dass der Mann offenbar als Model reichhaltige Erfahrung hat – er hält meine kleine Ixus für eine Digitalkamera und ist ganz enttäuscht, als er merkt, dass ich kein Minidisplay auf der Kamerarückseite habe. Kopfschüttelnd verlässt er uns und erzählt später seiner Frau vermutlich von den absoluten Hinterwäldlern aus Germany.
Mr. Singh bringt uns zunächst nicht zurück zum Hotel. Erst muss er sich noch ein Zubrot zu unserem Fahrpreis verdienen, sprich, er liefert uns bei den Touristen-Abzock-Zentren (kurz TAZ) seines Vertrauens ab, um dort Benzingutscheine zu kassieren. Zwei TAZ mit Indien-Ramsch der deutschlandüblichen Straßenfestival-Art machen wir mit, dann endlich dürfen wir heim. Da wir bei unserem Rundgang im Herzen Delhis kaum eines Restaurants ansichtig wurden, das uns einladend erschien, beschließen wir, den Abend im Hotel zu verbringen. Weil im Hotel eine indische Hochzeit mit gehörigem Pomp und Brimborium stattfindet, gibt es beim Sundowner auf der Terrasse viel zu sehen – und schnell viel zu kratzen, denn trotz Autan-Bad stürzt sich eine Fantastillion Mücken auf mich. Das Hotel ist jedoch auf die Moskito-Invasion bestens vorbereitet. Der Garten samt bunter Hochzeitsgesellschaft verschwindet bald in einem dichten Mückenvernichtungsmittelnebel. Man sieht die Hand nicht mehr vor Augen, wenn die Jungs mit den großen Sprühgeräten auf dem Rücken durch die Botanik robben. Blankes Gift legt sich auf die Kapillaren.
»Hallo, Martin?! Bist du da?!«, dringt da ein von Husten und Keuchen unterbrochener Ruf durch die dichten Schwaden. Carsten, der etwas später aus dem Zimmer kommt, findet mich zunächst vor lauter Nebel nicht. Ich huste mir die Seele aus dem Leib und lotse ihn damit zu mir. Schemenhaft taucht endlich seine Gestalt in den Schwaden auf. Viel genutzt hat die Sprüherei letztlich nicht. Im Gegensatz zu uns ist die indische Stechmücke sprayresistent.
Also gehen wir lieber rein und essen was. Das hervorragende Abendbuffet im Maidens befindet sich übrigens in einem eleganten, fensterlosen Raum, der mit alten Fotos aus der Kolonialzeit dekoriert und so heruntergekühlt ist, dass selbst der sicherheitshalber mitgenommene Pullover nicht zum Wärmen ausreicht.

Für den nächsten Tag haben wir einfach wieder Mr. Singh und sein Tuktuk gemietet. Für 600 Rupien (das sind rund 11 Euro) karrt er uns zu allen Sehenswürdigkeiten und verschont uns mit weiteren TAZ-Stops. Mr. Singh trägt am heutigen Tag ein Bartnetz um das Kinn, damit die weiße Lockenpracht schön in Form gerollt wird, und ist äußerst wortkarg. Das Bartnetz ist so straff gezurrt, dass er kaum den Mund öffnen und nur die nötigsten Erklärungen nuscheln kann. Uns soll’s recht sein. Zunächst flitzen wir schnell durch das Rajghat, eines der bedeutendsten indischen Nationalmonumente. Hier wurde Mahatma Gandhis Leichnam eingeäschert. In einem großzügigen, sehr gepflegten Park steht der schlichte schwarze Epitaph, in den Gandhis letzte Worte eingraviert sind: »He Ram!« (»Oh Gott!«). Indische Touristen fotografieren sich davor. Wer den Wächter besticht, darf sogar hinter die Absperrung und sich direkt am Grab knipsen lassen. Weiter geht’s zum imposanten India-Gate mitten in jenem Teil von Delhi, den die Briten zwischen 1911 und 1931 als Juwel des Empires von den damals angesagtesten Architekten errichten ließen. Koloniale Prunkbauten allenthalben, dazwischen breite Grünflächen und großzügige Parkanlagen, auf denen eifrig Kricket gespielt wird. Nur gelegentlich findet sich auf dem Rasen ein klitzekleines Slumquartier aus Plastikplanenzelten. Die Wasserbecken und Brunnen nutzen vor allem Kinder zum munteren Plantschen. Nicht minder imperial präsentieren sich das Regierungsviertel und Rashtrapati Bhavan, der Amtssitz des indischen Präsidenten, auf dem Hügel.
Dann verlassen wir das britische Indien und tauchen ein in das antike Indien. Auf dem Programm steht Purana Qila, das alte Fort, das nachweislich seit 1000 v. Chr. bewohnt war, für stolze Inder aber nicht nachweislich seit 3000 v. Chr. Hier bemerken wir zum ersten Mal eine durchaus sinnvolle Differenzierung in der Eintrittspreis-Politik Indiens: Inder zahlen 10 Rupien Eintritt, »all others« 100 Rupien (ca. 55 Rupien sind während unserer Reise ein Euro). Die Festung bietet in ihrem Inneren nur wenige Baudenkmäler, dafür den Ausblick auf weite Ebenen mit Industrieschandmalen und einen sehr netten Park mit blühenden Bäumen, in dessen Schatten massenweise indische Männer ihrem Lieblingshobby frönen: finster-abwartend starren. Wir tun es ihnen gleich, suchen uns ein schattiges Plätzchen und starren zurück. Sehr erholsam, zumal sich dabei auch vorzüglich die umherflatternden Papageien beobachten lassen.
Noch spannender ist der nächste Sightseeingpunkt: Humayuns Grabmal. Die prächtige Grabanlage von 1565 diente dem Taj Mahal als Vorbild und wurde just erst 2002 komplett restauriert. Vorher-Nachher-Bilder im Informationszentrum belegen, dass den bemitleidenswerten Besuchern vor 2002 ein völlig verwahrlostes Gebäude und ein zugewucherter Park als Sehenswürdigkeit untergejubelt wurde. Wir lustwandeln im Jahr 2005 fast alleine durch einen traumhaften Park mit symmetrisch angelegten Kanälen, die das architektonische Sandsteinjuwel in seiner grandiosen Wirkung unterstützen.

