China war zugegebenermaßen noch nie unter den Top Ten meiner Wunschreiseziele. Nicht nur aus politischen Gründen, schließlich muss man nicht unbedingt jede Diktatur mit Devisen unterstützen. Nein, China per se hat mich irgendwie nie groß gereizt. Doch manche Entscheidungen fällt man eben nicht allein, und so fand ich mich an jenem Augusttag des Jahres 2004 im Flieger von Frankfurt nach Peking, pardon Beijing. Die in beschränkten Maßen freundliche Stewardess an Bord fragte uns noch, ob wir zum Shoppen nach China flögen. Es soll ja Leute geben, die aus diesem Grund nach China reisen, doch ohne hier schon zu viel verraten zu wollen: Hätte sie uns das auf der Rückreise gefragt, hätten wir sie mit unserem reichhaltigen Erfahrungsschatz an Shoppinganekdötchen herzhaft bis schallend auslachen können. Doch da wir erst auf der Hinreise waren, lachten wir nicht, sondern antworteten gesittet, dass wir eine vierzehntägige Rundreise zu den „Glanzpunkten Chinas“ gebucht hätten. Nach unseren blendenden Pauschalreiseerfahrungen mit Kambodscha haben wir längst alle Hemmungen über Bord geworfen. Unbekannte Länder bequem per Gruppenpauschalreise zu erkunden, ist für uns nun eine Selbstverständlichkeit. Erst recht China! Obwohl es sich seit einigen Jahren dem Touristen als solchem geöffnet hat, gilt China auch bei Globetrottern noch weitgehend als Terra incognita. Und die Reiseberichte von den wenigen Bekannten, die dort schon auf eigene Faust herumgereist sind, ermutigen uns keinesfalls, auf ihren Spuren zu wandeln.
Bestens ausgerüstet mit Verhaltenskodizes und Warnungen vor Toiletten, Sprachbarrieren, Krabbelzeugs und Essensentgleisungen landen wir also in Beijing und werden von unserem Fremdenführer Rainer in Empfang genommen. Wenn auch sein Name etwas anderes vermuten lässt, ist Rainer doch waschechter Chinese, der in Wirklichkeit Herr Xie (sprich: schjä) heißt, aber der Chinese neigt zu europäischen Künstlernamen, wie uns im Laufe der Reise noch mehrfach bestätigt werden wird. Rainer sammelt routiniert die Reisegruppe ein immerhin 23 Leute, allesamt gestandene Globetrotter. Wie sich zeigen wird, ist die Gruppe ein absoluter Glücksfall. Es gibt keine Quertreiber oder Querulanten.
Beijing
Rainer verfrachtet uns ins »Grand View Garden«-Hotel, das im Xuanwu District im Südosten der Millionenmetropole liegt, fernab jeglicher Sehenswürdigkeit. Millionenmetropole klingt so nett, doch für chinesische Verhältnisse sollte man bei Beijing eher von einer normalen Großstadt sprechen, denn eine Millionenmetropole ist vielleicht Shanghai mit seinen rund 20 Millionen Einwohnern. Nicht umsonst gilt eine chinesische Stadt, die weniger als eine Million Einwohner hat, als Dorf.
Anders als es der klingende Hotelname »Grand View Garden« vermuten lässt, bietet unser Zimmer statt Gartenblick nur die trübsinnige Aussicht auf eine weißgekachelte Wand. Zu den besonderen Features des Hotels gehört auch ein bemerkenswert laxer Umgang mit dem Thema Hygiene, denn wir finden schnell abgeschnittene Fußnägel auf dem abgenudelten Teppichboden. Die liegen auch nach drei Tagen noch unberührt an der selben, mit einem handelsüblichen Staubsauger sehr leicht zugänglichen Stelle.
Wirklich dauerhaft hat sich das »Grand View Garden«-Hotel jedoch durch seine Alarmanlage in unser Gedächtnis gefräst. Diese ist offenkundig defekt, denn sie beliebt stets zu Unzeiten loszupiepsen. Reizenderweise liegt unser Zimmer direkt neben dieser Anlage. Wütende Anrufe unsererseits werden von der Rezeption geflissentlich ignoriert. Selbst ist also der Gast und ich haue so lange auf allen möglichen Knöpfe der Anlage herum, bis sie endlich verstummt. Leider nur für zehn Minuten. Erst als ich halbnackt an der Rezeption auftauche und einen Aufstand mache, dass der Nachtportier verschreckt hinter dem Tresen abtaucht, und sofort der Hotelmanager sowie der Sicherheitschef herbeistürmen, nimmt man sich endlich des Problems an.
Doch zurück zur Ankunft. Unser erster Ausflug führt uns zum gewaltigen Himmelstempel Tian Tan, der 1420 erbaut wurde. Hier werden wir seelisch und körperlich auf das vorbereitet, was uns bei fast allen Sehenswürdigkeiten erwarten wird. Da sind zum einen die endlosen Menschenmassen, die sich durch die Attraktion wälzen. Wer sich an einem Samstagnachmittag in der Münchner Fußgängerzone schon beengt fühlt, sollte keinesfalls eine Reise nach China planen. Dort wird gewuselt, dass einem angst und bange wird. Doch noch befremdlicher als die Menschenmassen ist für uns das Gefühl, nein, nicht das Gefühl, die Tatsache, dass nicht die jeweilige Sehenswürdigkeit die Attraktion ist sondern wir es sind! Am Himmelstempel geht’s gleich los: Ein fröhliches Lächeln auf den Lippen, schieben uns die ersten Eingeborenen ihre Kinder in die Arme und fotografieren uns. Mal sind sie scheu und knipsen von ferne, meist jedoch sind sie dreister und behandeln uns wie Zootiere. Der Chinese gilt zwar als Sensibelchen, wenn es darum geht, das eigene Gesicht zu verlieren, er ist aber bekanntlich frei von jeglichem Feingefühl anderen gegenüber. Gute Sitten waren in Zeiten der Kulturrevolution schließlich total bourgeois und daher bäh wusch, schon wieder schubst eine Mutter ihren Knirps vor uns in Position und macht Fotos. Wir machen gute Miene zum nervigen Spiel. Madonna, wir fühlen mit dir.
Immerhin ist unsere Führer Rainer cool drauf. Er nimmt seinen Job zwar ernst, doch er überanstrengt sich nicht und lässt der Gruppe nach einer kurzen Erklärung zur Geschichte der Anlage jede Menge Zeit für Erkundungen auf eigene Faust. Rainer spricht (wie alle folgenden Stadtführer) perfektes Deutsch, wenn auch mit einem amüsantem Hang zu dem Wörtchen „schon“. Rainer füllt jeden Satz mit ein bis zwei „schon“ auf und er weist uns stets auf den „Genuss“ einer Sehenswürdigkeit hin: „Nun können Sie auch schon den Himmelstempel genießen.“ Wir genießen schon und schleppen uns durch die gigantische Anlage, stehende Hitze und schwüler Smog verhindern jedoch den ultimativen Genuss.
Dass wir nach dem Himmelstempel ein paar Stunden Freizeit im Hotel haben, nutzt uns zunächst wenig, denn die Poolanlage, auf die wir uns gefreut haben, entpuppt sich als winziges Planschbecken im düsteren Keller. Der freundlich strahlende, aber keinen Ton Englisch verstehende Poolboy weist außerdem gestenreich darauf hin, dass man auch eine Badekappe aufsetzen muss, wenn man in die Plörre steigen will. Wir verzichten dann doch. Kleine Spaziergänge in den Straßen rund um das Hotel sind zwar Zeitvertreib, bringen aber Beijing nicht wirklich Sympathiepunkte. Nach Pool- und Spaziergangflop schnappen wir uns letztlich ein Taxi und fahren in die Liulichang-Straße. Natürlich haben wir die absolut wichtigste und von keinem Chinareisenden zu unterschätzende Grundregel beherzigt: Wir haben uns von dem Hotel eine chinesische Visitenkarte mitgenommen. Denn der chinesische Taxifahrer, der auch nur eine Silbe englisch spricht, muss erst noch geboren werden.
Die Fahrt in die Liulichang dauert eine halbe Stunde, kostet aber nur knapp einen Euro. Die Liulichang ist endlich China, wie man es sich. Niedrige alte Häuser mit Schnitzereien und mords Drachengedöns auf den Giebeln bestimmen das Bild in dieser verkehrsberuhigten Straße, in der sich Antiquitätengeschäft an Antiquitätengeschäft reiht. Das Stöbern lohnt sich, manche Läden sind völlig verwinkelt und man gerät in die Hinterhöfe von Hinterhöfen. Dazwischen laden Teehäuser zum Verweilen ein. Die Tees sind köstlich, wenn auch nicht unbedingt billig. Bestimmte Sorten kosten gerne mal 500 Yüan pro Tasse (der allerdings so oft nachgebrüht wird, wie man will) und mehr. Dafür ist die hiesige Aromaorgie namens Tee natürlich mit dem gequälten Wasser, das viele Deutsche zu Hause für Tee halten, nicht vergleichbar. Carsten ersteht einen köstlichen Jasmintee, der uns die ganze Reise über abends in den Hotels erquicken wird. Der Wechselkurs zwischen Yüan und Euro ist übrigens staatlich festgelegt und überall gleich. Während unserer Reise stand er ungefähr 10:1, also 10 Yüan gleich 1 Euro. Leicht zu merken.
Mag sein, dass die Liulichang nur für Touristen aufgemotzt ist, doch hier kann sich das Auge von den endlosen grauen Plattenbauten erholen, die sich von Horizont zu Horizont erstrecken und das Stadtbild Beijings bestimmen. Rings um die Liulichang sind die Abrissbirnen eifrig im Einsatz, um die letzten Reste des alten China platt zu machen. Die verwinkelten Gassen, die alten, Hutong genannten Wohnhöfe werden gnadenlos wegsaniert. Die Stadt rüstet sich für die Olympischen Spiele 2008 und baut, klotzt, betoniert zu.
Abends kredenzt man uns im Hotel ein gemeinsames Abendessen in der Gruppe. Zum Glück zeigen ein paar wenige Ausnahmen in den kommenden Tagen, dass die chinesische Küche nicht überall so stinkfad, fettriefend und geschmacksneutral ist, wie das, was man uns hier vorsetzt. Immerhin machen wir gleich mit dem wichtigsten Utensil der chinesischen Gastronomie Bekanntschaft: einer drehbaren Glasscheibe in der Tischmitte, auf die alle Speisen gestellt werden. Die Scheibe nennt sich im Fachjargon angeblich »Faule Susanne«. Bei uns kann Susi nicht faulenzen. Mit dem zweiten wichtigen Utensil der chinesischen Küche stehe ich zugegebenermaßen schon seit Geburt auf Kriegsfuß ich konnte noch nie mit Stäbchen essen. Doch siehe da, kaum vor die Wahl gestellt, zu verhungern oder die Dinger zu bändigen, schaffe ich es bereits nach wenigen Minuten, sogar einzelne Erdnüsse aufzupicken und unfallfrei zum Mund zu führen. Das mit der einzelnen Erdnuss, so versichert uns Rainer, gehört schon zur hohen Kunst der Stäbchenessens.
