Leseprobe

Heilige Ungeheuer (aus: »Ehegeschichten«)

Als sie am 1. August 1929 in Mexiko-City heirateten, spöttelten die Eltern der Braut, es sei, als wenn ein Elefant eine Taube heirate. Der Elefant - das war der 42jährige, zweifach geschiedene Diego Rivera, ein skandalumwitterter Mann von barocker Leibesfülle und überzeugter Kommunist, der durch seine Monumentalfresken mit klassenkämpferischen Motiven als Mexikos Malerfürst galt. Die Taube - das war die 22jährige zierliche, stolze Frida Kahlo, Tochter eines deutsch-ungarischen Fotografen und einer Mexikanerin, die ihrem Mann bald als Künstlerin den Rang ablaufen sollte.
Mit Diego verheiratet zu sein, war nicht einfach. Sex, das war für Rivera wie jedes andere körperliche Bedürfnis: eine Selbstverständlichkeit, der man nachgehen sollte. Er liebte zwei Dinge mindestens genauso wie seine Frau: die Malerei und  alle hübschen Frauen. »Ich habe in meinem Leben zwei Unfälle erlitten,« vertraute sie kurz nach der Hochzeit ihrem Tagebuch an. »Zuerst überfuhr mich eine Straßenbahn, der zweite Unfall ist Diego.«
Der erste Unfall ereignete sich am 17. September 1925. Die 18jährige Frida saß in einem Bus, in den eine Straßenbahn hineinraste. Eine Metallstange durchbohrte ihren Unterleib, die Wirbelsäule wurde verletzt, Rippen, Schlüsselbein und Schambein brachen, das rechte Bein, das infolge einer Kinderlähmung ohnehin schon leicht verkrüppelt war, zersplitterte förmlich. Dieser erste Unfall bedingte indirekt den zweiten.
Monatelang ans Krankenbett gefesselt, begann Frida gegen ihre Depressionen anzumalen. Als sie wieder gehen konnte, packte sie ihre Gemälde, meist altmeisterlich gemalte Selbstporträts, ein und besuchte selbstbewußt den bedeutendsten Maler Mexikos, Diego Rivera. Sie bat ihn um ein Urteil über ihre Werke, und Diego war nicht nur von ihrem großen Talent sondern auch von ihrem rassigen Äußeren beeindruckt. Mit ihren zusammengewachsenen Augenbrauen und dem sinnlichen Mund war sie keine klassische Schönheit, aber dennoch eine sehr attraktive Frau. Trotz oder gerade wegen ihrer Behinderung beeindruckte sie die Männer durch ihre enorme Vitalität und ihr feminines, gewinnendes Wesen.
Frida hatte den Meister schon als 15jähriger Backfisch verehrt. Einer Freundin sagte sie damals, daß sie eines Tages ein Kind von Diego bekommen würde. Dazu sollte es allerdings nie kommen. Zum einen haßte Rivera Kinder, zum anderen sorgten die Folgen des schweren Unfalls dafür, daß jede Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endete. Ein ganzer Zoo von Haustieren, eine Puppensammlung und vor allem die Kinder ihrer Schwester wurden ihre Ersatzobjekte.
Obwohl Frida Diego drohte, sie würde sich ihre schönen schwarzen Haare abschneiden, wenn er sie betrügen würde, ging er unbekümmert seinen zahllosen Affären nach. Wäre Frida konsequent gewesen, hätte sie zeitlebens mit einer Glatze herumlaufen müssen. Sie gab sich also tolerant und spielte die hingebungsvolle Ehefrau.
Die beiden Riveras waren bald die Lieblinge der Klatschspalten. In ihrem großen Bekanntenkreis nannte man sie nur die »heiligen Ungeheuer«. Denn ungeheuerlicherweise dachte Diego nicht daran, seine Liebesabenteuer geheimzuhalten und liebte es, Besucher mit Details aus Fridas lesbischer Neigung, z.B. ihren heißen Flirt mit der Malerin Georgia O'Keefe, zu schockieren. Während Diego Frida geradezu ermutigte, intime Beziehungen mit Frauen zu pflegen, so war er doch rasend eifersüchtig auf jeden Mann aus ihrer Umgebung.
Aber Frida ließ sich nicht alles bieten. Das Ehepaar bewohnte in den ersten Jahren getrennte Häuser, die durch eine Brücke verbunden waren. Um Diego für seine Untreue zu bestrafen, schloß Frida die Tür auf ihrer Brückenseite einfach ab und ließ ihn an der Haustür von den Dienstboten abwimmeln. Erst wenn ihre Wut verraucht war, schloß sie ihre Tür wieder auf.