Nach so viel Kultur beknien wir Mr. Singh, uns doch ein wenig Indien abseits der Touristenpfade zu zeigen, irgendwas Typisches, einen echten Hindu-Tempel oder so. Wir träumen von buntern Götterstatuen, bunten Saddhus und bunten Menschenmassen – was man halt so in Bollywood-Filmen oder angesagten Musikvideos sieht. Mr. Singh nickt. Sehen wir da nicht ein fieses Grinsen um seinen Mund zucken? Egal, er verspricht uns einen Tempel, in dem den Göttern Whiskey geopfert wird. Gläubige Hindus dürfen eigentlich keinen Alkohol trinken, doch wenn sie ihn opfern, fließt natürlich auch der eine oder andere Tropfen in durstige Kehlen. Spätestens auf dem Weg zum Tempel hätten wir stutzig werden müssen. Es geht einen kleinen Hügel hinauf, der links und rechts von einer Armada von Rollstuhlfahrern belagert ist. Die Rollstühle sind mutige Eigenkreationen, nämlich Dreiräder, die über Pedale mit der Kraft der Arme angetrieben werden können. Dazwischen liegen, sitzen, krabbeln, hüpfen und kriechen Behinderte, Krüppel, Verwachsene, Zwerge, Lepröse sowie Aussätzige aller Art, die kaum mehr als Fetzen am Leib tragen. Vor dem Tempel selbst befindet sich auf den ersten Blick eine Abfallsammelstelle, die sich auf den zweiten Blick als ein kleiner Markt entpuppt. Hier bietet man vor allem billige Götterbildchen, Plastiktand und bunte Süßigkeiten an. Kaum betreten wir das Areal, stürzt sich eine Hijra auf uns; ein Eunuch, der als Frau gekleidet ist und als Prostituierte lebt. Wir sind nicht so ganz in Stimmung und lehnen dankend ab.
Der Weg führt einige Treppenstufen hinunter, die von Bettlern gesäumt sind. Ein reicher Hindu »opfert« eben Whiskey, das bedeutet, er dreht sich im Kreis, die Flasche hoch erhoben und gekippt. Goldbrauner Alkohol läuft heraus. Um ihn herum windet sich eine amorphe Masse von Leibern, aus der tentakelgleich Arme mit Bechern emporragen. Eine Unzahl zerlumpter Bettler versucht etwas von dem kostbaren Nass auffangen zu können. Wir nutzen die Gunst der Stunde, unbehelligt weiter zu gehen. Eine Anmerkung zur Bettelei sei hier gestattet: Wir hatten sie uns viel schlimmer vorgestellt. Nur Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm werden gelegentlich aufdringlich. Meist verhalten sich die Bettler wie andere Männer: Sie starrten finster-abwartend. So wie die wenigen Bettler, die nicht den Opfernden belagern. Ihre Blicke verfolgen uns, bohren sich in unsere Rücken. Wir rechnen völlig intuitiv mit dem Schlimmsten.
Direkt vor dem Tempel vermuten wir die übliche Schuh-Auszieh-Station, doch wir finden auf den ersten Blick keine. Das kommt uns nicht ungelegen, denn der Boden ringsum ist zentimeterdick mit Unrat übersät. Wir stapfen weiter (später sollten wir zu unserer Schande feststellen, dass die Schuh-Auszieh-Station von uns übersehen wurde). An einer Theke kaufen die Gläubigen Brote und Blumen, die sie wenige Meter daneben opfern. Eine niedrige, mit Räucherwerk, Blumen, kleinen Talglampen und anderem Kram überladene Betonmauer dient als Opferstock. Dahinter beginnt der eigentliche Tempel. Wir erhaschen einen Blick auf Gitter und Käfige, in denen ein paar wenige, mit Unrat und Kot übersäte Götterbildchen stehen, zwischen denen viele Ziegen und Lämmer quicklebendig herumturnen. Die Menschen stehen Schlange, um in den Tempel zu gelangen und die Tiere anzubeten (was wir an dieser Stelle einfach mal unterstellen, obwohl Ziegen und Lämmer nicht als heilige Tiere gelten). Indien, für uns das Land so mancher Premieren, zeigt uns hier, was eine Harke ist. Nie zuvor haben wir uns irgendwo so komplett fehl am Platz gefühlt. Nie zuvor auf unseren Reisen waren wir so sehr Fremdkörper wie hier. »Was wollt ihr, außer glotzen und stören?«, fragt Indien. Als wäre unser Unbehagen nicht genug, kommt nun ein Mann auf uns zu und verbietet das Fotografieren. Der ideale Anlass, gleich das Weite zu suchen. Die starren Blicke der Bettler im Rücken, suchen wir Schutz hinter den dünnen Planen unseres Tuktuks. Nun sind wir nicht mehr wirklich aufnahmebereit, und die geplante Besichtigung des Roten Forts beschränkt sich auf einen Fotostopp.
Weil uns das aber noch nicht gereicht hat, wählen wir abends aus den spärlichen Restaurant-Tipps in den Reiseführern mutwillig eines aus und lassen uns von einem Tuktuk hinkutschieren. Wir erwischen einen verschlagenen Burschen, der uns partout zu mehreren TAZ seiner Wahl mit angeblich sensationellen Angeboten zerren will. Weil wir uns auch nach dem fünften Versuch weigern und auf eine haltestellenfreie Fahrt zum Resto bestehen, tuktukt er mit uns obszön langsam die Strafrunde durch mehrere dunkle Parks und verschiedene Viertel, die man nicht mal bei Tag in Begleitung einer Polizeistreife betreten würde. Unser Fahrer verbirgt nicht seine Enttäuschung darüber, dass wir trotz seiner Route nicht überfallen worden sind. Froh, lebend am Restaurant Kwality Inn am Connaught Place angekommen zu sein, weigern wir undankbares Pack uns auch noch, den Fahrer gleich für die Rückfahrt zu buchen (und im voraus zu bezahlen). Wie sich zeigt, können wir doch lauter schreien als ein indischer Tuktuk-Fahrer. Einfach befreiend.

Am nächsten Morgen ruft tatsächlich Faruk, der Telefonmensch vom Tourist-Office, an, um den gebuchten Fahrer zu bestätigen. Und siehe da, zur verabredeten Uhrzeit stehen ein Fahrer und ein indischer Tata für uns bereit. Tata ist eine einheimische Automarke, die in der modernen Version gerne ein Fiat wäre, in der Originalfassung aber wie ein knubbeliges Nachkriegsgefährt aussieht: rund und kugelig; Isetta macht auf Limousine. Wir haben das Original von anno Tobak erwischt. Kundige TV-Junkies kennen den klassischen Tata aus Werbespots, die im deutschen Fernsehen liefen. Da war zum einen der Peugeot 206-Spot, in dem ein junger Inder mit Brachialgewalt, dem Einsatz von Vorschlaghammer und Elefanten einen ollen weißen Tata in die Form des heißbegehrten Peugeot 206 presst. Und dann gab es den Schokoriegel-Spot, in dem ein blonder Rucksacktourist auf dem Rücksitz eines Tata dem laut singenden Taxifahrer das Maul stopft, indem er ihm das extradicke Kit-Kat Crunchy hineinsteckt. Als ahnungsloser Fernsehkonsument hält man das in den Spots gezeigte Indien natürlich für satirische Übertreibung – wir hätten gewarnt sein sollen!
Unser Fahrer Mr. Vighal hat zwar die Physiognomie einer Bulldogge und sieht aus wie zehn Jahre Knast, doch er entpuppt sich als ruhiger, freundlicher Zeitgenosse. Er ist Hindu, quatscht uns nicht voll, drängt sich nicht auf und fährt für indische Verhältnisse äußerst besonnen, was man auch an seinem beinahe beulenfreien Auto erkennt. Dabei steht natürlich außer Frage, dass er in jedem anderen Land mit seinen Fahrkünsten längst keinen Führerschein mehr hätte. In Delhi wie in jedem Dorf gilt: Wer am lautesten hupt, hat Vorfahrt. Für längere Autofahrten empfiehlt sich daher Oropax, denn kaum ein Verkehrsteilnehmer weiß mit seinen Fingern etwas anderes anzufangen, als ununterbrochen auf der Hupe zu stehen. Ob man Indern wohl den Begriff »Feinstaubbelastung« nahebringen könnte? Eine klassische indische Verkehrssituation, die wir einige Tage später erleben werden, ist folgende: An einem Bahnübergang auf dem flachen Land ist die Schranke unten. Vor uns stehen bereits circa zehn Fahrzeuge. Mit jeder Minute kommen mehr und mehr Autos, Kamel-/Esel-/Pferde-/Maultierkarren, Busse, Lkw, Mopeds, Radler und Rikschas. Selbstverständlich bleiben die nicht auf der richtigen Fahrbahnseite hintereinander stehen, denn dann könnte ja nach Öffnen der Schranke der Verkehr wieder problemlos fließen. Alle drängeln nach vorne, quetschen sich nebeneinander, schieben, schubsen. Vor der Schranke hat sich in Minutenschnelle ein gewaltiger Pfropfen aus Blech, Tier- und Menschenleibern gebildet. Fliegende Händler huschen mit Fächern aus Pfauenfedern oder bunten Getränken durch die Massen. Irgendwann rauscht endlich der Zug vorbei, die Schranke öffnet sich. Natürlich hat sich auf der anderen Seite ein ähnlicher Pfropfen gebildet. Alle geben gleichzeitig Gas oder treiben die Tiere an, zwei Fronten prallen aufeinander. Alle steigen gleichzeitig auf die Hupe. Keine halbe Stunde später haben wir einen Hörsturz und sind mit unserem Auto sage und schreibe zwanzig Meter weiter gekommen. Wir stehen mitten auf den Gleisen und verdrängen, was passiert, wenn nun wieder ein Zug käme. Denn da sind wir schon alte Hasen im indischen Verkehr. Wir sind längst genauso wurschtig wie alle anderen.
Auf dem Weg nach Mandawa hingegen sind wir noch Frischlinge. Zunächst reisen wir komfortabel auf gut ausgebauten Autobahnen durch die boomenden Outskirts von Delhi. Hier entstehen auf dem platten Land blitzende Glaspaläste, verspielte Wohntürme und riesige Shoppingmalls für die wohlhabende Klientel – umringt von Plastikplanenslums bis zum Horizont für die niederen Chargen. Der naive Europäer, der im Fond des altmodischen Tata sitzt, denkt sich nun: Die 200 Kilometerchen Richtung Westen nach Mandawa sitzt man auf einer Arschbacke ab, wenn das so weiter geht. Tja, wenn …
Kaum verlässt man Delhi und den angrenzenden Bundesstaat Haryana, ist Schluss mit lustig. Mit dem unübersehbaren Schild »Welcome to Rajastan« verändert sich die Straße im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Die zweispurige Autobahn weicht einer nicht mal einspurigen Schlaglochpiste, für die die rajastanischen Behörden unverfroren alle paar Kilometer Maut verlangen. Einmal mehr fragt sich der reisende Deutsche, warum es so schwierig ist, in unserem Heimatland für die bestens ausgebauten Straßennetze endlich eine allgemeine Maut einzuführen. Mehr als 30 Stundenkilometer sind nicht drin, wir werden geschüttelt und hüpfen zwischen Polster und Dach wie Gummibälle hin und her. Zu unserer Überraschung haben wohlmeinende Verkehrsplaner in einem einzigen Punkt absurderweise die Moderne einziehen lassen: vor und nach jeder Ortschaft (und man kommt durch viele, viele, viele und noch mehr Ortschaften) sind in den unebenen Schotter und die löchrige Teerdecke zusätzlich verkehrsberuhigende Stolperwellen eingelassen, die ein Durchrasen verhindern sollen. Die Stoßdämpfer des alten Tata ächzen mit uns gequält um die Wette. Selbst gesunde Rücken geben hier irgendwann auf und lassen die Bandscheiben rausflutschen. Später, sehr viel später, als wir auf sicherem Terrain die Fahrt Revue passieren lassen, gestehen wir uns ein, dass wir beide die Horrorphantasie hatten, der Tata hätte einen Achsbruch, einen Platten oder gäbe sowieso den Geist auf. Irgendwo da draußen in einem von diesen Käffern, das aus Garagen mit Rolltoren, finster Starrenden und Verkehrsberuhigern besteht. In Orten, die so abweisend und erbärmlich wirken. Wir fragen uns natürlich, ob wir die Orte genauso elendig und arm finden würden, wenn dahinter ein goldener Strand und das tiefblaue Meer lägen. Vielleicht scheint Armut am Palmenstrand malerischer und damit erträglicher als hier am Rande der Wüste.
Glücklicherweise hält unser Auto durch. Nach geschlagenen sieben Stunden haben wir die zweihundert Kilometer nach Mandawa überlebt, so lange hat auch der Flug München – Delhi gedauert. Uns erwartet angeblich eine alte Siedlung  in der Wüste Thar mit imposanter Burganlage und originell bemalten Havelis, wie die Reiseführer verführerisch säuseln. Einer textet blumig sogar was von einem faszinierenden Bummel in eine mittelalterliche Welt. Stimmt. Das mit dem mittelalterlich.