Nach einer alarmanlagenreichen Nacht wartet schon der erste Mega-Super-Höhepunkt auf uns: die Große Mauer vulgo auch Chinesische Mauer genannt. Rainer kennt da ein ganz verschwiegenes Plätzchen, wo sich nicht die Millionen tummeln, sondern nur die Hunderttausende. Die Mauer wird an dieser Stelle durch eine große Festungsanlage unterbrochen und macht sogar eine Schleife. Hier laufen auf einer längeren Strecke zwei Mauerstücke parallel nebeneinander. Aber Halt! Per aspera ad astra, wie wir Lateiner zu sagen pflegen, wer eine Sensation sehen will, muss zunächst leiden. Schließlich sind wir auf einer Gruppenreise. Wir besuchen eine Perlenzuchtfarm. Die erste Station einer schier endlosen Folge von Touristen-Abzock-Zentren (kurz TAZ), in die wir in den kommenden Tagen gezerrt werden. Wir langweilen uns durch einen deutschsprachigen Lehrfilm über Süßwasserperlenzucht und müssen dann warten. Unser Interesse für Perlen hält sich sehr in Grenzen. Leider nicht das Interesse der Damen unserer Gruppe, die lassen sich alles an Tand und Plunder zeigen, was es in dem bahnhofshallenartigen Verkaufsraum gibt. Eine Ewigkeit später geht es weiter und wir können »schon die Mauer genießen«.
Auf dem Busparkplatz herrscht eine Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock. Eine endlose Menschenschlange wälzt sich das rechte Teilstück der Mauer hinauf dicht an dicht erklimmen sie in der gleißenden Mittagshitze die steilen Stufen hinauf zum Hügelgipfel. Seltsamerweise ist das gegenüberliegende Teilstück jenseits der Festung menschenleer. Also machen wir uns dorthin auf den Weg. Erst gilt es zahlreiche halsbrecherisch steile Treppen in der Burganlage hinabzusteigen, dann haben wir schon die Mauer vor uns und müssen ebensolche halsbrecherisch steilen Treppen hinaufsteigen. Kein Wunder, dass die meisten Besucher den gegenüber liegenden Teil der Mauer bevorzugen. Wir sind nach kambodschanischen Tempelpyramiden jedenfalls Steiltreppen erprobt und betätigen uns als Freeclimber. Wir werden nach der Kraxelei mit Traumblicken auf die wilde Gebirgslandschaft belohnt und können Fotos von uns schießen, auf denen weit und breit keine weitere Menschenseele zu sehen ist nur wir und die sich endlos über Hügelketten windende Große Mauer. China macht uns endlich Laune.
Klitschnassgeschwitzt, aber glücklich und gehörig beeindruckt lassen wir uns nach zwei Stunden Mauerlauf schnell noch von den Souvenirhändlern zünftig über den Tisch ziehen und erstehen ein »I climbed the Great Wall«-T-Shirt für 50 Yüan, also 5 Euro, was definitiv 4,50 Euro zu viel sind zumal sich XXL nach der ersten Wäsche als S entpuppen wird. Apropos Abzocke: Schon schleust uns Rainer zum Mittagessen. Dass das Restaurant mit seinen gigantischen Ausmaßen über einem weiteren TAZ, einem »Freundschaftsladen« mit ebenfalls gigantischen Ausmaßen liegt, soll uns nicht weiter stören. Wir seien zum Essen hier und keiner müsse irgendwas kaufen. In der endlosen Futter-Halle werden am Fließband endlose Ströme von endlosen Reisebusgruppen abgefertigt. Die Spezialität dieses »Freundschaftsladens« sind erschütternd geschmacklose Lackarbeiten, die Preise bewegen sich zwischen schamloser Wegelagerei und bodenloser Frechheit, die restliche dargebotene Ware ist Chinakitsch pur doch der Tourist kauft wie gedopt. Wenn man schließlich schon mal da ist …
Wir enthalten uns und checken lieber die Facilities. Rainer nennt das stille Örtchen mit chinesischer Blumigkeit »Tempel der inneren Harmonie«. Was hatte man uns im Vorfeld nicht gewarnt, dass die Toilette als solche in China ein Hort unbeschreiblichen Schreckens und grauenhaftesten Ekels sei. Im Reiseführer sind dem Thema ganze Seiten gewidmet. Doch die schlimmste Toilette, die wir auf der ganzen Reise erleben, ist und bleibt das Igitt-Teil am Abflugtag im Frankfurter Flughafen. Diese hier über dem »Freundschaftsladen« sind erstaunlich gepflegt und benutzbar. Natürlich vermeidet der versierte Reisende auf jeden Fall das europäische Sitzklo, dessen Kabinentür der Toilettenmann freudestrahlend aufreißt, sobald eine Langnase den Tempel der inneren Harmonie betritt. Wie französische sind chinesische Toiletten vernünftigerweise in den Boden eingelassene Abtritte, die selbst völlig versifft noch ein gerütteltes Maß an Benutzbarkeit ohne Angst vor Krätze oder Tripper garantieren. Zugegeben, die öffentlichen Bedürfnisanstalten in den Straßen, die von all den Chinesen frequentiert werden müssen, die kein fließendes Wasser geschweige denn Bad oder Toilette in ihren Wohnungen haben, diese beliebten Treffpunkte zur Morgen- und Abendtoilette, zum Duschen, Waschen und Zähneputzen, die schon von Weitem atemberaubend sind, haben wir nie aufgesucht. Okay, stimmt nicht ganz. Carsten wagt sich eines Tages zwangsweise in eine öffentliche Toilette am Platz des Himmlischen Friedens und kann daraufhin Zeugnis dafür ablegen, dass der Chinese zu einer gewissen, den Europäer irritierenden Nonchalance neigt, was den Intimbereich angeht. Da hocken die Herren bei offener Tür über dem Abtritt und lassen alles öffentlich baumeln, während sie die eine oder andere Wurst hinter sich lassen.
Kaum ist unsere Gruppe um Geld oder Darminhalte erleichtert, warten die Ming-Gräber und der Heilige Weg auf uns. Zum Glück weht hier in den Bergen ein angenehmer Wind, so wird der Spaziergang entlang der Allee der steinernen Tiere trotz der Gluthitze kein Höllentrip. Die Steinskulpturen sind putzig, vor allem die Kamele, Elefanten und Löwen bringen Laune. Das rhythmische Auf- und Abschwellen der ohrenbetäubenden Zikadenchöre macht den Spaziergang auch zum akustischen Schmaus. Das Grab des Kaisers Yongle, das am Ende des sechs Kilometer langen Wegs liegt (den wir zum Glück nicht komplett zu Fuß gehen müssen), ist hingegen mäßig beeindruckend da noch gar nicht ausgegraben. Ein dicht bewachsener Grabhügel erhebt sich hinter einem recht unspektakulären Tempelmuseum. Wir kaufen uns zwei Pfirsiche und suchen uns ein schattiges Plätzchen.
An diesem Abend erobern Carsten und ich Beijing auf eigene Faust. Viel erobern wir nicht. Die Fußgängerzone Wangfujing Dujie nahe dem Platz des Himmlischen Friedens ist recht schnell abgegrast. Die prunkvollen Kaufhäuser mit ihren Luxusartikeln, die erheblich mehr kosten als in Deutschland, interessieren uns nur peripher. In den Nebenstraßen gibt es außer Dunkelheit nicht viel zu sehen und die kleine Basarstraße, in die man über düstere Durchgänge mit zahllosen Tatoo-Studios gelangt, ist auch nicht der Bringer. Dort amüsieren sich hauptsächlich australische Rucksacktouristen an ballermannartigen Garküchen. Ein paar Blocks weiter ist der nächtliche Fressmarkt aufgebaut, wo es Spießchen mit allem gibt, was der chinesische Gourmet gerne schlemmt: Heuschrecken, Kakerlaken, Minischildkröten, Grillen, Seidenraupen, Skorpione, Seepferdchen, Schlangen und natürlich auch Fleisch. Wir sind heiß auf Hund oder Katze, doch schon der Reiseführer hielt die enttäuschende Nachricht bereit, dass solche Spezialitäten viel zu kostbar sind und nicht an Touristen verschwendet werden. Schade. Gut, wir wissen auch, dass wir den Beijingern Unrecht tun, wenn wir hier Haustier à la carte erwarten, denn die wildesten Allesfresser sitzen bekanntlich in Kanton. Beijinger hingegen haben Hunde ganz ganz arg lieb. Als Haustiere sind sie zwar offiziell verboten (der Hund als solcher kotet bekanntlich gerne die Gehsteige voll), doch in der Nacht sehen wir einige Beijinger verstohlen um die Ecken huschen, die einen Pudel oder anderen kleinen Schoßhund Gassi führen, bzw. Gassi tragen und nur schnell an einem Baum zur Erleichterung absetzen.
Dann also kein Hund. Nun wollen wir zwar gerne Schlange probieren (Heuschrecke hatten wir schließlich schon in Bangkok), doch in der irrigen Annahme, dazu würden wir im Laufe der Reise noch genug Gelegenheit haben, verzichten wir darauf und suchen uns ein Restaurant mit »english menu«. Eine englische oder sonst irgendwie verständliche Speisekarte ist selbst in Touristenzentren beileibe keine Selbstverständlichkeit. Wir haben Glück und können endlich mal gut schlemmen, auch wenn wir hier auf die auf der Bilder-Speisekarte angepriesenen Gänseköpfe und -füße verzichten.
Tags drauf ist der Himmel statt smoggrau zur Abwechslung smoggelb, dafür herrscht immer noch eine dunstige Gluthitze. Wir werden zum Platz des Himmlischen Friedens gekarrt. Dass dieser Ort für viele von uns nach wie vor einen negativen Beiklang hat, weil man sofort an das blutige Massaker an demonstrierenden Studenten von 1989 denkt, stimmt auch Rainer nachdenklich. Er traut sich ein paar regimekritische Statements abzugeben, doch die wirken seltsam einstudiert. Womöglich ist es momentan Parteilinie, dass man sich über die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens jetzt kritisch äußern darf. Denn dass Rainer und auch alle folgenden Führer nur sagen, was Touristen hören wollen, und nur oberflächlich einen auf systemkritisch machen, merkt man spätestens daran, dass alle von der »autonomen Region Tibet« sprechen und nicht vom brutal überfallenen und widerrechtlich annektierten Tibet.
Der Platz des Himmlischen Friedens an sich beeindruckt durch seine Ausmaße und die schmucken Paradesoldaten, die überall paradieren und sich wütenden Gesten dagegen wehren, fotografiert zu werden. Noch beeindruckender ist jedoch die schier endlose Menschenschlange, die sich einmal um den Platz wickelt. Die Massen stehen brav an, um einen Blick in das Innere eines erschütternd hässlichen Siebzigerjahreklotzes zu werfen, der die südliche Hälfte des Platzes beherrscht: das Mausoleum für den großen Vorsitzenden Mao. Rings um den Klotz stehen monströse steinerne Heldendenkmäler, sozialistischer Realismus mit beschmunzelnswertem Pathos in Höchstform.
Nun wartet ein weiterer Höhepunkt auf uns denken wir zumindest: die Verbotene Stadt, der Palast der Kaiser von China, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Enttäuschung Nummer eins: Exakt die linke Hälfte der gesamten Anlage ist komplett eingerüstet und wird renoviert. Enttäuschung Nummer zwei: In Bertoluccis Spielfilm »Der letzte Kaiser« wirkte das alles irgendwie größer und beeindruckender. Enttäuschung Nummer drei: Vor lauter Menschenmassen sieht man kaum einen Stein. Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt. Also quetschen wir uns ziemlich lustlos durch die endlosen Höfe. Die Gebäude darf man nicht betreten, wenn man Glück hat, kann man durch blaugetönte Fensterscheiben einen Blick hinein werfen. Doch die Fenster sind vor lauter Fingertapsern beinahe blind.