1934 kam dann doch der Anlaß, der Frida zur Schere greifen ließ: Sie fand heraus, daß Diego seit längerem ein Verhältnis  mit ihrer Schwester Christina hatte. Nicht nur ihr Haar fiel der Wut zum Opfer, auch ihre hingebungsvolle Weibchenrolle. Sie tat, was ihr Mann so gut vormachen konnte. Sie wollte vom Leben haben, was es hergibt, und führte, immer wieder von Depressionen heimgesucht, das intensive, ausgelassene Dasein einer Bohème-Existenz. Als Künstlerin begann sie nun (begleitet von einer Liebschaft zu dem Bildhauer Isamu Noguchi), ihre Karriere voranzutreiben.
Frida Kahlo malte fast ausschließlich Porträts, meist von sich selbst. Nie-mand, meinte der große Picasso, sei in der Lage, »Gesichter so zu malen wie sie.« In den 40er Jahren wollten die Surrealisten sie für sich vereinnahmen, doch die Kahlo setzte, wie sie sagt, »nicht meine Träume, sondern meine Wirklichkeit« um: maskenhafte Selbstbildnisse, ohne Regung des Gefühls. Etwa mit freigelegtem Herzen, mit einem Fötus oder einer Gebärmutter, die durch Schnüre mit dem Körper verbunden sind.
Als 1937 Leon und Natalia Trotzki, von Stalin vertrieben, im mexikanischen Exil ankamen und bei den Riveras Unterschlupf fanden, nahm Frida Rache an Diegos zahlreichen Ehebrüchen und verführte den Russen. Frida war glücklich, einen so umschwärmten Mann zum Liebhaber zu haben. Trotzki schrieb ihr glühende Liebesbriefe. Besonders stolz machte es sie, daß sie es war, die dem umschwärmten Trotzki wenige Monate später den Laufpaß gab. Die Freundschaft zwischen den Riveras und den Trotzkis aber blieb. Als der Russe 1940 ermordet wurde, geriet Frida sogar in den Verdacht der Mittäterschaft, denn der Mörder Ramon Mercader gehörte zu ihrem Bekanntenkreis.
1939 hatten die Riveras den ständigen Ehekrieg satt und ließen sich einvernehmlich scheiden. Frida war dennoch so verletzt, daß sie sich erneut die Haare abschnitt. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich von nun an zusehends. Eine Serie von schmerzhaften Operationen an der Wirbelsäule folgte. Als Diego davon hörte, überschüttete er sie abermals mit Heiratsanträgen. Nach langem Zögern - sie hatte gerade ein intensives Liebesverhältnis mit dem Deutschen Heinz Berggruen - gab sie ihm im Dezember 1940 erneut das Ja-Wort. Ihre zweite Ehe verlief viel ruhiger. Frida war jetzt stark genug, Diego alles zu verzeihen. Allmählich entwickelte sich eine Mutter-Sohn-Beziehung. Frida feierte nun internationale Triumphe, und sogar Picasso beneidete sie um ihre Fähigkeit, Gesichter zu malen.
Mit dem Erfolg nahmen aber auch die Leiden zu. Ab Mitte der 40er Jahre mußte sie ein Stahlkorsett tragen und bekämpfte ihre Schmerzen mit Drogen und Alkohol. Nichtsdestotrotz begann sie eine langjährige Liebschaft mit einem spanischen Maler, dessen Namen sie nie preisgab. Diegos Frauengeschichten ließen sie nicht nur kalt, pikanterweise wurden viele seiner Geliebten  ihre Freundinnen. 1953 amputierte man ihr das rechte Bein. Von diesem Schock erholte sie sich nie mehr. Ein Jahr später starb sie kurz nach ihrem 47. Geburtstag an einer Lungenembolie; nach einer anderen Version beging sie Selbstmord. Diego, zutiefst erschüttert, bewahrte ihre Asche in einer präkolumbianischen Urne in seinem Haus auf. Sein letzter Wunsch war, daß seine Asche einmal mit der ihren in der Urne vermischt werden soll. Eine Bitte, die ihm seine vierte Frau allerdings nicht erfüllte.

© Martin Arz 1992, Erstveröffentlichung im Magazin der Süddeutschen Zeitung

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