Mandawa

Mandawa besticht wirklich durch die imposante Festungsanlage, die zur Hälfte renoviert ist. Dieser Teil ist auch ein Hotel. Das Mandawa Castle Hotel. Unser Hotel. Schmucke »Soldaten« mit bunten Turbanen und Hellebarden halten touristengerecht an der Durchfahrt Wache. Das heißt, sollten sie. Denn als wir durchfahren, sitzen sie barhäuptig beieinander und rauchen eine. Hektisch werden die Kippen weggeschnippt und die Turbane aufgesetzt. Schließlich kommen Touristen und die wollen so was fotografieren (und dafür zahlen). Da ich jedoch selten dazu neige, Hotelpersonal gegen Geld zu fotografieren, entspannen sich die Herren schnell und zünden neue Zigaretten an. Das Hotel selbst, also der renovierte Teil der Festung, ist völlig verschachtelt, teilweise liebevoll dekoriert und bemalt. Im kühlsten aller Innenhöfe sitzen reiseprospekttauglich zahlreiche Frauen mit bunten Saris und musizieren. Ob sie Hotelangestellte sind, lässt sich nicht eruieren, denn die Frauen hocken den ganzen Tag dort herum, auch wenn sie nicht musizieren. Die Zimmer unterscheiden sich aufgrund der alten Bausubstanz natürlich erheblich in Größe und Ausstattung. Wie üblich machen wir das Zimmer-wechsel-dich-Spiel, denn durch das erste Zimmer läuft auf Brusthöhe ein Balken, unter den man jedes Mal auf dem Weg ins Bad durchkrabbeln muss. Das mag durchaus authentisches indisches Mittelalter sein, doch wenn da mal jemand nachts schlaftrunken aufs Klo möchte … Im zweiten Zimmer sind dann die Klimaanlagen praktischerweise direkt auf die Betten ausgerichtet. Doch diesmal kann man sie, im Gegensatz zu Delhi, zumindest ausschalten und muss nicht die Decke krampfhaft festkrallen, damit sie nicht weggeweht wird.
Schon starten wir unsere Erkundungstour durch Mandawa, dessen alte, bemalte Havelis die Attraktion sein sollen. Die Havelis, die alten Residenzen reicher Kaufleute, findet man meist nur auf den zweiten Blick. Zahllose Rolltor-Garagen-Läden sind einfach an die einst prunkvollen Fassaden ohne Rücksicht auf die Malerei gebaut worden, der Rest verfällt in muffigen Seitengassen, in die man sich nur ungern hinein traut. Das schmerzt zwar den Künstler, gibt aber natürlich klasse Fotos – auch wenn dabei Gummistiefel von großem Nutzen gewesen wären, denn gelegentlich muss man für ein gutes Bild breitbeinig über der Kloake balancieren, die offen durch den Ort ohne befestigte Straße fließt. Ab und an begegnen uns andere Touristen, die mit eingezogenen Köpfen schreckhaft um sich blickend zaghaft herumschleichen und die Kameras so stark festhalten, dass das Weiße an den Fingerknöcheln hervortritt.

Das indische Unbehagen hat sich längst wieder eingestellt. Auf den Treppen, auf den Veranden, auf den Straßen sitzen Männer. Überall lauern Augen, die jede Bewegung verfolgen. Sicher wurden wir auch in China begafft und distanzlos angestarrt. Doch dort waren wir wie Zootiere; man guckte, deutete, betatschte und erfreute sich. Es wurde gelacht und gescherzt. Hier hingegen bleibt der Blick kalt, abschätzend. Kaum ein Mundwinkel verzieht sich zu einem Lächeln, kaum eine Hand hebt sich zum Gruß. In Deutschland würde man den Blick entweder als unverschämtes »Komm ficken!« oder als unverhohlenes »Brauchst du Schläge?« interpretieren. Einzig junge Männer sprechen einen an, meist fragen sie »How do you like India?«, worauf man aus Höflichkeit natürlich nicht mal ansatzweise ehrlich antworten kann. In der Regel wollen sie sich als Führer verdingen. So wie die fünfzig Burschen, die an uns kleben, kaum dass wir aus der Festung draußen sind. Einer fragt mich gar: »Mister, how did you get this beautiful body?« und betätschelt bewundernd meine Problemzone an den Hüften. Raffinierter Kerl, denn nach solch plumpen Komplimenten ist man gesprächsbereit und das »Come to my shop!« lässt nicht lange auf sich warten. Ein Nein lässt er nicht gelten. »Give me a german promise you come!« Wir versprechen gar nichts, schon gar nichts deutsch. Erfrischend, dass mich zumindest der Friseur einfach so fröhlich anlächelt und »Hallo« ruft, als ich sein außen leuchtend blau und innen komplett knallgrün gestrichenes Lädchen knipse. Na also, geht doch.