So macht die Verbotene Stadt jedenfalls keinen Spaß. Aber was solls, denn letztlich ist nicht die alte Kaiserresidenz die Attraktion, sondern wir sind es. Man fotografiert uns im Stehen und Sitzen, man drückt uns Kleinkinder und Teenager in den Arm, man posiert neben, vor und hinter uns. Wobei nicht einmal ich mit meinen zwei Metern das beliebteste Fotomotiv bin, sondern Carsten. Der ist zwar nicht so groß, hat dafür aber blonde Haare und eine Tätowierung, die unter dem T-Shirt-Ärmel hervorlugt. Ebenso distanz- wie hemmungslos zerrt der Chinese einfach an Kleidung und Arm, um die Tätowierung zu begutachten oder grabscht in helles Haar. Bloß raus aus der Verbotenen Stadt! Es kann nur besser werden, denken wir. Wie naiv wir waren! Wir hatten ja keine Ahnung, was uns am Nachmittag bevorstand: der Sommerpalast, den Kaiser Qianlong seiner Mutter 1752 zum sechzigsten Geburtstag geschenkt hat.
Der Park mit den über 3000 Pavillons, Hallen, Türmen, Promenaden und Brücken mag an sich eine schöne Anlage sein, eine Oase der Ruhe, eine traumhafte Gartenanlage mit pittoresken Architekturhighlights. Für die Mutter von Qianlong mochte das sicher so gewesen sein. Doch kaum strecken wir den großen Zeh in den Park, werden wir von den Menschenmassen, die sich wie ein Malstrom durch die Anlage quetschen, drängeln, schieben und quälen, vereinnahmt und mitgerissen. Wie zur Rush-Hour in der Tokioter U-Bahn kann man hier gar nicht umfallen, wenn man ohnmächtig wird, weil sich die Leiber dicht an dicht aneinander reiben. Wir sondern uns sofort von der Gruppe ab, kämpfen um jeden Millimeter, nur ein Ziel vor Augen: Weg vom Hauptweg! Nach dramatischen Minuten, die uns wie Stunden vorkommen, haben wir es geschafft. Am Rande der Erschöpfung brechen wir hinter einem Pavillon schier zusammen. Nur langsam, während wir nach Luft schnappen, wird uns klar, was wir hier gefunden haben: In den kleinen Seitenanlagen finden wir entzückende, beschauliche Plätze ohne jegliche Menschen. Der endlose Strom an Menschenleibern quetscht sich nur eine Armeslänge entfernt von uns durch die vorgegebenen Pfade.
Auf der Rückfahrt in die Stadt, als wir in irgendeinem der zahllosen Staus auf Beijings Ausfallstraßen stehen, macht uns Rainer ein »Geschenk«. Er lädt die Gruppe in ein chinesisches Medizinzentrum ein. Dort könnten wir uns bei einer Fußmassage entspannen und über chinesische Heilkunst informieren sofern wir jemals diesen Verkehrskollaps hinter uns bringen würden. Die Gruppe flippt vor Begeisterung aus, besonders die Damen, die nun eifrig tuschelnd die Köpfe zusammenstecken, um ihr Home-Shopping-Sender-Wissen über die Wundertaten chinesischer Medizin auszutauschen. Gespannt wie Flitzebogen betreten wir den schmucklosen Bau in einer grauen Vorstadtgasse. Das Medizinzentrum entpuppt sich schnell als TAZ Nummer drei. Eben müssen wir noch warten, bis eine indische Reisegruppe abgefertigt ist. Schon die Toiletten lassen sich mit einer medizinischen Einrichtung schwer in Einklang bringen. Hier droht dann doch die Frankfurter Flughafentoilette von Platz eins der Ekel-Top-Ten zu fliegen. Auch das restliche Gebäude zeigt, dass chinesische Medizin offenbar ganz andere Hygienestandards pflegt.
Wer sich in diesem TAZ auf die kostenlose Untersuchung einlässt, die im Wesentlichen aus kurzem Pulsfühlen besteht, bekommt garantiert drei tödliche Krankheiten diagnostiziert, die einzig und allein mit chinesischer Medizin im Wert von mehreren hundert Euro erfolgreich behandelt werden können »Zahlen Sie bar oder mit Kreditkarte?«, fragt der fließend deutsch sprechende Arzt.
Immerhin gibt es tatsächlich eine beinahe kostenlose, rund einstündige Fußreflexzonenmassage für alle. Wir lümmeln auf Sperrmüllmöbeln. Die Masseure legen sich ins Zeug und kneten, dass manche vor Schmerzen an die Decke hüpfen und schnell noch zwei Wehwehchen mehr diagnostiziert bekommen. Bei den Männern wird bevorzugt die Stelle malträtiert, die mit der Prostata korrespondiert, denn dafür hat der Onkel Doktor ein Wundermittel, das nur 200 Euro kostet. Zuletzt können wir, wenn wir wollen, den Masseuren unsere Dankbarkeit zeigen, indem wir zwei oder drei Euro Trinkgeld geben. Oder auch gar nichts, wie der »Chefarzt« betont. Wir wollen mal nicht so sein, denn die Massage war wirklich sensationell erfrischend. Also geben wir unseren Masseuren je 20 Yüan. »No!«, schreit mein Masseur entrüstet und funkelt uns böse an. »It is fifty per person!« Immerhin diesen Satz kann er auf Englisch. Völlig überrollt von dieser Dreistigkeit geben wir, was verlangt wird.
Überhaupt: Dass Geld die Welt regiert, wird in kaum einem Land so deutlich wie in China. Über sein Einkommen und seine finanziellen Mittel zu sprechen ist anscheinend erste Bürgerpflicht. Kein Wunder, dass der chinesische Buddha der fettwanstige, feist lachende Buddha ist. Eine völlig materialistische Gesellschaft, die sich sozialistisch gibt, aber dem blanken Manchester-Kapitalismus frönt und deren höchstes Streben dem Mammon gilt, verehrt selbstverständlich keinen asketischen, meditierenden Buddha. Der äußere Reichtum zählt, nicht der innere auch bei der Darstellung Buddhas. Rainer erläutert uns mehrfach in allen Einzelheiten seine finanzielle Situation, weil Chinesen das eben tun. Wir erfahren, wie viel Geld seine derzeitige Eigentumswohnung gekostet hat, wie viel die neue, größere Wohnung kosten wird, welchen Betrag er seinen Eltern zukommen lässt, was sein Handy gekostet hat, mit welcher Summe er seine studierende Schwester unterstützt.
Der fünfte Reisetag besteht zunächst aus dem üblichen Stau (auf dem Weg zum Flughafen) einer verkehrskollabierenden Großstadt und einem zweistündigen Flug in einer Sardinenbüchse mit pampigen Stewardessen und gruseliger Verpflegung. Die Cleveren in unserer Gruppe haben sich am Vorabend im Supermarkt Chips gekauft und landen deshalb nicht völlig ausgehungert oder kurz vorm Kotzen in Xian, der Hauptstadt der Provinz Shaanxi.
Xian
Xian wird uns von einer Quasselstrippe von Führerin nahe gebracht. Die dampfplaudernde Dame heißt Frau Han, wir könnten aber auch Melitta zu ihr sagen, wenn wir wollen. Wir wollen nicht. Frau Han textet im bellenden Stakkato die Gruppe ohne Luft zu holen zu. Sie vergällt uns erst mit einer überbordenden Fülle an uninteressanten Details den legendären Stelenwald, einer gewaltigen Sammlung alter Steinstelen voller chinesischen Schriften, dann raubt sie uns den letzten Nerv mit ihren endlosen Ausführungen zur Stadtmauer.
Die Innenstadt von Xian ist noch komplett von einer alten, gewaltigen Stadtmauer umgeben, die einzige erhaltene in ganz China. Die Mauer aus der Ming-Zeit ist rechteckig angelegt und so breit wie eine mehrspurige Autobahn. Tatsächlich kann man sich oben Elektrowägen mieten und damit einmal um die Stadt pesen. Wir bummeln ein wenig herum, die Hitze ist schier unerträglich, der Himmel liegt bleiern gesmogt wie ein Topfdeckel über allem. Später zu Hause in Deutschland werde ich mir vorwerfen lassen dürfen, dass mein Fotoapparat ja wohl Schrott sei und die absoluten grauverschleierten Kackfarben produziere. Irrtum, die Farben in weiten Teilen Chinas sind in realiter grauverschleierte Kacke. Das legendäre Ostblockgrau beherrscht in allen Schattierungen die Farbskala. Warum sollte es hier anders sein als früher in der Zone? In China hat sich uns kaum etwas farbig präsentiert. Das Ostblockgrau weicht nur bei Nacht einem neonbunten Glitzer von amerikanischen Ausmaßen. Nachts ist China bunt, nachts verwandeln sich die Städte, da wirken selbst Beijing und Xian lebendig und einladend.
Doch noch ist Tag und die Stadt Xian zu unseren Füßen ist erschütternd hässlich. Nur der alte Glockenturm im Zentrum der sozialistischen Bausünden hat etwas Chinesisches an sich. Wir verlassen wie so oft die Gruppe und schauen lieber den Abrissbirnen zu, die ein zauberhaftes altes Viertel, das uns eigentlich als absolut sehenswert ans Herz gelegt worden war, abreißen. Pagodendächer, Ziegelmauern und geschnitzte Türstöcke stürzen vor unseren Augen unter dem Ansturm von Schaufelbaggern ein. Unsere Quasselstrippe bestätigt unsere Vermutung, dass Xian nun endlich aufgehübscht wird. Das alte Gelump muss den modernen Betonsilos Platz machen. Lange hat es gedauert, aber endlich ist es so weit! Der Partei sei dank. Dann wird auch hier die eine oder andere nie fertig gebaute Bauruine stehen. Auf der anderen Seite der Stadtmauer tummeln sie sich ja schon, die maroden Betonskelette nie vollendeter Protzbauten.
In Xian wohnen wir im »Garden Hotel«, das den Namen wirklich verdient, denn die Anlage ist im chinesischen Stil erbaut und mit netten Gärten durchsetzt. Praktischerweise liegt das Hotel auch direkt neben der Großen Wildganspagode aus dem Jahr 652, einer der Top-Sehenswürdigkeiten. Direkt vor der Pagode hat die Gemeinde in den vergangenen Jahren kräftig investiert und einen schier endlos großen Promenadeplatz geschaffen. Zentraler Anziehungspunkt des Platzes ist ein mehrere Fußballfelder großer Brunnen. Jeden Abend um halb neun finden dort Wasserspiele mit Musik und Lasergeblitze statt. Natürlich wollen wir uns das nicht entgehen lassen. Die Wasserspiele sind beliebt, der Platz ist zum Bersten voller Menschen. Wir quetschen uns in die Nähe des Brunnens und harren gespannt, noch hat das Spektakel nicht begonnen. Denken wir zumindest, bis uns klar wird, dass das Spektakel just in dem Moment begonnen hat, als wir den Platz betreten haben: Wir sind es! Man zeigt, deutet, betatscht, fotografiert. Teenies gruppieren sich um uns, Kinder werden uns in die Arme gedrückt ... Routine ... Als besonders hartnäckig entpuppen sich diesmal zwei kleine Jungs, die uns eine geschlagene halbe Stunde lang mit offenen Mündern anstarren und uns überall hin verfolgen. Auch während der Brunnenshow (Wasserspritzer tanzen im rosa Licht zu »An der schönen blauen Donau«) gilt das Hauptinteresse der Masse uns.
