...
»Herr von Schwind«, sagte die Kazmarek ohne mich anzusehen, »Sie sollen uns unterstützen, Frau Wenzel aus den Negativschlagzeilen zu halten. Wir haben, bevor Sie eingetroffen sind, bereits mit Ihrem Vater, Herrn Gebrecht und Frau Klein alles besprochen. Ich werde Ihnen gerne ein Gesprächsprotokoll zukommen lassen, wenn Sie wollen. Alles, was Frau Wenzel nutzt, werden wir unternehmen. Mag die Öffentlichkeit rätseln, was nun an der Sache zwischen Herrn Gebrecht und seinem Luder dran ist, wichtig ist nur, dass es keine mediale Schlammschlacht gibt.«
»Luder?«, fragte Katja ungläubig. »Entschuldigen Sie bitte, aber die betreffende Dame ist anwesend!«
»Frau Klein«, fuhr die kalte Kazmarek emotionslos fort, »wird den Medien als Faschingsluder verkauft ...«
»Faschingsluder?!«, schrie Katja fassungslos und tippte sich an die Stirn.
»Ich war mal Faschingsprinzessin«, sagte Sandra Klein mit einem entschuldigendem Lächeln. »Und bald ist Halloween. Da lag es nahe.«
»Die Bezeichnung ist ebenso vertraglich festgelegt wie ihre Rolle«, riss Penelope Kazmarek das Gespräch wieder an sich.
»Kann es sein, dass ich hier im falschen Film bin?«, fragte ich. »Ich soll also mit einem Faschingsluder um die Häuser ziehen. Und wer bin ich? Der Faschingsluder-Hengst? Das ist doch alles Lug und Trug!«
Penelope Kazmarek lachte blasiert. Auch Gudrun Nachtweih verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, reckte den Giraffenhals und schüttelte den Kopf. »Das, Herr von Schwind, lassen Sie mal ganz allein unsere Sorge sein«, sagte die Kazmarek. »Im Übrigen wird Ihr Name und alles weitere zu Ihrer Person nicht bekannt gegeben. Außer Sie legen Wert darauf, was ich mir nicht vorstellen kann. Sie brauchen auch keine Angst vor Paparazzi zu haben, denn ein Luder ist keine A-Prominenz. Niemand berichtet über Luder, außer sie drängen sich in die Öffentlichkeit. Wir arrangieren das. Das läuft so in der Luderlobby. Die Medien interessieren sich in der Regel für nichts, auf das sie nicht mit der Nase gestoßen werden. Machen wir uns nichts vor, die Öffentlichkeit will belogen werden. Am liebsten belügt sie sich sogar selbst. Nehmen Sie die Fälle Sedlmayr, Gildo oder Mercury. Jeder Medienschaffende wusste, dass sie homosexuell waren, doch wurde nie darüber berichtet. Und kaum waren sie tot, taten alle so, als seien sie über die Enthüllungen zutiefst schockiert. Erzählen Sie mir nicht, das sei neu für Sie. Sie haben doch auch jahrelang in der Werbebranche gearbeitet. Da müssten Sie den freizügigen Umgang mit der Wahrheit gewohnt sein, oder irre ich mich, Herr von Schwind?«
Sie sah mich mit ihren hellblauen Augen provozierend an. Ich verspürte den dringenden Wunsch, ihren Kopf in eine Toilette zu tauchen. Eine verstopfte Toilette. Dazu musste ich aber erst einmal die Örtlichkeit finden und für die Verstopfung sorgen. So entschuldigte ich mich und ging nach draußen.
Die Villa der Schauspielerin war im toskanischen Stil gebaut, der Grundriss fast quadratisch. Vom Entree gelangte man direkt in den großzügigen Salon, in das Speisezimmer, ein Arbeitszimmer sowie eine Bibliothek, zudem führte eine breite Treppe in das obere Stockwerk. An den Wänden hing großformatige moderne Kunst. Links und rechts neben der Eingangstüre gab es je eine geschlossene Tür. Hinter der einen musste sich die Küche, hinter der anderen die Gästetoilette verbergen. Ich wollte eben die linke Tür ausprobieren, als von der Treppe ein fiepsendes Geheul erklang und ein Schreckgespenst die Stufen hinab auf mich zustürmte. Ich war für Sekundenbruchteile wie gelähmt, ebenso das Gespenst, das sich bei näherem Hinsehen als grotesk geschminkte junge Frau mit einem ausgesprochenen Faible für gruftig-nuttige Kleidung und einer mörderischen Alkoholfahne entpuppte. Sie sah aus wie Yvonne DeCarlo alias Lily Munster auf Speed. Ihr Maskara war verlaufen und bildete schwarze Teiche unter ihren Augen, den schockroten Lippenstift hatte sie sich quer über die Wangen verwischt. Nun erst, beim noch genaueren Hinsehen, fiel mir auf, dass die Frau in Wahrheit eine Trümmertranse war, die als Lily Munster verkleidet war und auf Pumps mit Kamikazeabsätzen schwankend Halt suchte.
»Sie ist tot!« Der Typ hatte seine Stimme wieder gefunden und packte mich am Kragen. »Laura. Tot, da oben!« Er deutete hinauf, packte mich am Handgelenk und zerrte mich die Treppen hinauf bis unters Dach in den zweiten Stock.