Zurück im Hotel bleibt nur der Griff zum Retter in der Not, vulgo Kingfisher-Bier, um die Eindrücke zu verdauen und die Zeit bis zum Abendessen totzuschlagen. Um 20 Uhr soll es ein Buffet geben. Da wir im ganzen Ort keine restaurantähnliche Alternative entdeckten, sitzen wir Punkt acht geschniegelt und gestriegelt an den eingedeckten Tischen im Garten. Überall schlängeln sich bunte Lichterketten um Bäume und an Hecken entlang, sie winden sich an Mauern und Fenstersimsen empor und verzaubern die Festung, die in der Abenddämmerung eh verzaubert wirkt. Romantisches Indien. Endlich. Wir sitzen kaum eine Viertelstunde mutterseelenallein herum (Kellner wieseln umher, aber beachten uns nicht), da gehen die Lichterketten aus. Es funzeln ein paar Kerzen auf den Tischen und einige Strahler beleuchten notdürftig die Treppen. Um halb neun geruht man unsere Getränkewünsche anzunehmen. Es kommen noch ein paar indische Gäste, um die das Personal einen Aufstand verursacht. Die werden im Gegensatz zu uns sofort und mit Katzbuckeln bis zum Boden bedient. Die romantische Kettenbeleuchtung an dem Baum neben den indischen Gästen flackert als einzige wieder auf. Um dreiviertel Neun gesellen sich endlich noch einige Gäste zu uns. Portugiesen und Deutsche. Um neun ist endlich das Buffet eröffnet. Lecker und reichhaltig. Der eine Koch führt uns stolz seine Deutschkenntnisse vor: »Kartoffel« kann er akzentfrei sagen. Um zehn Uhr stürmt dann überraschend eine Hundertschaft uralter Franzosen erst die Toiletten und dann das Buffet. Der Koch trumpft auf und sagt »pomme de terre«. Wir sind beeindruckt. Die Franzosen ebenfalls. Langsam kommt Leben in die Bude. Schnell werden ein tamburinschlagender Greis samt bunt kostümierter Musikkapelle durch den Garten gescheucht, dann noch zwei tanzende Kinder. Großes »Oh« und »Ah« bei den Franzosen, die sich mit dem Essen schlagartig beeilen müssen, denn obwohl wir in der Wüste sind, donnert und blitzt es und Minuten später bricht tosend ein Gewitter herein.
Apropos Franzosen: Zu unserer Überraschung stellen sie hier in Rajastan die größte Gruppe an Touristen. Ab und an trifft man Italiener oder Spanier, eine Handvoll Japaner, gelegentlich Holländer, Engländer oder Australier. Jedoch kaum Deutsche. Wunder, oh Wunder. Und auch die sonst überall reichlich vertretenen Amerikaner sucht man vergebens. Ein indischer Touristenführer erklärt uns, dass Amerikaner die indische Seele nicht verstehen würden und deshalb fernblieben. Einerseits nachvollziehbar, denn wer kann schon die indische Seele verstehen, andererseits dürften nach dieser Definition unsere amerikanischen Freunde mit ihrem legendären Verständnis nirgendwo hin.
Die Nacht in Mandawa ist erfüllt von Gewitterdonner, Pfauenschreien, Gesangsübungen von Hotelangestellten, Zikadenzirpen, mitternächtlichen Discoklängen und rufenden Muezzinen – mit anderen Worten, die Wüste lebt so sehr, dass man kein Auge zumachen kann. Unabhängig davon, dass die Betten so wackeln, dass man sich nicht umzudrehen traut, weil man seekrank wird und die Hitze in den Festungsmauern steht.
Am nächsten Morgen klemmen wir uns Streichhölzer zwischen die Augenlider. Mr. Vighal hingegen wartet samt Tata ausgeschlafen auf uns. Wir fahren weiter südwärts nach Jaipur. Die Wüstenlandschaft ist mal wüst, mal nur karst, mal beinahe wie Korsika im August. Nun kommen wir auch mal durch Orte, die nicht nur aus Baracken bestehen, sondern aus alten Höfen und mittelalterlichen Wehranlagen. Häufig sind sie knallblau angemalt. Noch häufiger zieren gemalte Werbebotschaften die einsamen Gehöfte. Schon irritierend, mitten im Nirgendwo ein riesiges Unterhosen-Werbe-Graffito an der Stallmauer zu entdecken.