Am nächsten Tag sind wir trotz einsetzenden Regens doch wieder versöhnt, denn nach der Großen Mauer ist der sensationellste Programmpunkt der Reise angesagt: die Terrakotta-Armee. Über 7000 tönerne Solodaten und Pferde in Lebensgröße ließ sich der erste chinesische Kaiser Qin Shi Huang rund 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung als Grabbeigabe mitgeben. Rund 5000 Tonkrieger sind wieder ausgegraben und teilweise renoviert worden und stehen nun in riesigen überdachten Hallen. Jede Figur ist ein Unikat, jeder Krieger hat individuelle Gesichtszüge, eine eigene Körperhaltung, eine einzigartige Frisur. Beeindruckend, imposant, umwerfend, einfach schwer in Worte zu fassen, weil unbeschreiblich.
Unsere am Vortag noch dampfplaudernde Reiseleiterin hat offenbar von Rainer einen Dämpfer bekommen, denn an diesem Tag ist sie erheblich wortkarger. Doch natürlich hat sie noch die Zügel in der Hand und scheucht uns in das museumseigene TAZ. Hier kann man sich den Katalog zur Ausstellung kaufen und von jenem Bauern signieren lassen, der Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts den ersten Tonkopf auf seinem Acker gefunden hat und damit den Startschuss für die Ausgrabungen der Terrakotta-Armee gegeben hat. Da sitzt ein altes Männlein hinter dem Tresen und malt tagein, tagaus geduldig mit einem fetten Edding seinen Namen in die Bücher. Vermutlich hat man ihm extra dafür das Schreiben beigebracht. Außerdem weist uns die Führerin ausdrücklich darauf hin, dass man hier und nur hier die Repliken von Tonkriegern kaufen könnte. Alles, was in der Stadt angeboten werde, sei Schund und Schrott und keinen Yüan wert. Natürlich sind die Preise gepfeffert und gesalzen, dennoch verfallen die üblichen Verdächtigen unserer Reisegruppe wie auf Befehl in Kaufrausch und erstehen T-Shirts für 130 Yüan, also 13 Euro, oder Mini-Krieger für 50 Euro. Wir können nur sprachlos und kopfschüttelnd zusehen, wie debile Langnasen ihre Kreditkarten zücken. Dass Hemdchen und Tonpüppchen beim Tandler an der Ecke nur einen Bruchteil kosten, ist den Kaufwütigen egal. Doch es soll noch besser kommen. Denn nach Ende von Besichtigungstour und (diesmal sehr leckerem) Mittagessen schleppt uns Frau Han, ohne vor Scham rot zu werden, auch schon in das nächste TAZ, diesmal eine Jadeschleiferei. Angesichts so vieler geschmackloser Drachen, Vögel oder Blumen aus buntem Stein stellt sich die Frage, ob China wirklich jemals eine große Kulturnation gewesen ist. Uns bleibt die Spucke weg und manchem unserer Mitreisenden offenbar der Verstand. Anders ist es nicht zu erklären, dass und vor allem was dort gekauft wird. Preislich liegt auch dieses TAZ an der Grenze zum Raubrittertum. Wessen Idee war es doch gleich, eine Gruppenreise zu buchen?!
Mittlerweile hat es sich draußen eingeregnet und wir müssen die letzte Attraktion des Tages, die Große Wildganspagode, patschnass besichtigen. Seit einigen Jahren lässt die Partei wieder Religiosität jenseits der Anbetung Maos zu, und so wurden und werden überall in China buddhistische Anlagen renoviert und reaktiviert. Wie die siebenstöckige Wildganspagode, von der aus man einen herrlichen Blick über die Stadt Xian hat wenn es nicht in Strömen regnet. Aus versteckt angebrachten Lautsprecherboxen tönen buddhistische Mönchsgesänge. Apropos: Beinahe überall wird man beschallt ob bei den Ming-Gräbern, der Heiligen Straße, dem Stelenwald oder in der Pagode, wo man geht und steht, tönt es aus nicht sichtbaren Lautsprechern. Vielleicht sind die noch aus Zeiten, als das Volk für seine ununterbrochene Gehirnwäsche mit Mao-Sprüchen zugetextet werden musste. Nun plätschert chinesischer Muzak, belanglose Fahrstuhlmusik, durch die Gegend.
Xian ist berühmt für eine kulinarische Spezialität: ravioliartige Teigtaschen mit unterschiedlichsten Füllungen. Die Form der Teiglinge richtet sich dabei nach dem Inhalt. Kunstvoll werden kleine Schweinchen oder Häschen oder auch Walnüsse geformt. Während sich der Großteil unserer Gruppe von Frau Han zum Teigtaschenfuttern führen lässt, erkunden wir lieber die abendliche Stadt und stolpern dabei gleich über den schönsten und interessantesten Markt, den wir auf unserer ganzen Reise fanden. Rund um die alte Moschee im Zentrum der Stadt herrscht in verwinkelten Gassen ein buntes Treiben. Muslimische Frauen mit Kopftüchern bieten in ihren Buden jede Menge Touristenkitsch feil, darunter spottbillige Tonkrieger und Jadeobjekte, aber auch Alltagswaren und exotische Lebensmittel. Nicht muslimische Frauen ohne Kopftücher tun dasselbe. So wie auf dem Xianer Nachtmarkt haben wir uns China vorgestellt. In manchen Gassen reiht sich Garküche an Garküche. Überall duftet es nach gebratenen Spießchen und Holzkohlefeuer, überall gibt es was zu sehen.
Am nächsten Morgen geht unser Flieger nach Shanghai. Zum Glück habe ich diesmal vorgesorgt und mir in einem Supermarkt eine große Tüte getrockneter Bananenchips besorgt, denn schon der Anblick dessen, was uns von den grimmigen Stewardessen brüsk vor den Latz geknallt wird, reicht völlig, um nie wieder etwas essen zu wollen. Der Abschied von Xian fällt uns relativ leicht. Die Stadt hat uns trotz sensationellen Markttreibens nicht sonderlich überzeugt. Ganz anders Shanghai.
Shanghai
Die Chinesen sagen: »Beijing ist das China der Gegenwart, Xian das China der Vergangenheit und Shanghai das China der Zukunft.« Recht haben sie, zumindest, was Shanghai betrifft. Die Stadt ist wow. Eine Megametropole, ein Moloch, eine reale Version der durchgeknallten Zeichentrickstadt aus »Futurama« oder der Filmkulisse aus »Bladerunner« (okay, diesen Vergleich habe ich schon bei Bangkok gebracht, doch für Shanghai ist er noch zutreffender). Pulsierend, bunt, aufregend. Leider ist unser hiesiger Guide nicht wow. Der Typ ist jung und hip und manchmal auch ein klein wenig freundlich, aber vor allem ist er unverschämt und wurschtig. Großstädter eben. Statt »Würden Sie mir nun bitte schon folgen, dann können Sie schon die Sehenswürdigkeit genießen«, wie Rainer es zu sagen pflegte, schnauzt er nur »Los jetzt. Raus!«. Sein Deutsch ist zweifelsfrei perfekt, er hält es jedoch nicht einmal für nötig, sich vorzustellen.
Wir wohnen im »Radisson SAS Langshen« und haben den Luxus pur: Von unserem großzügigen Zimmer im 27. Stock sieht man die ganze Skyline von Shanghai. Wir wollen am liebsten das Zimmer gar nicht mehr verlassen und nur am Fenster sitzen. Doch die Gruppe ruft, also brechen wir auf zum Tempel des Jadebuddhas. Der kuschelt sich romantisch zwischen Hochhäuser und ist wie viele andere »alte« Sehenswürdigkeiten nagelneu. China mag zwar über eine Jahrtausende alte Kultur verfügen, doch da gab es mal etwas, was sich Kulturrevolution nannte: Maos verbitterter Kampf um die Macht, den er als Kampf gegen alles Althergebrachte, Revolutionsfeindliche tarnte. In den 1960er Jahren wurde landesweit so ziemlich alles platt gemacht, was die chinesische Kultur ausmachte und heute für Touristen anziehend sein könnte. Tempel und Pagoden wurden geschleift, Buddha- und Götterstatuen zerstört, alte Schriften verbrannt, ganz zu schweigen davon, was Menschen, z. B. Intellektuellen und Mönchen, angetan wurde. Verglichen mit anderen Metropolen wie New York oder Paris oder Bangkok hat deshalb eine Megacity wie Shanghai nur sehr wenige landestypische Sehenswürdigkeiten, jeder kleine Tempel wird als Attraktion verkauft. Nun hatte der Tempel des Jadebuddhas weiland einen weisen Abt, der einfach die beiden kostbaren antiken Buddhastatuen aus burmesischer Jade in rotes Tuch gehüllt und mit Mao-Zitaten beschriftet hat. Als der Mob kam, den Tempel zu zerstören, um die Kultur zu revolutionieren, wurden die Preziosen verschont, denn niemand traute sich, etwas zu zerschlagen, was sich in Mao-Sprüchen verbarg. So sind die Statuen noch heute zu bewundern (was sich wirklich lohnt), und immerhin wurde ringsum der Tempel im alten Stil wieder aufgebaut. Auch hier huschen sogar ein paar Mönchlein durch die Gänge. Idyllisch.
Anschließend erleben wir Shanghai topmodern. Wir erklimmen den Fernsehturm mit seiner sensationellen Aussicht über die Stadt. Unser namenloser Führer scheucht uns zuletzt noch zu einem der schlechtesten Essen, das wir auf der gesamten Reise erdulden mussten. Zwar wird Rainer nie müde, immer aufs neue darauf hinzuweisen, dass es in der ganzen weiten Welt nur zwei Völker gibt, die man als Gourmets bezeichnen kann die Franzosen und die Chinesen , doch wirklich überzeugen kann uns das Essen nur in den seltensten Fällen. Wobei China da nicht alleine steht, auch in Frankreich haben wir bisher beinahe ausschließlich kulinarische Katastrophen erlebt, wenn wir normale Restos mit bezahlbaren Preisen aufgesucht haben. Hier ein kleiner Witz: Ein Ufo stürzt ab. Drei Chinesen bergen den toten Alien. Sagt der erste Chinese, der aus Peking kommt: »Den müssen wir bei der Partei abliefern!« Sagt der zweite Chinese, der aus Shanghai stammt: »Nein, den verkaufen wir!« Sagt der dritte Chinese, der aus Kanton stammt: »Nichts da. Lasst ihn uns essen.«
Damit ist alles gesagt. Aber nur weil Chinesen (und Franzosen) beinahe alles essen, was nicht bei drei vom Teller gehüpft ist, bedeutet das nicht, dass sie wirkliche Gourmetnationen sind. Zumindest was die Mainstream-Gastronomie betrifft, denn luxuriös und teuer kann man heutezutage selbst im Mutterland des Horrorfraßes, also in England, bestens speisen. Wichtig ist, was die einfache Küche hergibt. Wie Joachim aus Ulm, der häufig geschäftlich in China ist, uns aufklärt, bekommen wir fast überall nur das minderwertige Essen vorgesetzt. Gut, den Reis essen wirklich nur Touris. Chinesen reichen ihn immer ganz am Schluss. Denn wenn man Reis isst, ist das für den Gastgeber eine Beleidigung. Es bedeutet, dass man von dem anderen Essen nicht satt geworden ist und den Magen füllen muss. Doch ansonsten bestehen unsere Mahlzeiten meist aus viel Gemüse und sehr wenig Fleisch. Das mag den Ernährungsgewohnheiten moderner Wohlstandsvegetarier entgegenkommen, doch Gemüse ist für Chinesen Arme-Leute-Essen. Gut 70 Prozent der Speisen sind zudem öltriefend, fad, langweilig und ausdrucksarm. Wenn wir dann mal keck nach Sojasauce oder Chili fragen, werden wir mitunter vom Servicepersonal ausgelacht.