»Wer?«, fragte ich verduzt. »Wer ist tot?« und versuchte mit der Transe Schritt zu halten.
»Laura«, keuchte der Verkleidete und zog mich weiter. »Unsere Laura!« Das Dachgeschoss war großzügig ausgebaut. Links führten zwei Türen zu einer Art Appartement. Ich befreite mich vom Griff der Transe und spähte in den einen Raum. Man sah die Leiche erst, wenn man um den großen alten Tisch, der in der Mitte des Wohnzimmers stand, herum gegangen war. Die Frau lag friedlich ausgestreckt auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Sie war mittleren Alters und das, was man ein barockes Vollweib nannte. Sie trug einen dunkelblauen, samtenen Morgenmantel, wo der Kragen etwas verrutscht war, sah man den Spitzenträger eines BHs blitzen. Unterhalb ihrer Brust ruhte ihre verkrampfte linke Hand. Wenn man sich bückte und genau hinsah, konnte man erkennen, dass sie einen Brieföffner umkrallte, der in ihrem Körper steckte. Ich berührte kurz ihre Wangen - kalt. Also doch kein schlechter Halloween-Scherz. Vermutlich gab es noch mindestens einen weiteren Einstich in ihrem Körper, aus dem das mittlerweile getrocknete Blut auf den Parkettfußboden gelaufen war. Die tödlichen Wunden zeigten, dass jemand gar nicht gut auf diese Laura zu sprechen gewesen war.
»Laura Meitinger, unsere Haushälterin«, sagte der grell geschminkte Typ ungefragt. »Mein Gott, Laura. Ich bin eben nach Hause gekommen.« Er lehnte sich gegen den Türrahmen. Bis zur Hüfte war er tatsächlich eine recht gute Kopie von Lily Munster: die lange, schwarze Perücke mit den zwei weißen Strähnen, das hellgraue Oberteil mit den langen Zipfelärmeln, und natürlich das Make-up. Doch untenherum hatte es nur zu einem knappen Minirock gereicht. Dieser, kaum mehr als ein breiter Gürtel, war so weit nach oben gerutscht, dass man seinen Slip durch die Maschen der schwarzen Netzstrumpfhose blitzen sehen konnte. Er trug weißen Feinripp mit Eingriff. Ich hatte lange genug hingestarrt, um das zu bemerken. Er nahm meinen Blick wahr und berührte meinen Arm, dabei hinterließ er einen roten Abdruck auf meinem Hemd. Seine Hand war leicht blutverschmiert. »Hast du eine Zigarette?« Ich verneinte. »Na, auch egal, ich habe noch welche.« Er begann umständlich in seiner Handtasche zu wühlen, die eigentlich keine Handtasche, sondern eine Ariel-Waschpulvertrommel mit Henkel war. Dabei schniefte er erbärmlich. Ich reichte ihm ein Tempo. Er lehnte ab.
»Gleich vorbei«, sagte er lässig und zog geräuschvoll Rotz in die Nebenhöhlen. »Die Nase fließt nur wegen der Temperaturumstellung von Draußen nach Drinnen.«
»Alles klar. Und wer bist du?«, fragte ich. Er reagierte nicht. Seine Perücke war ein wenig verrutscht und legte sein echtes Haar frei: dunkelblonde kurze Stoppeln.
Erst nachdem er endlich aus den Tiefen seiner Waschmittelhandtasche ein Päckchen Lucky Lights herausgekramt und sich eine Zigarette angezündet hatte, antwortete er: »Wer ich bin? Gute Frage. Die bessere Frage lautet allerdings, wer du bist.« Er zerrte ein wenig an dem Minirock herum und gab dann auf. »Scheiß drauf«, sagte er dann. »Kannst ruhig die Kronjuwelen sehen, wenn du willst.« Er schenkte mir einen koketten Blick. Der Typ hatte vielleicht Nerven! Angesichts von Mordopfern pflege ich nicht zu flirten, und mit Gruseltransen schon gleich gar nicht - da habe ich so meine Prinzipien.
»Dir ist schon klar, dass du Blut an der rechten Hand hast?«, fragte ich und zupfte demonstrativ an meinem verschmutzen Hemdsärmel.
»Na und?« Er sah mich müde mit schweren Lidern an. »Ich habe Laura berührt. Weil sie so friedlich dalag. Dachte, sie hatte einen Herzinfarkt oder so. Das Messer habe ich erst später bemerkt. Das Blut an ihrem Morgenmantel war wohl noch nicht weggetrocknet.«
Die Tucke gab sich einen Ruck und stöckelte schwankend Richtung Treppenabgang. »Na, ist auch egal, wer du bist, wenn du hier den Geheimnisvollen spielen willst«, rief er über die Schulter. »Ich glaube, ich sollte jetzt meine Eltern informieren, dass unsere Perle tot ist.« Seine Kaltschnäuzigkeit irritierte mich, gleichwohl merkte ich, dass sie gespielt war.
»In dem Aufzug?«, rief ich ihm hinterher.
Er blieb verwundert stehen. »Welcher Aufzug?«, fragte er mich. Dann sah er an sich hinunter. »Ach so. Das macht nix.« Er winkte mit der linken Hand ab, ein falscher Fingernagel löste sich und flog durch die Luft. »Meine Alten wissen über mich Bescheid. Keine Sorge. Die schockt schon lange nix mehr.«
.... Fortsetzung nur im Buchladen!