Jaipur

Die Straße bessert sich mit jedem Kilometer, mit dem wir uns Jaipur nähern, so dauert die Fahrt von 200 Kilometern nur knapp vier Stunden. Mr. Vighal brettert kleine Teilstücke sogar mit todesmutigen 80 Stundenkilometern über den Asphalt. So erreichen wir am Nachmittag Jaipur und unser Hotel, das Alsisar Haveli. Es sieht überraschenderweise genau so aus, wie das Foto im Internet es versprach: ein herrlicher alter Fürstenpalast im indischen Zuckerbäckerstil inmitten eines üppig grünenden, gepflegten Gartens. Die Zimmer sind liebevoll hergerichtet und stilgerecht mit Antiquitäten dekoriert. Es gibt sogar einen elegant eingerichteten Tee- oder Lese-Salon für die Allgemeinheit. Wir sind beeindruckt und übersehen gerne, dass unser Zimmer bestialisch nach einem Insektenvernichtungsmittel stinkt.
Für Sightseeing ist es zu spät am Tag, wir überlegen, ob wir nicht einfach in die Stadt bummeln sollen. Die Altstadt von Jaipur ist von einer Stadtmauer umgeben, das nächste Stadttor soll laut Plan gar nicht so weit von unserem Hotel entfernt liegen. Nachdem wir unsere grüne Oase durch das Eingangstor verlassen haben, müssen wir uns erst mal zwicken. Kann es sein, dass wir durch irgendein Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum plötzlich downtown Kabul gelandet sind? Wir drehen uns um. Kein Zweifel, hinter uns der herrliche Hotelpalast, vor uns Jaipur in Kabul-Tarnung. Nun denn, auf in Richtung Altstadt. Geld wechseln, bescheidet man uns in der einzigen Bank, die wir weit und breit finden, ist nicht. Also kaufen wir um die Ecke in einer Gasse schnell ein wenig Wasser für die Wanderschaft. Die Herren in der Bude starren dabei so unverhohlen gierig auf unsere Armbanduhren, tuscheln und deuten drauf, dass wir unseren Bummel an dieser Stelle lieber abbrechen und zurück ins Hotel gehen. Der Pool sah doch auch ganz einladend aus.
Er ist wirklich einladend. Für Nicht-Hindus oder Nicht-Buddhisten bietet der Pool zudem eine herrliche Gelegenheit, Hakenkreuze mit den Füßen zu treten. Denn das, was bei uns von skrupellosen Verbrechern als identitätsstiftendes Symbol missbraucht wurde, ist im asiatischen Raum schlicht und einfach das glücksbringende Symbol für das Sonnenrad. Überall findet man das Hakenkreuz, die sogenannte Swastika. So auch in dem Kachelmuster unseres Pools. Übrigens bieten indische Buchhändler gerne Adolfs »Mein Kampf« an – und sie wissen dabei sehr genau was sie tun. Meine anfängliche Vermutung, dass sie sich von dem Hakenkreuz/Sonnenrad in die Irre führen lassen und ein harmloses Erbauungsbuch dahinter wähnen, erweist sich schnell als falsch. Nazischergen hatten einst in Indien sogar eine indische Legion zum Kampf gegen die Briten aufgestellt.
Noch ein Wort zu den indischen Schwimmbädern: Sie entpuppen sich als Paradies für Ornithologen und Vogelfreunde. Ganze Taubenschwärme nutzen das Chlorwasser als Tränke und Bad, gelegentlich stolzieren Pfauen vorbei, bunte Papageien schwirren umher, hoch oben kreischen und kreisen adlergroße Bussarde oder zierliche Falken und Geier knuspern genüsslich an Kamelkadavern herum – ach, nein, letzteres war gar nicht an einem Pool, sondern an der Autobahn zwischen Jaipur und Agra. Wo wir aber gerade bei Chlorwasser waren, das den Tauben so vorzüglich schmeckt: So schön das Alsisar Haveli auch ist, die Küche erschüttert selbst den härtesten Magen. Zu den faden Samosas reicht man einfach Ketchup statt Chilidip, der Tee schmeckt einzig nach Chlor, und dann serviert man uns auch noch das mit weitem Abstand allerallerschlechteste Essen, das wir jemals in unserem Leben gegessen haben, geschweige denn dafür auch noch zahlen mussten. Da unsere Gedärme langsam keine Lust mehr darauf haben, indische Essen unterschiedlicher Qualitätsstufen in Windeseile zu verflüssigen, bestellen wir ahnungslos eines Abends zur Abwechslung was Europäisches. Carsten wählt Maccaroni Italian Style, ich Cheese Maccaroni. Bei Nudeln kann man schließlich nicht viel falsch machen. Okay, es gab da in meiner Jugend einen Freund, bei dem ich manchmal nach der Schule zum Mittagessen war. Dessen Mutter verstand unter Spaghetti kochen: Nudeln zerbrechen, zerkochen und zuletzt anbrennen lassen. Zu der Pampe stellte sie dann einfach eine Flasche Ketchup auf den Tisch und forderte strahlend auf: »Langt zu, Jungs.« Ich hätte nie gedacht, dass man diese Pastakreation noch toppen kann. Die Köche des Alsisar Haveli schaffen es mühelos. Die Maccaroni Italian Style entpuppen sich als breiige Klumpen, die in Ketchup schwimmen. Die Cheese Maccaroni sind ebenfalls zerkochte Klumpen, die in einer weißlichen, spermaartigen Sauce schwimmen und einfach nur nach Chlor schmecken. Klosteine aus einem Urinal zu lutschen kann nicht widerwärtiger sein. Ich beneide Carsten um seine Ketchuppampe und gnädigerweise lässt er mich ein paar Klümpchen naschen. Wie gut, dass es Kingfisher-Bier und Fladenbrot gibt.
Jaipur nennt man auch die rosa Stadt, denn die Altstadt und die Stadtmauer sind komplett mit rötlicher Farbe gestrichen. Rosa ist die Farbe des Willkommens. Als uns Mr. Vighal am zweiten Morgen zum Sightseeing abholt, sind wir überrascht, denn es erwartet uns zudem ein gewisser Mr. Moon. Er ist unser Guide für Jaipur, denn in dem Rundum-sorglos-all-inclusive-Paket von »Peacock Travel« sind für die Sehenswürdigkeiten in Jaipur und Agra Führer inbegriffen. Außer einem kleinen Trinkgeld kosten sie uns nichts extra. Das ahnt ja keiner. Wir freuen uns.