Der fettige Fraß dieses Abends liegt uns wie ein Stein im Magen. Zudem schmeckt der üblicherweise zum Essen gereichte Jasmintee nach Schimmel und Brackwasser. Erst Tage später erfahren wir, dass man uns keinen vergammelten Jasmin- sondern frischen Weizengrastee gereicht hat. Schmeckt trotzdem nach Schimmel und Brackwasser. Derart kulinarisch enttäuscht, wollen wir dennoch ein wenig Shanghai bei Nacht erkunden und tummeln uns mit ungefähr einer Fantastillion Menschen in der berühmten Nanjing Lu, der Fußgängerzone. Hier fällt auf, dass der Shanghaier auch modisch zur absoluten Avantgarde gehört, denn in dieser Saison sind Pyjama und Nachthemd als Straßengarderobe mega angesagt. Überall laufen Menschen beiderlei Geschlechts mit nichts weiter bekleidet als mit ihren Schlafanzügen oder Nachthemden und Hauspuschen durch die Straßen, sitzen in Cafés, kaufen ein, ratschen oder flanieren.
Wie bereits kurz angedeutet, ist der Chinese als solcher völlig fremdsprachenresistent. Irgendwie auch verständlich, wenn man bedenkt, dass rund ein Viertel der Weltbevölkerung chinesisch als Muttersprache hat (bei dieser Berechnung übersehen wir mal die Tatsache, dass das offizielle Mandarin-Chinesisch auch für die meisten Chinesen eine zu erlernende Fremdsprache ist). Taxifahrer können jedenfalls keine Silbe englisch, Kellnerinnen ebenfalls nicht und Normalbürger sowieso gleich gar nicht. Mitunter ist es selbst an den Rezeptionen unserer Hotels, immerhin haben die alle vier oder fünf Sterne, ein Ding der Unmöglichkeit, sich mit den Conciergen zu verständigen. Fremdsprachliches Unvermögen im Ausland ist per se sicher normal, doch da die chinesische Schrift für uns auch noch absolut unlesbar ist, kann man sich in kaum einem anderen Land der Welt so sehr als Alien fühlen wie in China. Eine Spezies jedoch parliert englisch fließend und perfekt in der Aussprache: die »Kunststudenten«, die dich alle zwei Meter irgendwo ansprechen. Sie lauerten schon in Beijing und Xian und werden uns überall auf der Reise erwarten, sie kauen dir ein Ohr ab und wollen dich in irgendeine Ausstellung oder Galerie locken, wo man sensationelle chinesische Kunst kaufen könnte. Wieso eigentlich ausgerechnet Kunst? Über achtzig Prozent der Anquatscher wollen angeblich wirklich Kunst verkaufen. Als Künstler würde mich eine Statistik über den Erfolg solcher aggressiven Verkaufsgespräche auf nächtlicher Straße durchaus interessieren, mitgegangen sind wir jedoch nie. Die restlichen zwanzig Prozent Anquatscher sind übrigens Damen, die einem eine wie auch immer geartete »Massage« anbieten. In Shanghai gesellen sich ausnahmsweise auch mal junge Herren dazu, die uns in die nächste Gay-Sauna einladen wollen. Träumt weiter, Teetassen!
Hier im nächtlichen Shanghai entwickeln wir eine Abwehrstrategie, die sich als sehr erfolgreich erweist und uns vor allzu nervigen Belästigungen schützt: Wir sagen freundlich lächelnd »No english, no speak english!«, und lassen die verdutzten Anquatscher stehen. Wenn sie dennoch nachkommen und wissen wollen, woher man denn so kommt (Vorsicht, manche sprechen dann ein paar Brocken deutsch), sagen wir: »No english, we from Estonia.«
Als vorgebliche Esten gelangen wir ungeschoren durch die Nanjing Lu und können uns am berühmten Shanghaier Bund, dem alten Hafenquai mit seinen britischen Protzbauten aus dem 19. Jahrhundert, auf einem Mäuerchen niederlassen. Auch hier sieht man den Boden vor lauter Menschenmassen kaum. Auf der gegenüber liegenden Flußseite ist das futuristische Shanghai mit seinen Wolkenkratzern und dem Fensehturm. Bei Nacht wirkt das Ensemble erst recht wie aus »Bladerunner« entsprungen, denn die Hochhausfassaden dienen als gigantische Leinwände für Werbespots und Kurzfilme. Wir verlieben uns immer mehr in diese Stadt.
Am folgenden Tag dürfen wir Zug fahren, denn wir sollen im nahe gelegenen Suzhou durch Unesco-Weltkulturerbe lustwandeln. Der Vorplatz des Shanghaier Bahnhofs ist eine Art Arbeitslosenstrich. Dort tummeln sich die Landflüchtlinge, die auf ein besseres Leben in der Stadt hoffen. Sie sind mit einem Zug angekommen, haben weder Unterkunft noch Arbeit. Sie sitzen auf ihren Koffern und Plastiktüten, manche mit Kleinkindern auf dem Schoß, und hoffen und warten, dass ein Vorarbeiter vorbeikommt und sie mitnimmt. Sie werden sofort für einen Hungerlohn arbeiten, aber immerhin haben sie dann Geld und ein Dach über dem Kopf. Wenn niemand sie will, müssen sie mit Sack und Pack und Kind und Kegel auf dem Bahnhofsvorplatz übernachten und auf den nächsten Tag hoffen. Irgendwie mutet es da schon pervers an, dass wir schnurstracks durch die Verzweifelten gelotst und in die Erste-Klasse-Wartehalle geführt werden.
Der Zug im Gegensatz zu einem deutschen übrigens pünktlich nach Suzhou ist ebenfalls überfüllt, die Klimaanlage tobt aber fleißig und sorgt für Lungenentzündungen. Eine Bahnbedienstete mit Bauchladen kommt kaum durch die Waggons, denn sie muss ständig zurück und ihren Bauchladen auffüllen, weil ihr alle Getränke unter den Händen weggekauft werden. Hier im Zug lässt die Getränkeverkäuferin auch nicht mit sich handeln. Ein Wasser (halber Liter in der Plastikflasche) kostet fünf Yüan. Punkt. Das ist der absolute Abzockpreis, doch da unterscheidet sich die chinesische Bahn keinen Deut von der deutschen. Selbst Chinesen müssen das hier zahlen. Normalerweise kostet Wasser an den Erfrischungsständen, die zu jeder Sehenswürdigkeit gehören wie Putzerfische zu Haien, für Einheimische ein Yüan. Bei Langnasen heißt es hingegen immer mindestens fünf Yüan. Gut, fünfzig Cent sind auch nicht die Welt, doch da wir am Tag hitzebedingt ununterbrochen wassergekühlt werden müssen, läppert sich das. Je nach Verhandlungsgeschick zahlen wir meist drei, ab und an auch nur zweieinhalb Yüan, drunter geht gar nichts. Die meisten anderen aus unserer Gruppe sind hingegen typisch Touri und würden auch dann noch brav kaufen, wenn die Flasche hundert Yüan kosten würde.
Das Recyclingsystem funktioniert in China übrigens ganz ohne Dosenpfand hervorragend. Man muss einfach die soziale Schere so weit aufklappen lassen wie in China. Man muss nur ganz wenige sich bereichern und die Masse einfach verelenden lassen, werte Politiker in Berlin. Lernt von China, dann ist es möglich, dass alte Frauen (selten Männer) die Straßen patroullieren und jede Plastikflasche einsammeln, derer sie habhaft werden. Pro Flasche bekommen sie nullkommazwei Yüan vom Staat. Wir haben uns schnell angewöhnt, auch die Flaschen, die wir im Hotel leeren, mit auf die Straße zu nehmen und dem nächstbesten Flaschenweiberl (wie wir die Alten schnell getauft haben) in die Hand zu drücken. Wie in solchen Fällen üblich, findet man dann prompt einen halben Tag lang kein Flaschenweiberl und pfeffert schließlich frustriert die zehn Flaschen, mit denen man die komplette Terrakotta-Armee besichtigt hat, in einen Papierkorb, nur um zwei Sekunden später mindestens vier mitleiderregende Flaschenweiberl auf einem Haufen zu finden.
Suzhou
In Suzhou erwarten uns brütende Hitze in gleißender Sonne und Frau Hua, ein junges hübsches Ding mit Silberblick. Die Stadt gilt wegen ihrer Kanäle als das Venedig des Ostens, als romantische Perle Chinas, Chinesen bezeichnen Suzhou gar als Paradies auf Erden. Irgendwie entgeht uns das oder wir haben völlig konträre Vorstellungen vom Paradies. Wir sehen nur den breiten Kaiserkanal und die übliche gesichtslose sozialistische Stadtarchitektur. Immerhin weist uns Frau Hua auf die malerischen Buswartehäuschen hin, die im Stil alter Pagoden gebaut sind und die Stadtverwaltung ein Vermögen gekostet haben. Wir müssen uns stundenlang durch zwei der zahlreichen berühmten, unesco-geschützten Gärten von Suzhou quälen. Natürlich sind die absolut traumhaft, sensationell, herrlich, irre, geil und sicher zu recht berühmt und unesco-geschützt, doch wenn man nicht für chinesische Gartenbaukunst schwärmt, lohnt sich die lange Zugfahrt wirklich nicht. Zeitverschwendung pur, wie nicht nur wir sondern große Teile der Gruppe schnell feststellen. Wenn wir das ansatzweise geahnt hätten, hätten wir uns in bewährter Manier abgeseilt und einen freien Tag in Shanghai genossen. Da hätte es genug zu entdecken gegeben. Zu spät. Wer war doch gleich von Gruppenreisen so begeistert?
In Suzhou erfahren wir, was auch im Reiseführer steht, dass Wege und Brücken im klassischen chinesischen Garten immer gewunden sind, damit man mit jedem Schritt eine neue Perspektive hat und weil Chinesen stockabergläubisch sind. Denn böse Geister können angeblich nur geradeaus gehen, deshalb sollte kein Weg gerade sein. Übrigens haben auch die mitunter extrem hohen Türschwellen ihre Wurzeln im Aberglauben: Böse Geister haben nämlich keine Kniegelenke und können daher nicht über hohe Schwellen steigen (was können die chinesischen bösen Geister überhaupt, fragt sich der unbedarfte Europäer, die scheinen ja eher doof als böse zu sein). Wir langweilen uns also durch die Gärten und dann kommt es endlich, das lange vermisste TAZ. Zur Erinnerung, das ist das obligatorische Touristen-Abzock-Zentrum, in das jeder Stadtführer seine Gruppe zu zwingen hat, um Provisionen zu kassieren. Diesmal ist es eine Seidenspinnerei. Die liegt praktischerweise direkt neben einer weiteren Attraktion Suzhous, der großen Pagode. Die sieht im Vorbeirasen aus wie alle anderen Pagoden. Schnell ein Foto geknipst und ab geht’s in die Seidenfabrik zur Verkaufsschau.
Wie wir erfahren, sind wir ein paar Minuten zu spät dran, sonst hätten wir noch die hauseigene Modenschau erleben dürfen. Wer zu spät kommt, den belohnt gelegentlich das Leben. Die Führung durch die Fabrik ist tatsächlich nicht uninteressant. Wir können den Arbeiterinnen zusehen, wie sie die Seidenkokons erst in heißes Wasser einlegen, damit sich der Fadenanfang löst, und dann die Kokons in die Haspelmaschine einfädeln. Der Job muss die Hölle sein. Den ganzen Tag ins heiße Wasser langen, den ganzen Tag feine Fäden einspannen. Nebenan sitzen alte Weiblein an Wasserbecken und bearbeiten Zwillingskokons, Kokons, die mit einem anderen zusammengewachsen sind. Diese lassen sich nicht mehr aufhaspeln. Sie werden eingeweicht und dann mit Schwung und viel Kraft auseinandergezogen, bis sie wie große Mützen aussehen. Getrocknet werden diese Mützen anschließend von vier Frauen weiter zu großen Tüchern auseinandergezogen und dann als Futter in Decken eingenäht. Keine Frage, dass man die so gefütterten Seidendecken gleich nebenan käuflich erwerben kann. Jetzt beginnt für uns das lange Warten. Unsere Mitreisenden entpuppen sich erneut als verlässliche Geldesel. Egal wie unmodisch oder hässlich das Teil sein mag, es muss gekauft werden. Es ist schließlich Seide! Die kostet ja in Deutschland mindestens, wenn nicht gar und überhaupt! Da Carsten vom Fach ist und schon per Augenschein etliche der angebotenen Stoffe als minderwertige Qualität und teilweise sogar als Kunstseide enttarnt, üben wir uns leichten Herzens in Enthaltsamkeit.
Shanghai
Die Rückfahrt von Suzhou nach Shanghai erleben wir diesmal im Erste-Klasse-Abteil, wir verheddern uns ständig in den opulenten Spitzendeckchen, die über die Kopflehnen fließen. Während sich große Teile der Gruppe von unserem namenlosen Shanghai-Guide zu einer Akrobatikshow mit Abendessen verleiten lassen, bringt uns ein Taxi in die Altstadt. Die besteht im Wesentlichen aus einem großen, modernen Shoppingcenter im »alten« chinesischen Stil, in dem sich Souvenirläden, TAZ-Shops und Restaurants aneinanderreihen. Doch daneben gibt es noch ein paar Gässchen mit lauter echt alten Häuschen, dort werden vornehmlich »Antiquitäten« feilgeboten. Manch einer möchte uns mit dem unscharfen Polaroidfoto einer garantiert »very antiquen« Ming-Vase in einen dunklen Hinterhof lotsen, doch wen interessieren schon olle Ming-Vasen in dunklen Hinterhöfen, wenn es hier Alltag pur zu beobachten gibt. In den Altstadtgassen leben die Shanghaier augenscheinlich auf der Straße. Die Türen zu den Häusern stehen weit offen. Ganze Familien sitzen auf dem Bürgersteig und kochen und essen. Überall lungern sie im Unterhemd auf Klappstühlen herum. Manche sind auf Strandliegen eingeschlafen. Endlich, das erste Mal nach dem Bazar von Xian, stellt sich das Gefühl ein, chinesisches China zu erleben. Wie man hört, ist der komplette Abriss der Shanghaier Altstadt längst beschlossene Sache und nur noch eine Frage der Zeit. Hätte uns auch gewundert …
Wir bummeln zurück in die neonbeleuchteten Luxusmeilen. Dabei kommen wir an einem Park vorbei und sehen das erste Mal das, was uns schon alle Führer als typisch chinesisch angepriesen und »Oma-Opa-Disco-Tanz« genannt haben. Ein DJ mit schepperndem Ghettoblaster gibt den Takt vor und eine Formationstanzgruppe hüpft eifrig vor sich hin. Es gibt einen Vortänzer, dessen Schritte die meist weiblichen Nachtänzer üben. Die Damen sind nicht selten über sechzig, sie gehören selbstverständlich zur modischen Avantgarde und tragen zum Straßentanz Nachthemd und Hauspuschen. Ab und zu gesellen sich Neuankömmlinge hinzu oder eine der Damen rafft die Rüschchen und verabschiedet sich. Gleich nebenan spielt ein DJ mit einer etwas besseren Anlage Wiener Walzer und zahlreiche korrekt westlich gekleidete Tanzpaare drehen sich im Takt. Dann kommt eine Rumba und die Damen und Herren bewegen sich auch dazu, als hätten sie bereits bei Wettbewerben mitgetanzt. Wir lassen uns weiter durch die Straßen treiben, denn wir haben ein Ziel: Das Restaurant »The Grape«, das uns ein Freund empfohlen hat. Wir laufen beinahe eine geschlagene Stunde durch die Huaihai Zhonglu, eine von mehreren Shanghaier Prachtstraßen, in denen sich ein Luxusgeschäft an das andere reiht: Chanel und Porsche und Gucci und Mercedes und Rolex und Bulgari. Eine Stunde lang nur an Protz und Prunk vorbeiflanieren ist anstrengend. Die Münchner Maximilianstraße, ein lachhaft popeliges Gässchen im Vergleich zu dem hier, hat man schließlich in einer Viertelstunde dreimal auf- und abgegrast. Der Chinese, schon wieder eine schöne Verallgemeinerung, liebt bekanntlich nicht nur das Geld, sondern auch das Statussymbol. Er ist absolut markenbewusst und möchte nur das Echte, das möglichst viel kostet. Deshalb lässt er die ganzen Fakes, die nachgemachten Produkte auf den Nachtmärkten, links liegen. Die sind wirklich nur für Touristen und die Verlierer der neuen Wirtschaftspolitik.
Schließlich gelangen wir in die Xin Le Lu zum Restaurant »The Grape«, wo wir wirklich gut essen und uns wohl fühlen, denn die ganze Gegend ringsum ist relaxt, hip, cool, eine Art Soho, ein Hauch von Rive Gauche, Glockenbachviertel oder Greenwich Village. Es gibt kleine, schrille Boutiquen und witzige Galerien. Die Leute tragen flippige Klamotten und wüste Frisuren in allen Haarfarben. Hier wird man endlich einmal nicht als weißer Exot bestaunt. Man kann bereits mehr als ahnen, dass bald eine absolut stylische China-Jugend den Mode-, Kunst- und Kreativmarkt aufrollen wird. Ein Trend, der sich auch in den chinesischen MTV-Ablegern überdeutlich ankündigt. Die chinesische Musikindustrie klotzt Videos hin, die in Aufwand und Optik die meisten Westproduktionen weit hinter sich lassen. Guckt man die chinesische MTV-Variante, ist es beinahe unvorstellbar, dass wir älteren Semester uns noch an Zeiten erinnern können, als sogar die Nachrichten darüber berichteten, dass dekadente Klassenfeinde wie die Eurythmics die allerersten Popkonzerte der chinesischen Geschichte in Peking gegeben haben. Lange ist es her. China ist heute kein Pop-Entwicklungsland mehr. Die haben MTV und Viva mit Siebenmeilenstiefeln längst überholt. Trendscouts aller Labels, checkt Shanghai.
Wir checken am nächsten Morgen erneut die Altstadt. Denn wir haben einiges entdeckt, was wir bei Tageslicht noch mal sehen wollen. Dafür verzichten wir gerne darauf, von Mr. Namenlos durch den legendären Yu-Garten kommandiert zu werden. Die vierstöckige Flohmarkthalle, in die wir per Zufall stolpern, bestätigt uns in der Entscheidung. Leider sind die zwei Stunden, die wir zur Verfügung haben, zu schnell vorbei. Wir müssen zum Bus zurückhetzen, statt die Hallen leerzukaufen.
Dem aufmerksamen Leser mag aufgefallen sein, dass wir in Shanghai bisher keinen TAZ-Stop einlegen mussten. Uns ist das auch längst aufgefallen, doch außer Mittagessen steht kein Programmpunkt mehr an. Sollten wir diesmal dem TAZ entkommen? Wir werden zum absolut trendigen Fast-Food-Spaß der neuen Generation gefahren: mongolisches Barbecue. Das Prinzip ist pipifaxeinfach, das Ergebnis hyperlecker. Man bekommt eine Schüssel und kann sich dann an der Fleisch-, Gemüse- und Soßenbar seinen Futter-Cocktail selbst zusammenstellen. Es gibt Schwein, Ziege, Rind und Huhn, alles hauchdünn geschnitten, unterschiedlichstes Gemüse und mindestens zwanzig Soßen, die man pur oder gemischt einsetzen kann. Die Schüssel gibt man einem der freundlichen Herren an der großen Grillplatte, der kippt den Inhalt aus, brät alles ein paar Minuten durch und schaufelt es mit viel Brimborium und Getue zurück in die Schüssel. Schmeckt köstlich und geht schnell. Gut, dass wir am Mongolengrill eine Art von »all you can eat« haben, denn nun ist es so weit geschickt getarnt lauert unser Shanghaier TAZ im ersten Stock über dem Resto! Es ist eine Fabrik für mongolisches Kaschmir. Wieso sollte sich allerdings jemand bemüßigt fühlen, bei mindestens 35 Grad im Schatten einen Kaschmirpullover zu kaufen? Diesmal schlagen selbst unsere üblichen Verdächtigen nicht richtig zu. Zu unser aller Überraschung ersteht Rainer als einziger einen kuscheligen Winterpulli.
Zuletzt gönnen wir uns eine Shanghaier Spezialität, die deutschen Ursprungs ist. Wir wollen mit dem Transrapid fahren. Mr. Namenlos verspricht, alles zu organisieren und nutzt die Gunst der Stunde, uns über eine ganze Halle voller Tische zu ziehen. Wir zahlen ihm 150 Yüan pro Person für die Fahrt von Shanghai zum Flughafen und zurück, wo doch der offizielle Fahrpreis am Bahnhof aushängt und nur 80 Yüan beträgt. Dafür ist die siebenminütige Fahrt, bei der wir 30 Sekunden lang die Spitzengeschwindigkeit von 430 km/h erreichen, wie Fliegen ohne Abheben, wie Achterbahn ohne Looping. Einfach klasse. Teilweise verläuft die Strecke neben einer Autobahn und die Autos, die sicher 120 Sachen fahren, scheinen zu stehen. Wer einmal in Shanghai war und dann nach München zurück muss, weiß spätestens dann, was für ein Provinznest die bayerische Landeshauptstadt ist (okay, das wussten wir natürlich schon viel länger). Da veranstalten sie ernsthaft Bürgerbegehren, um mögliche Hochhäuser zu verhindern, weil die Höhe der Frauenkirche für ewige Zeiten das Maß aller Dinge sein soll. Da diskutieren sie den Bau der Transrapidstrecke vom Bahnhof zum Flughafen zu Tode, dabei sollten sie endlich in der Gegenwart ankommen und die Stadt gefälligst mit spannender Wolkenkratzer-Architektur aufpeppen und den Transrapid aber so was von sofort bauen. Weil wir von der Transrapidfahrt euphorisiert sind, verzeihen wir Mr. Namenlos seine freche Abzocke und lassen uns wieder zum Stadtbahnhof bringen. Nun fährt der Zug nach Hangzhou.
Hangzhou
Für Hangzhou ist Frau Jin zuständig. Eine mollige Frau, die ständig gut gelaunt ist und für Stimmung sorgt, indem sie chinesische Poesie vorträgt oder auch mal gnadenlos chinesische Lieder schmettert. Sie geleitet uns ins »Ramada Plaza Haihua«-Hotel, das direkt am legendären Westsee liegt. Da es schon dunkler Abend ist und wir noch nichts gegessen haben, erkunden wir mit knurrenden Mägen die Stadt. Den weniger wohlhabenden Großteil unserer Gruppe entdecken wir später in der Warteschlange vor dem nächstgelegenen »Pizza Hut«. Da der Chinese früh am Abend isst etwa gegen achtzehn Uhr sind die Restos brechend voll , ist um zwanzig oder einundzwanzig Uhr, wenn wir aufkeimen, bereits einiges geschlossen oder gähnend und damit nicht einladend leer. Wir suchen wie üblich was bezahlbares Chinesisches. Natürlich könnten wir auch eines der Restaurants aufsuchen, die im Vorraum oder auf dem Gehsteig Bassins mit allerlei Wassergetier präsentieren. Da muss man nur auf den Fisch seiner Wahl deuten und bekommt ihn dann zubereitet. Doch dazu muss man eben auf Wassergetier stehen, und mehr als einmal schwamm in den Aquarien der eine oder andere Fisch mit dem Bauch nach oben. Da verstummt das Magenknurren.