Los geht’s zum Wahrzeichen der Stadt, dem Palast der Winde, dem Hawa Mahal, der 1799 für die Haremsdamen errichtet wurde. Er ist letztlich nur eine Fassade ohne Gebäude dahinter. Er diente den Haremsdamen dazu, durch die Fenster und Gitter unbemerkt das Straßengeschehen zu beobachten. Mehr als schnell fotografieren ist nicht drin. Für ein Foto muss man unter Einsatz des Lebens die vierspurige Straße überqueren, Mr. Moon in die Geheimnisse des Apparates einweisen, sich schnell in Position werfen und knipsen lassen, dann wieder todesmutig über die Stadtautobahn zurück zum Wagen. Erschwerend kommt hinzu, dass Jaipurs Bettler penetrant an einem kleben. Fotoapparat festhalten, zahnlose Greisinnen wegschubsen, die Hände von Müttern mit Babys aus den Taschen zu ziehen, über Lepröse springen und gleichzeitig Lücken im tosenden Verkehr zum Straßeüberqueren finden, macht den Besuch am Palast der Winde zum unvergesslichen Erlebnis.
Weiter fahren wir zum Amber Fort vor den Toren der Stadt. Per Elefant reitet man hinauf zu der prächtigen Festung von 1592. Teile des legendären Fritz-Lang-Films »Der Tiger von Eschnapur« sind hier gedreht worden. Unser Elefant ist schnarchlangsam, wir werden ständig überholt, doch dafür genießen wir die Schaukelei umso länger und intensiver.
Die riesige, beeindruckende Anlage von Amber Fort entschädigt dafür, dass der Palast der Winde außer dem Adrenalinschub irgendwie unspektakulär war. Das besondere Highlight in Amber sind die fantastischen Alabaster- und Glasintarsien. So besteht z. B. die Decke des Sheesh Mahal aus abertausenden winzigen Spiegeln, die im Schein einer kleinen Taschenlampe den Raum in ein Sternenzelt verwandeln. Auch in der Audienzhalle Jas Mandir glitzern und blinken Spiegel aus feinstem Murano-Glas. Interessant sind auch die Verbindungsgänge zwischen den Teilen der Festung. Die langen Gänge werden zum Ende hin immer niedriger, zuletzt muss man sich gebückt fortbewegen – eine Sicherheitsmaßnahme, denn so konnten die Maharadschas verhindern, dass Meuchelmörder oder Angreifer mit erhobenem Säbel durch die Gänge stürmten.
Auf dem Weg zurück in die Stadt halten wir noch kurz am Wasserschloss Jal Mahal, das romantisch in einem verschlickten See liegt. Da Trockenzeit ist, kann man nicht hinübersetzen. Dann strahlt uns Mr. Moon an und fragt, was wir denn nun zum Abschluss noch gerne sehen möchten: Juwelen, Teppiche, Malerei oder Keramik. Es ist also TAZ-Time. Unser »nichts von alledem« ignoriert er beflissentlich und karrt uns zunächst zum Edelsteinschleifer. Im Hotel hat uns ein älteres englisches Ehepaar, offenkundig im Shoppingdelirium, nahe gelegt, in Jaipur Klunker jeder Art zu kaufen, weil die so billig und gut seien. Nur interessieren uns Klunker nicht, nach wenigen Minuten sind wir wieder draußen. Also lädt uns Mr. Moon in einer verfallenen Hintergasse ab, die sich als Kombi-TAZ entpuppt, denn hier sind Miniaturmaler, Teppichknüpfer und Keramikbrenner zu Hause. Wir machen brav alles mit, doch wirklich faszinierend ist nur die Teppichknüpferei, die in einem vermoderten, mehrstöckigen Gebäude untergebracht ist. Der freundliche Besitzer spricht perfektes British-English und erklärt uns geduldig alle Schritte, die nötig sind, um aus gefärbter Wolle herrliche Teppiche zu fertigen. Da hockt der Knüpfer mit Mustervorlage am Webstuhl, dort krabbelt die Fehlfarbige-Fäden-Entfernerin über fertige Teppiche, hier bearbeitet der Flor-auf-gleichmäßige-Höhe-Trimmer mit einer Monsterschere einen Läufer. Zuletzt robbt noch ein Junge über einen Riesenteppich und trennt mit einem kleinen feinen Knochensplitter die einzelnen Farbflächen Faden für Faden voneinander, damit das Muster noch besser zur Geltung kommt. Die fertigen Teppiche sind ein Traum. Da stört es auch nicht, dass zwischendrin der Strom ausfällt, und wir im Halbdunkel durch schmale Treppenhäuser mit bröckelndem Putz und blank liegenden Leitungen stolpern.
Danach führt uns Mr. Moon zu etwas, was auf den ersten Blick ein Friedhof futuristischer Skulpturen ist. Doch das Jantar Mantar stammt aus den Jahren 1723 bis 1734 und ist ein gigantisches Observatorium. Der Erbauer Jai Singh II. glaubte, dass große astronomische Instrumente bessere Ergebnisse lieferten und klotzte entsprechend. Allein die große Sonnenuhr ist stolze 23 Meter hoch. Die kleine Sonnenuhr zeigt die Ortszeit mit einer Genauigkeit von 20 Sekunden, und einige Instrumente dienen noch heute zur Berechnung von Monsunzeiten oder Horoskopen. Gleich anschließend an das Jantar Mantar besichtigen wir den Stadtpalast, der seit dem frühen 18. Jh. den Maharadschas von Jaipur als Wohnsitz dient. Da der Herrscher von Jaipur mehr als nur ein Mensch ist, nämlich eineinviertel Mensch, hat er eine Flagge und noch eine Viertelflagge. Der derzeitige Maharadscha ist anwesend, seine eineinviertel Flaggen wehen über dem Turm. Leider sind nur einige Vorhöfe, der Pfauenhof und mäßig spannende Waffen- oder Kutschensammlungen öffentlich zugänglich. Wir bestaunen gebührend die mannshohen Pötte aus massivem Silber, laut Guinessbuch der Rekorde die größten Silberobjekte der Welt, die Madho Singh II. voll indischem Wasser mit sich führte, als er 1901 London besuchte. Man weiß ja bekanntlich nie bei dem britischen Wasser …
Tendenziell wäre ich noch gerne ein wenig durch die Altstadtgassen von Jaipur geschlendert, die ein endloser Basar sind, doch Carsten hat nach den Erfahrungen des Tages die Schnauze voll. Für die nächsten Stunden mantraartig ununterbrochen »No thank you!« zu wiederholen und abweisend mit den Augen zu funkeln übersteigt seine momentane Leidensbereitschaft. Denn noch sind wir fatalerweise in unserer europäischen Höflichkeit gefangen, die in Indien völlig fehl am Platze ist. Erst am Ende der Reise haben wir uns endlich so weit angepasst, dass wir es den reichen Indern gleich tun können: Bettler werden rüde angeschrieen und mit Blicken getötet; Entschuldigung, Bitte und Danke sind aus dem Wortschatz gestrichen; Kellner missachtet man nicht einmal. Höflichsein ist Schwäche. Und siehe da – plötzlich fallen auch die penetrantesten Kletten wie von Zauberhand von einem ab.