Nach Stunden werden wir ziemlich verzweifelt fündig. Die Wirtin ist bemüht und fischt völlig zerknitterte Zettel hervor, bei denen es sich um eine handgeschriebene englische Speisekarte handelt. Sie streicht die Knitterzettel in der großen Wasserlache auf dem Tisch glatt. So verfließt der Kuli und wir haben nur die Hälfte der Auswahl. Wie üblich schlafen Gaumen und Zunge beinahe vor Langeweile ein.
Marco Polo soll weiland Hangzhou als die schönste Stadt der Welt bezeichnet haben. Wie sich die Zeiten ändern. Die Stadt an sich bietet wenig Reizvolles, dennoch ist sie Tourismusmagnet Nummer eins. Denn die Gegend um die Stadt ist für Chinesen das, was der Gardasee für die Deutschen ist. Ein traumhaftes Erholungsgebiet, das seit Jahrhunderten von Dichtern in den höchsten Tönen besungen und von Malern in zartesten Farben gemalt wird, erstreckt sich rund um den großen Westsee. Mit Frau Jin lustwandeln wir durch einige raffiniert angelegte Gärten an den Uferpromenaden. Dann fahren wir mit Ausflugsbooten über den See und lassen die Seelen baumeln.
Nachmittags besichtigen wir das Lingyin-Kloster, auch »Tempel der Seelenzuflucht« genannt, das nicht minder zum Seelebaumeln einlädt. Die großzügige Anlage in den Hügeln, die ein indischer Mönch 326 gegründet hat, nachdem er einen hierhin »geflogenen« Berg aus seiner Heimat in der Landschaft entdeckt hatte, ist natürlich erst seit kurzem wieder als Kloster in Betrieb, einige der monumentalen Buddha- und Götterstatuen innerhalb der Tempelmauern sind keine paar Jahre alt. Doch nicht die Tempel sind das Highlight, sondern die in Fels gehauenen Buddha- und Götterfiguren, die die Kulturrevolution überlebt haben, weil sie zu hoch in der Felswand sind und die Zerstörer offenbar zu faul waren, sich mit Leitern zu wappnen. Die beliebteste Figur ist auch die beleibteste: ein um 1100 entstandener Maitreya, ein dicker, lachender Buddha. Eine besondere Sehenswürdigkeit entdecken wir eher zufällig. In einer etwas abseits liegenden Halle finden sich lebensgroße Bronzestatuen von einst hier wirkenden buddhistischen Meistern, die das Nirvana erreicht haben. Hunderte von völlig individuell gestalteten Figuren sitzen nebeneinander in einem wahren Irrgarten von immensen Ausmaßen.
Wir müssen leider im Eilschritt durch die Halle der bronzenen Mönche hetzen, denn die Zeit drängt. Frau Jin hat beschlossen, das eigentlich für anderthalb Tage geplante Programm auf einen Tag zu straffen. Sie bietet uns die Residenz des Hu Xueyan, eines legendär reichen Kaufmanns aus dem 19. Jahrhundert. Jedes einzelne der geräumigen Zimmer der traumhaften Villa diente noch vor wenigen Jahren einer mehrköpfigen Familie als Wohnung. In den 1990er Jahren wurde das Haus dann entmietet, komplett aufwändig saniert und ist seitdem als Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Zu der Residenz des Hu Xueyan gehört selbstverständlich auch ein großer Garten, der mindestens genauso traumhaft schön ist wie die Gärten in Suzhou (auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: den Programmpunkt Suzhou sollten Reiseveranstalter wirklich streichen). Kaum sind wir auch hier über hohe Türschwellen gestiegen und gewundenen Wegen und Brücken gefolgt, heißt es schon weiterhetzen. Schließlich sind wir ja nicht zum Vergnügen in China, sondern auf Kaffeefahrt mit Verkaufsveranstaltung, und auch Frau Jin muss uns noch in ihr TAZ schleppen. Doch vorher dürfen wir schnell die Pagode der sechs Harmonien aus dem Jahr 970 genießen, die nicht nur als Gotteshaus sondern auch als Leuchtturm diente. Die unterscheidet sich für uns Banausen natürlich erst auf den zweiten Blick von den Pagoden in Xian oder Suzhou. Leider zieht während des Genusses Regen auf und die tropisch-feuchte Hitze lockt zudem Myriaden von Mücken auf die menschliche Haut.
Frisch zerstochen und durchweicht ist endlich TAZ-Zeit. Aus Hangzhou kommt der berühmte Drachenbrunnentee, ein zarter Grüntee mit feinem Aroma. Wir werden schnell über eine kleine Teeplantage gescheucht, dann beginnt die Verkaufsshow. Ein äußerst attraktives Mädchen weiht uns in die Unterschiede der verschiedenen Tee-Qualitätsstufen ein. Hier erfahren wir auch, dass die in Deutschland unter strengen Grünteetrinkern verbreitete Sitte, den ersten Aufguss wegzuschütten, bei Chinesen Heiterkeit hervorruft. Der Chinese schüttet ausschließlich vom schwarzen Tee den ersten Aufguss weg, weil der zu stark ist. Grüntee hingegen wird je nach Qualität mehrfach aufgegossen und nie weggeschüttet. Von der teuersten Sorte Drachenbrunnentee lassen sich mindestens zehn Aufgüsse machen, ohne dass der Geschmack leidet, und man kann tatsächlich die Blätter pur essen, sie entfalten dabei ein zartes Schokoladenaroma. Doch 1000 Yüan für 500 Gramm sind uns dann etwas zu viel.
Abends beim Stadtbummel durch Hangzhou stellen wir fest, dass die Preise für gute Tees auch in ganz normalen kleinen Teeläden bis zu 2000 Yüan, also rund 200 Euro, für 100 Gramm erreichen können. Wir kaufen bei einer freundlichen alten Dame einen sündhaft guten und mit 100 Yüan bestens bezahlbaren Drachenbrunnentee. Für die Verkaufsverhandlungen zerrt sie aus einem Hinterzimmer ihren Enkel herbei, der immerhin drei Brocken englisch spricht und hauptsächlich durch eine beeindruckende, weil völlig verunglückte blonde Dauerwelle besticht.
Danach bummeln wir noch ein wenig die Uferpromenade am Westsee entlang. Die Promenade ist übervölkert und alle Bänke sind mit Liebespaaren besetzt. Dennoch haben wir Glück und stolpern über eine freie Bank. Wir setzen uns und beobachten den nächtlichen Bummel-Corso. Freilich beobachten wir nur kurz, denn schnell sind wir die Beobachteten. Man starrt, glotzt, stiert und deutet die übliche Zootier-Routine. Madonna bekommt von uns demnächst ein verständnisvolles Beileidschreiben. Doch dann setzt sich noch ein junger Mann zu uns und textet Carsten chinesisch zu, wobei er eindeutige Fingerzeichen macht, deren Beschreibung mir hier die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Merke: Bist du ein großer, blonder Mann, setze dich nie abends an die Uferpromenade in Hangzhou. Außer du suchst wirklich Anschluss.
Apropos körperliche Bedürfnisse: Das »Ramada Plaza Haihua« in Hangzhou besticht durch schlichte Eleganz und attraktive Features wie zwei Violinistinnen in Abendkleidern, die im Foyer klassische Weisen intonieren. Doch wir begehen den entscheidenden Fehler, einmal die Fitnessanlage checken zu wollen, die sich neben der Karaoke-Bar im Keller befindet. Kaum öffnet sich die Fahrstuhltür im Untergeschoss, sind wir in einer anderen Welt. Vier sehr spärlich bekleidete und viel zu stark geschminkte Damen sowie ein schmieriger Anzugheini stürzen sich auf uns und wollen uns zu Bier und Weiß-der-Teufel-was-noch in die schummrige Karaoke-Bar zerren. Wir bleiben standhaft und werfen einen Blick in den Fitnesstempel, der sich als miefige Abstellkammer mit einem Trimmrad und zwei Hanteln entpuppt. Nun können wir uns auch vorstellen, was die vier einzelreisenden Herren unserer Gruppe abends so treiben.
Da Frau Jin uns binnen Tagesfrist durch alle Sehenswürdigkeiten Hangzhous gescheucht hat, haben wir am nächsten Tag Freizeit, bis der Shuttle zum Flughafen geht. Endlich mal ausschlafen und nicht um halb sieben aufstehen. Endlich mal in Ruhe frühstücken. Und endlich mal einen guten Kaffee trinken. Die Koffeinjunkies unter uns leiden schon seit Tagen unter der langweiligen Plörre, die zum Frühstück serviert wird. Deshalb hängen alle wie gebannt an unseren Lippen, als wir berichten, dass wir beim letzten Nachtbummel in einer Seitenstraße tatsächlich einen »Starbucks« entdeckt haben. Einige fangen unkontrolliert zu sabbern an. Carsten und ich nutzen den Vormittag für heiße, süßbittere Latte macchiati bei cooler Jazzmusik.
Guilin
Um 13.15 Uhr geht der Flieger nach Guilin. Highlight der Bordverpflegung sind diesmal getrocknete Fleischstreifen, die aussehen wie tote Blutegel und auch so schmecken. Wobei ich zugeben muss, dass ich noch nie Blutegel gegessen habe. Aber ekliger können sie einfach nicht schmecken. Carsten ist ohnehin jeglicher Appetit vergangen, denn er hat das Pech, direkt vor einem Mann zu sitzen, der die gute alte chinesische Sitte des geräuschvollen Rotzens mit Auswurf pflegt. Geschlagene zwei Stunden bringt es der Mann fertig, ununterbrochen Schleim in flüssigerer und festerer Konsistenz aus dem tiefsten Inneren seines Körpers dezibelstark durch Mund und Nase zu befördern. Man hatte uns im Vorfeld natürlich vor dem beliebten chinesischen Freizeitsport des Rotzens und Spuckens gewarnt. Früher sollen die Schleimbrocken nur so durch die Gegend geflogen sein und vor allem die Hosen bis zum Knie hinauf versaut haben. Doch erstaunlicherweise fand hier in den letzten Jahren eine sehr erfolgreiche Umerziehungskampagne statt. Manchmal sieht man noch große Plakate mit einem Comicmännlein, das eine Bombe ausspuckt, die auf Chinesisch (und sinnloserweise auch englisch) darauf hinweisen, dass Spucken widerlich ist. Das geräuschvolle Hochziehen und Herauslassen hört man heute meist nur noch in Toiletten. Oder, wenn man Pech hat, hinter sich im Flieger von Hangzhou nach Guilin.
Frau Ho, die uns in Guilin übernimmt, ist ebenso jung wie unsympathisch. Schon auf dem Weg zum Hotel beeindruckt die spektakuläre Landschaft mit den Karsthügeln, derentwegen die Gegend um Guilin ein touristischer Anziehungspunkt ist. Aus einer einst dicken Kalkschicht haben Wind und Wasser im Laufe von Jahrmillionen bizarre Berge geformt, die selbst mitten in der Stadt Guilin selbst zu finden sind. Zum Glück, denn ansonsten prägt graue, phantasielose sozialistische Depressionsarchitektur das Stadtbild. Als Frau Ho dann ganz stolz verkündet: »Unsere Stadt war vor zehn Jahren noch nicht so schön«, schauen wir geschockt aus dem Fenster und fragen uns, wie grauenvoll die Stadt damals wohl ausgesehen haben mag.