Agra

Am folgenden Tag müssen wir in aller Hergottsfrühe los, denn in unserer Planung haben wir einen entscheidenden Fehler begangen: Das Taj Mahal, das wir ursprünglich am Freitag besuchen wollten, ist just an dem Wochentag geschlossen, weil Freitag der Sonntag der Moslems ist. Nur die angrenzende Moschee ist für Gläubige zugänglich. Also müssen wir an diesem Donnerstag erst die rund 200 Kilometer nach Agra zurücklegen, Fatehpur Sikri besichtigen, ins Hotel einchecken und dann noch das Taj Mahal besuchen. Stress pur. Mr. Vighal treibt uns zur Eile an. Schon verlassen wir Jaipur und wähnen uns erst recht im tiefsten Afghanistan. Die Landschaft ist schroff-bergig, verfallene, aber noch bewohnte Häuser quetschen sich in die Felsnischen. Immerhin ist die Straße relativ gut befahrbar. Wir kommen so flugs voran, dass Mr. Vighal uns sogar bei einer seiner zahlreichen Zigarettenpausen auf ein Glas Gewürztee einlädt. Die Raststätten an den Schnellstraßen sind meist nur offene Buden mit ein paar Stühlen und Tischen. Die Touristen verfrachtet man in der Regel zu klimatisierten Restos, die allerdings nicht wirklich einladend sind und mehr durch die Opulenz des dazugehörigen TAZ als durch die der Speisekarte bestechen. Dafür bieten sie europäischen Därmen eine willkommene Entladestation. Herren der Toiletten sind überall junge Burschen, die sich vor Servilität und Freundlichkeit schier überschlagen. Beinahe muss man sie aus der Kabine scheuchen, sonst würden sie einem noch den Hintern wischen. Das Trinkgeld, das sie erwarten, darf ruhig auch in Euro sein. Dann bitte aber gleich einen Euro und nicht etwa 50 Cent. Ein Junge bittet mich, eine griechische 50-Cent-Münze zu tauschen. Er möchte 50 Rupien dafür, das sind fast ein Euro. Aktuelle Wechselkurse interessieren ihn nicht. 50 ist schließlich 50.
Fatehpur Sikri erreichen wir zur Mittagszeit, was dem Besuch der Geisterstadt leider massiv schadet. Bei über 40 Grad Celsius durch die bestens erhaltenen Sandsteinruinen zu stapfen, die die Hitze speichern, ist nicht wirklich prickelnd. Fatehpur Sikri wurde 1571 von dem Mogulkaiser Akbar erbaut und diente nur 14 Jahre lang als Hauptstadt, bevor sie wegen Wassermangel wieder verlassen wurde. Der hinduistisch-islamische Stilmix beeindruckt, doch die vielen Männer, die sich an jeder Ecke als Führer aufdrängen, lassen nicht nur uns die Schritte beschleunigen. Fatehpur ist auch bei indischen Touristen ein beliebtes Ausflugsziel, die Straßen von und zur Ruinenstadt sind gesäumt mit Hotels und sogar mit Freizeitparks. Und mit Tanzbären. Mindestens zwanzig meist alte Männer, die zahnlose Schwarzbären mit verfilztem Fell an der Kette führen, sehen wir auf dem Weg zurück zur Schnellstraße. Mann und Bär liegen apathisch im Schatten der Alleebäume. Sobald wir die Fahrt verlangsamen müssen – also pausenlos –, und unser Auto am Kennzeichen als Touristenschleuder erkannt wird, schlagen die Bärenführer auf ihre Tiere ein, damit sie Männchen machen und für uns tanzen.
In Agra nächtigen wir im Holiday Inn. So hatten wir es zumindest geplant. Denn die Hotels unserer Reise haben wir auf ganz unterschiedliche Wege gebucht: Delhi im Reisebüro, Mandawa direkt per E-Mail, Jaipur im Internet bei der relativ wenig vertrauenserweckenden Seite »wired-destinations.com« für asiatische Hotels und Agra beim renommierten deutschen Internet-Anbieter Opodo. Bei Reiseantritt hatten wir uns seelisch darauf eingestellt, dass die Reservierung für Jaipur nicht geklappt hat, denn schon im Vorfeld hatten die versucht, uns bei der Abrechnung über den Tisch zu ziehen. Pustekuchen. Wenig vertrauenserweckende asiatische Hotelseiten scheinen solider zu sein als das deutsche Unternehmen Opodo. Im Holiday Inn liegt jedenfalls keine Reservierung für uns vor. Klasse. Sicher ist es nicht sehr nützlich, dass man von Opodo die Buchungsbestätigung für indische Hotels in deutscher Sprache erhält. Denn da beeindruckt heftiges Mit-dem-Zettel-herumwedeln niemand. Doch kaum zetert man ein wenig lautstark herum, kriegt man trotzdem ein tolles Zimmer mit leise flüsternder Klimaanlage und allem Komfort nach amerikanischem Standard zu dem von Opodo schriftlich zugesicherten Preis. Uns bleibt nicht mehr, als wütende E-Mails nach Deutschland zu schicken und schnell das Gepäck in das Zimmer zu schmeißen, denn das Taj Mahal wartet.
Auch diesmal gibt es einen kostenlosen Guide, einen öligen älteren Herrn, dessen komplizierten Namen wir uns nicht merken können. Zwei Kilometer vom Taj entfernt müssen wir das Auto und Mr. Vighal zurücklassen, so erfordert es die Verkehrs- und Industrie-Bannmeile. Ein halbherziger Versuch, das Grabmal vor aggressiver Luftverschmutzung zu bewahren. Der Eintritt kostet pro Person stolze 15 Dollar, dann erfolgt eine Leibesvisitation. Handys und alle elektronischen Geräte, die nicht zum Fotografieren dienen, müssen draußen bleiben. Man hat Angst vor Anschlägen.
Das Taj Mahal zählt wie der Eiffelturm zu jenen Bauwerken, von denen man glaubt, sie in- und auswendig zu kennen, ohne je dort gewesen zu sein. Doch wenn man sich dann durch den Vorhof nähert und der weiße Palast durch den Bogen des Eingangstors wie eine Fata Morgana im Dunst sichtbar wird, weiß man, dass man gar nichts kennt. Indien hat uns wüst gebeutelt, zugegeben. Mehr als einmal standen wir kurz davor, einfach in den nächsten Flieger heimwärts zu steigen. Doch der Anblick des Taj Mahals macht fast alles wieder wett. Was der Mogulkaiser Shah Jahan da ab 1631 für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal als Grabmal errichten ließ, sagt mehr über die Liebe als tausend Gedichte. Da stören selbst die Touristenscharen nicht, die sich durch die großzügige Gartenanlage drängeln. Es sind ohnehin überwiegend indische Touristen, was dem Ganzen noch mehr exotischen Reiz gibt. Überall wehen bunte Saris im glühend heißen Nachmittagswind. Überhaupt haben Indiens Straßen generell einen nicht zu unterschätzenden Pluspunkt: Saris in jeglicher Farbe. Sie peppen auch ausnahmslos jedes Foto auf. Wir haben auf unserer Reise nicht eine einzige westlich gekleidete Inderin gesehen. Egal ob Slum, Bauernhof oder Luxushotel, egal ob dürr, dick, alt oder jung – die Frauen tragen Saris und es steht jeder gut. Ohne sie sähen die Straßen Delhis, die Barackendörfer, die Felder entlang der Schnellstraßen und die Gassen Jaipurs öde, trist und grau aus.
Unser Guide erklärt uns, dass die beiden prächtigen Särge im Inneren des Taj nur Show-Särge sind, denn Shah Jahan und Mumtaz liegen für die Öffentlichkeit unzugänglich in einer unterirdischen Gruft. Detailliert widmet er sich dann den kostbaren Pietra-Dura-Arbeiten – den leuchtenden Edelsteinintarsien aus Karneol, Lapis Lazuli, Malachit, Perlmutt und Tigerauge – in der blütenweißen Marmorfassade des Mausoleums. Nicht ganz zu unrecht ist er stolz auf indische Handwerker und auch auf die Qualität des indischen Marmors, der ungleich härter ist als der italienische und auch nach 400 Jahren noch unverwittert strahlt. Insgeheim bereitet uns der Führer letztlich schon auf »sein« TAZ vor. Doch wir haben einen Tag Galgenfrist. Vorher dürfen wir zwei Stunden alleine durch das Taj Mahal schlendern, staunen und Schönheit in Reinkultur aufsaugen.
Irgendwann ist es an der Zeit zurück ins Hotel zu kehren. Brutal fängt uns die indische Wirklichkeit wieder ein. Ich möchte noch ein wenig am Pool relaxen und das Gesehene verdauen. Der Pool ist nett angelegt, die üblichen Taubenschwärme laben sich am Beckenrand, die dazugehörigen Bussarde kreisen, doch leider sind alle Liegen belegt. Ich zähle nach: eins, zwei, drei. Ich frage den Poolboy, wo denn die anderen Liegen seien. Er zuckt mit den Schultern und lächelt dümmlich. Es gibt nur drei Liegen für das ganze mindestens zehnstöckige Hotel! Ich frage, ob das ein Scherz sei. Er zuckt mit den Schultern und behält sein Grinsen. Immerhin bekomme ich einen Plastikstuhl zum Hinsetzen. Schön, wenn man sich auf Hotels mit amerikanischen Standards verlassen kann.
Am nächsten Tag stellt sich nicht nur uns die Frage, was man sonst noch in Agra macht, wenn man das Taj Mahal gesehen hat. Auch unser Führer ist relativ ratlos. Er zeigt uns das Rote Fort von außen (»Lohnt sich nicht von innen, obendrein kostet es 500 Rupien Eintritt!«). Hier landete Shah Jahan, der Erbauer der Taj Mahal, nachdem er von seinem Sohn entmachtet wurde, in einer Zelle, von der aus er immerhin die Fertigstellung seines Liebes-Mausoleums jenseits des Flusses beobachten konnte. Dann dürfen wir am Flussufer direkt an einer Mischung aus Kotsammelstelle und Müllhalde aussteigen. Hier, so versichert uns der Guide, könne man ungestört von Bettlern fotografieren. Wen wundert’s. Wir sehen die Bettler, die an dem klassischen Fotopunkt aufgereiht stehen, die Lumpen raffen und in unsere Richtung humpeln. Schnell das »Mini-Taj« genannte Itimad-ud-Daulahs-Mausoleum von 1622 auf der anderen Uferseite knipsen (»Lohnt sich nicht von der Nähe, wenn man im Taj Mahal war! Und treten Sie nicht in die Kacke, sonst dürfen Sie nicht mehr ins Auto«, sagt er nur halb im Scherz) und weiterfahren. Ebenfalls vom Ufer aus dürfen wir auch das Taj Mahal in der Ferne bewundern. Im Vorbeifahren sehen wir noch das St. John’s College, das wir gar nicht sehen wollten, weil uns Kolonialarchitektur nicht wirklich interessiert. Ehrlicherweise geben auch unsere Reiseführer in Buchform nicht mehr Sehenswürdigkeiten in Agra her. Tolle Wurst.
Nun schleppt uns der Führer in sein TAZ, eine Marmorschleiferei. Ein alter Familienbetrieb, der zu den Firmen gehört, die am Taj Mahal restaurieren dürfen. Der Inhaber zeigt uns stolz stapelweise Briefe und Fotos, die ihm zufriedene Kunden aus Deutschland geschickt haben, denn man verschifft selbstverständlich in alle Welt. Wunschanfertigungen sind ebenfalls kein Problem. Soll's ein Tisch mit Rosenmuster sein wie für die Dame am Tegernsee oder doch lieber eine Badezimmertäfelung mit Berliner-Bär-Intarsie, die ein ebenso reicher wie geschmacksverirrter Berliner geordert hat? Die filigrane Einlegearbeit, die bunten Blüten und Ranken aus winzigen Edelsteinsplittern, die in den weißen Marmor eingelassen werden, fordern so viel Geduld und Geschicklichkeit, dass die Arbeiter immer nur zwei Wochen an einem Stück arbeiten dürfen. Dann werden sie abgelöst, weil die Augen und Fingerspitzen überfordert sind. Und zum ersten Mal sind wir von der Arbeit der Handwerker so fasziniert, dass wir die Kreditkarten zücken.
Zurück im Auto, ist unser Führer nun ratlos. Es ist gerade mal Mittagszeit und schon hat Agra nichts mehr zu bieten. Er schlägt uns vor, einfach so noch ein wenig in der Stadt herumzufahren und … Wir schlagen vor, dann doch lieber den Tauben am Pool Gesellschaft zu leisten. Immerhin sind nun alle drei Liegen frei und wir haben die freie Platzwahl.

Delhi

Am folgenden Tag haben wir kaum Agra hinter uns gelassen, da stoppen wir noch schnell für ein Foto in Sikandra am Mausoleum der Mogulkaisers Akbar. Das Haupteingangstor mit Einlegearbeiten aus weißem Marmor, schwarzem Schiefer und verschiedenfarbigen Sandsteinen muss uns reichen. Denn zu mehr Sightseeing fehlt uns die Muße, weil wir wissen, dass die 200 Kilometerfahrt nordwärts Richtung Delhi sehr lang werden kann. Doch die Straße ist bestens ausgebaut. Nur vier Stunden später hat uns das große Grau wieder. Nun treffen wir auch endlich den mysteriösen Faruk, mit dem wir ein paar Tage zuvor, die uns wie eine Ewigkeit vorkommen, telefonisch unseren Fahrer samt Tata gebucht hatten. In einer besseren Wohngegend springt er kurz in das Auto. Ein gutaussehender, eleganter Mann in den besten Jahren, Typ klassischer Womanizer und Bilderbuch-Hallodri. Irgendwie hat die Szenerie etwas Konspiratives, aber er rechnet korrekt ab, steckt das Geld in die Brusttasche seines Hemdes und verabschiedet sich herzlich, bevor er wieder aus dem Wagen springt. Wir sollen ihn bitte in Deutschland weiterempfehlen. Tun wir gerne – also bitte den Fahrer bei »India Peacock Travel« buchen. Mr. Vighal bringt uns zuletzt wieder zum Oberoi Maidens.
Diesmal bekommen wir ein Zimmer mit richtigen Fenstern zur Straße und einer regulierbaren Klimaanlage.  Den Nachteil erkennen wir schnell. Die Airco tobt in einer Lautstärke, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Es bleibt nur Ausschalten und damit alle Mücken Delhis auf ein Schlückchen Blut hereinzubitten. Da sich unsere Abenteuerlust nun auf ein Minimum reduziert hat und es nicht wirklich billiger ist, ein Taxi in die Stadt und ein Restaurant zu bezahlen, bleiben wir fortan zum Essen in der elegant eingerichteten Tiefkühltruhe des Oberoi. Ohnehin das beste Essen, das wir in ganz Indien kosteten.
Unsere Pläne, in Delhi noch das Altstadtviertel mit seinen Basaren zu besuchen, zerschlagen sich. Denn sonntags haben die zu. Also machen wir einen auf Kultur und besichtigen das Nationalmuseum. Endlich finden wir indische Kunst, wie wir sie bisher schmerzhaft vermisst hatten, in Hülle und Fülle. Shivas, Vishnus, Ganeshas und Lakshmis in allen Formen und aus allen Epochen. Ein Exponat schöner als das andere. Wir wollen sofort Statuen, Postkarten, Repliken und Kataloge en gros kaufen. Doch der eine Museumsshop bietet nur billigen, bunten Touristenramsch, der mit den Exponaten nicht einmal ansatzweise zu tun hat, der andere Museumsshop ist offenbar aus einem finsteren kommunistischen Land exportiert worden. Denn dort sitzen zwei Männer vor völlig verstaubten, weitestgehend leeren Glasregalen, in denen drei angeschlagene Gips-Repliken und Chitinpanzer längst dahingeschiedener Insekten vergammeln. Statt Katalogen gibt es ein paar schlecht gemachte Heftchen mit verblassten Bildern zu verschiedenen Themen indischer Kunst. Schade, was könnten findige Köpfe da an Merchandising herausholen …
Weiter geht’s zum Handicraft Museum. Da ist der Eintritt gar kostenfrei, man muss sich bei einem schmucken Uniformierten in ein großes Buch eintragen. Drinnen zeigt eine Art Basar käuflich zu erwerbende indische Handwerkskunst aus allen Regionen, dazu gibt es ein pittoreskes Freilichtmuseum mit allen möglichen Haus- und Hüttentypen des Landes. Die interessantesten Exponate verpassen wir beinahe, denn der Eingang zu dem Museumstrakt mit den Erzeugnissen der verschiedenen Volksgruppen ist in dem Gelände schwer zu finden. Lohnt sich aber.
Den restlichen Tag kann man sich am Pool oder mit endlosen Bollywood-Schmonzetten im Fernsehen totschlagen. Auf rund 50 Kanälen laufen ununterbrochen diese quietschbunten Hirn-Wegpuster, in denen stundenlang gesungen und getanzt, geliebt und gehasst wird. Der Plot ist bereits während des Vorspanns vorhersehbar, das Rollenbild ultrakonservativ und streng traditionell und die Schauspieler sind allesamt wunderhübsch. Auch eine Möglichkeit, das breite Volk ruhigzustellen.
Apropos ruhigstellen: Bei den vielen Fragen, die sich uns im Laufe der Indien-Reise aufdrängten (z. B. »Was mache ich überhaupt hier?«), glauben wir zwei wohl nie wirklich für uns nachvollziehbar beantwortet zu bekommen. Beide liegen nah beieinander und wie sich zeigen wird, gibt es doch Antworten. Die eine ist, wie man immer wieder und wieder mit Verve und Begeisterung durch dieses Land mit dem Rucksack reisen kann, wenn man nicht gerade drogenseliger Hippie, abgehärteter Extremsportler oder nervenkitzelsuchender Abenteurer ist. Die andere lautet, wie man in diesem Land geistige Erleuchtung suchen und finden kann, wenn man Augen hat zum Sehen und Ohren hat zum Hören.
Mag sein, dass die in den abgeschotteten Ashrams zu finden ist. Mag sein, dass man in der Isolation einer künstlichen Kuschelwelt einen wegweisenden Guru findet. Diese Ashrams, wie zum Beispiel das berühmte Poona, liegen verkehrstechnisch raffinierterweise so günstig, dass die Sinnsuchenden aller Länder bequem vom Komfort-Sitz des Fliegers in die First-Class-Kuschelabteils der indischen Eisenbahn umsteigen können, um im Luxus-Ghetto zu landen. So muss man nicht mit offenen Augen durch das Land reisen und kann das eklatante Elend ignorieren, das aus der Gleichung Indien und wirkliche Erleuchtung einen Widerspruch in sich macht. Oder ist Erleuchtung mit allen Konsequenzen vielleicht nur weißen Wohlstandsvegetariern vorbehalten? Oder streben die Sinnsuchenden nach dem, was sie vielleicht für indischen Stoismus halten? Verwechseln da manche gar erstrebenswerten Gleichmut mit erschreckender Gleichgültigkeit?
Eine kleine Beobachtung zum Thema Gleichgültigkeit am Rande: Direkt vor uns auf einer vielbefahrenen Überlandstraße verunglückt ein Motorrad, weil es beinahe eine Kuh rammt, die plötzlich auf die Straße latscht. Motorradfahrer und Sozius werden auf die Straße geschleudert. Die Kuh glotzt irritiert, latscht aber unverletzt weiter. Die beiden Männer rappeln sich mühsam auf, bergen das umgekippte Motorrad – und außer um die Hupe zu betätigen, rührt niemand einen Finger. Fragen, ob sich jemand verletzt habe, ist augenscheinlich abwegig.
Das indische Kastensystem verhindert ein kastenüberschreitendes Mitgefühl. Wir als Europäer gelten als über den Kasten stehend. Früher hätte uns kein Hindu zur Begrüßung die Hand gegeben. Nun haben sich die Verhältnisse immerhin so weit geändert, dass man uns die Hand schüttelt. Goldener Fortschritt. Doch nach wie vor gilt: Kaste ist Schicksal. Wer in die unterste Kaste geboren wird – selbst schuld! Schließen unsere sinnsuchenden Freunde daraus: Wer nicht in Europa mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wird und sich keinen Ayurveda-Trip plus rolls-royce-fahrenden Guru leisten kann – selbst schuld? Ist Erleuchtung nur Geldfrage? Ist achselzuckendes Hinnehmen von allen Willfährigkeiten gleich Erleuchtung? Oder ist es nicht einfach purer Egoismus, seine persönliche kleine Wunderwelt inmitten von Massenelend aufzubauen?
Man wird ja noch fragen dürfen.
Letztlich finden wir doch eine Antwort: Selbst die beschissensten Seiten Indiens haben etwas Gutes – sie schärfen den Verstand und das Urteilsvermögen, sie machen wacher als zehn  Espressi. Indien lässt selbst uns popeligen »Auf-die-Schnelle-Durchraser« so existenzielle Grunderfahrungen machen, bietet so viele Facetten von sensationeller Schönheit bis zu abgrundtiefem Horror, dass man gezwungen wird, sich ernsthaft mit der bereits gestellten Frage »Was mache ich hier?« auseinanderzusetzen. Diese Frage bezieht sich dabei nicht nur auf Indien!
Uns hat sie wirklich zu einer Erkenntnis geführt. Okay, zugegeben, es sind zwei. Die erste Erkenntnis: Zehn Tage rumreisen sind einfach ein Witz für dieses Land, wobei man uns verzeihen möge, wenn wir vorerst keine weitere, mehrwöchige Indien-Intensivierungs-Reisen planen. Die zweite Erkenntnis: Wir leben in West-Europa auf einer klitzekleinen Insel der Glückseligen. Nicht, dass diese Erkenntnis wirklich neu wäre, doch sie verschwindet gerne im Nebel unseres Jammerns auf allerhöchstem Niveau.
Es mag kaum verwundern, dass wir nach zehn Tagen den Rückflug regelrecht herbeisehnen. Noch eine schlaflose Nacht, in der wir stolze 25 Mücken erschlagen, dann hat uns »New Delhi Indira Gandhi« wieder. Die Abflughalle präsentiert sich nicht minder uncharmant wie die Ankunftshalle. Wir zählen ungeduldig die Sekunden bis zum Boarding, fühlen uns wie nach einem halben Jahr Afghanistan. In Gedanken formulieren wir schon mal die Fragen an die Indien-Fans, was sie fasziniert und uns offenbar entgangen ist. Zurück in München erfahren wir dann Dinge wie: »Delhi ist doch eh das letzte Drecksloch.« oder »Bei Autofahrten lege ich immer Scheuklappen an.« oder »Also weniger als sechs Sterne sollte das Hotel auf gar keinen Fall haben!« oder »Vor jedem Essen, also schon beim Frühstück, erst mal ein randvolles Glas Whiskey trinken. Zum Desinfizieren.« Zu spät. Aber danke für den Tipp.
Noch sind unsere Indien-Visa für einige Monate gültig. Teuer genug waren sie mit 50 Euro auch. Wir brauchen dringend Erholung und planen schon mal für den nächsten Urlaub im September.
»Also eine Woche ginge da schon.«
»Okay, wie wäre es mit den Kanaren oder Malle?«
Wir lachen prustend los. So sehr hat uns Indien dann doch nicht abgehärtet.
»Griechenland. Irgendeine kleine ruhige Insel.«
»Kling gut.«

© Martin Arz, Indien-Rundreise >KURZFASSUNG FÜR DAS WELTWEITE NETZ<, Juli 2005

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