Das »Royal Garden«-Hotel, das uns beherbergt, liegt direkt am Li-Fluss und mitten in China pur. Rings um das Haus finden sich Lehmstraßen und unverputzte Hauswände mit Plakaten für Hunde- und Pferde-Kämpfe. Mit so viel Atmo hätten wir gar nicht gerechnet. Immerhin verfügt das Hotel angeblich über fünf Sterne und als einziges auf unserer Reise über einen Pool unter freiem Himmel. Ich bin der einzige, der ihn nutzt. Ob das wohl daran liegt, dass fast alles mit einem zartgrünen Moosschleier überzogen ist? Kati aus Salzburg nutzt die freien Stunden bis zum Abendessen zu einer Fußmassage, die das Health-Center unseres Hotels anbietet. Als unsere Reiseleiterin Frau Ho das später erfährt, bekommt sie schier einen Herzinfarkt, denn man solle nie und nimmer so unbedarft und blauäugig den Health-Club eines Luxushotels nutzen. Womit wir beim Thema Prostitution wären: Unsere Kati hatte Glück, dass sie ein Mädchen ist und deshalb tatsächlich eine Fußmassage bekam, denn wenn man(n) in einem Fünf-Sterne-Hotel wie diesem den Health-Club besucht und eine Massage mit Sauna bestellt, bekommt man für eine Stunde eine Dame gestellt, die sich auf ganz spezielle Fingerübungen versteht. Das, so erklärt uns Frau Ho mit ihrer unverwechselbar unsympathischen Art, wisse doch jeder, das sei üblich und wir sollten nicht so tun, als wäre das neu für uns. Wenn man naiverweise tatsächlich nur eine Massage und Sauna haben wollte, dann habe man eben Pech gehabt. Die Luxushotels hätten mit den örtlichen Behörden meist eine Art Gentleman-Agreement.
Leider hat Frau Ho kein Gentleman-Agreement mit dem Lokal, in das sie uns zum Abendessen karrt. Diesmal ist es wirklich so ölig, geschmacksneutral und ungenießbar, dass wir alle vornehme Zurückhaltung vergessen. Egal, wie beleidigend für einen Chinesen die direkte Unmutsäußerung sein mag, doch als sie uns fragt, ob es uns geschmeckt habe, tönt ihr ein einstimmiger »Nein!«-Chor entgegen. Frau Ho ist den Rest des Abends damit beschäftigt, ihr Gesicht zu suchen. Wir brechen hingegen auf, die Stadt zu erkunden. Auch Guilin gewinnt bei Nacht erheblich, entwickelt mit dem bunten Neonlicht einen gewissen Reiz und hat eine gut besuchte, pittoreske Fußgängerzone mit vielen originellen Boutiquen und romantischen Fassaden. Doch wenn man genauer hinschaut, machen die Fassaden ihrem Namen alle Ehre, denn es sind nur Kulissen. Bemalte Gipsplatten, die vorne an potthässliche Bausünden geschraubt wurden. Wir sind beim Bummel natürlich wieder Freiwild für alle Anreißer und Zoogetier für alle anderen. Das ändert sich auch nicht auf dem großen Nachtmarkt gut, dass wir als Esten kein englisch verstehen. Der Markt hat allerdings kaum etwas Interessantes zu bieten. Wir sind weder an »Nike«-Socken noch an »Hello Kittie«-Devotionalien noch an in Kunstharz gegossenen bunten Käfern noch an DVDs interessiert. Der Abend endet mit strömendem Regen und gutem »Tsingtao«-Bier aus dem Supermarkt. Wie gut, dass Deutschland einst in Tsingtao eine Kolonie hatte und dort eine Brauerei hinterlassen hat.
Dass es in der Nacht geregnet hat, erweist sich am nächsten Tag als Glück. Denn zum einen ist es zunächst nicht so drückend heiß, zum anderen dampft der Boden und Dunstschwaden ziehen zwischen den Hügeln umher. Damit herrscht ideales Wetter für den heutigen Programmpunkt: die Bootsfahrt durch die phantastische Karsthügellandschaft auf dem Li. Vier Stunden fährt unser Schiff durch ein Panorama, das seinesgleichen sucht. Die diesige Witterung verzaubert die bizarr geformten, dicht bewaldeten Hügel, an denen wir vorbeigleiten. Die Fotoapparate heiß surren heiß und Kamera-Akkus müssen im Minutentakt ausgetauscht werden. Unterdessen tobt nicht nur bei uns an Bord sondern auch auf und an dem Fluss das Leben. Wasserbüffelherden plantschen im seichten Ufergewässer, Frauen machen die große Wäsche, flache langgezogene Boote aus Bambusrohren ziehen vorbei. Auf manchen sind Kormoran-Fischer, auf den meisten Booten befinden sich jedoch Souvenirhändler. Sie docken an den großen Touristenbooten an und bieten jene Art von Tand und Kitsch feil, die später in Deutschland an die Verwandtschaft als typisch chinesisches Kunsthandwerk verschenkt wird. Vier Stunden auf dem Li sind wunderschön, aber auch anstrengend. Als wir schließlich vor Erschöpfung nicht mehr hinter jeder Flussbiegung vor lauter landschaftlicher Schönheit in Entzückensschreie ausbrechen können, kommt auch schon das Ziel in Sicht: Jangzhou.
Jangzhou
Ärgerlicherweise ist nun der Himmel aufgerissen und die Sonne brennt mörderisch heiß herunter. Doch Jangzhou ist auf ausgelaugte Langnasen bestens vorbereitet. Der kleine Ort liegt romantisch zwischen den Karsthügeln und besteht praktisch nur aus Marktständen und Lokalen (alle, wirklich alle, ausnahmslos mit english menu und englisch sprechenden Bedienungen!). Unter allen chinesischen Städten wurde ausgerechnet Jangzhou in den vergangenen Jahren von australischen Backpackern weichgeklopft und ent-chinesisiert. Uns hält nichts mehr, während die restliche Gruppe nun mit Elektrotaxis zu einer Reisterrassen-Rundfahrt aufbricht, futtern und saufen wir uns einmal quer durch alle Straßencafés. So schön kann China sein!
Leider ziehen auch Bettler und Hausierer durch die Cafés. Sie pflanzen sich einfach neben dich hin und gucken penetrant. Ignorieren zwecklos. Ich kaufe schließlich einer zwergwüchsigen, buckligen, ururalten Frau eine Kleinigkeit ab, die darauf vor lauter zahnlosem Grinsen kaum noch in die Pötte kommt, und Carsten gibt einem Gelähmten, der nur mit Armeskraft durch den Dreck robbt, ein Almosen. Was die Betreffenden aber nicht davon abhält, alle fünf Minuten erneut auf der Matte zu stehen bzw. liegen.
Eine alte Frau ruft uns etwas nach. Wir verstehen nicht richtig, zumindest glauben wir das, denn eigentlich sind wir beide uns sicher, dass wir sie sehr wohl verstanden haben.
»Hat die uns eben walking money genannt?«, fragt Carsten. »Das kann nicht sein, oder?«
»Eigentlich nicht. Aber das habe ich auch verstanden«, antworte ich. »Eindeutig walking money.«
»Zumindest ehrlich, die Alte. So fühle ich mich auch. Als walking money.«
Wir Langnasen sind also laufendes Geld, das lässt man uns besonders hier spüren. Wie in allen Backpacker-Zentren der Welt ist zwar auch in Jangzhou alles völlig überteuert und man kann an den Marktständen nur bedingt feilschen, trotzdem finden wir hier endlich mal ein paar kaufenswerte Kleinigkeiten. Darunter auch das T-Shirt, das man eigentlich als China-Tourist bei der Einreise geschenkt bekommen sollte. Auf jenem Leiberl steht »I have no money. I’m just looking. Don’t follow me.« in Englisch und Chinesisch. Denn nicht nur in Jangzhou sind Marktbudenbesitzer lästig wie Filzläuse, sobald man für irgendwas Interesse zeigt. Sie fallen dich an und lassen sich kaum abschütteln. Das führte bei uns schon in jenen längst vergangenen Beijing-Tagen dazu, dass wir selbst an Auslagen, die uns interessieren, nonchalant mit blasierter Miene vorbeischlendern und nur aus den Augenwinkeln die Ware begutachten. Stehenbleiben und näher anschauen ist nur dann drin, wenn wir vor lauter Augenverdrehen schon schielen und uns nach tiefschürfender Diskussion zu diesem Schritt entschlossen haben. Denn dann beginnt der Verkäufer mit einer völlig surreal anmutenden Deute-Tätigkeit. Er versucht unsere Aufmerksamkeit auf alles mögliche zu lenken, indem er kreuz und quer und völlig sinnentleert in seinem Warenangebot herumdeutet. Betrachtet man zum Beispiel einen Bronzebuddha mit Wohlwollen, schon zeigt der Händler wie besessen auf einen Seidenschal, befingert man ein T-Shirt, verweist er vehement auf seine Auswahl an Badeschlappen, schnüffelt man an Tee herum, zerrt er einen Beutel Orangen hervor.
Guilin
Am nächsten Morgen haben wir schon wieder einen halben Tag frei, denn der Flieger nach Hongkong geht erst am Abend. Was nun folgt, kann man nicht mehr als Totschlag bewerten. Was nun folgt, ist mutwilliger, grausamer Mord an der armen, unschuldigen Zeit, die nichts dafür kann, dass sie vergeht. Zunächst verschleppt uns Frau Ho in den angeblich chinaweit berühmten Qixing Gonggyuan, den Sieben-Sterne-Park. Nun ist ein Park per se meist ganz hübsch, natürlich auch dieser Sieben-Sterne-Park. Bäumchen hier, sozialistische Wandmosaike da, Tropfsteinhöhlen dort. Bei brütender Affenhitze durch das Qixing-Ding schlendern, muss man jedoch nicht unbedingt haben. Sich für zehn Yüan mit völlig zerrupften, erbärmlichen Pfauen, die auf einer Stange festgekettet sind, fotografieren zu lassen, finden wir auch nicht so prickelnd. Frau Ho wittert schnell den sich breit machenden Unmut.
Sie glaubt, mit einem Besuch im parkeigenen Zoo punkten zu können. Schließlich ist hier ein waschechter Panda zu bestaunen. Doch schon auf dem Weg zum Pandagehege hat Frau Ho verloren. Wir passieren winzige, kahle Käfige, wie es sie nicht mal vor hundert Jahren in deutschen Zoos gegeben hätte, in denen Affen oder Vögel vor sich hin vegetieren. Der zweifelhafte Höhepunkt, der Panda, liegt apathisch in einem Glasgehäuse auf dem Bauch und streckt alle Viere von sich. Wir stehen betroffen herum und wissen vor Scham nicht, wohin gucken. Rings um uns herum tobt das Leben in Form einer Armada von mechanischen Plüsch-Pandas, die purzelbaumschlagend »Happy Birthday« singen und von eifrigen Händlern ununterbrochen aufgezogen werden.
Als hätte das Panda-Trauerspiel nicht schon gereicht, versucht man es dann mit einem riesigen Tiger. Der liegt teilnahmslos, vermutlich voll auf Droge, in einem Käfig, der so klein ist, dass das Tier durch die Stäbe quillt. Gegen zehn Yüan können wir uns in den Käfig zwängen und mit der Raubkatze fotografieren lassen. Das mag bei einheimischen Zoobesuchern der letzte Schrei sein, wir hingegen suchen schnellstmöglich den Ausgang. Flugs bugsiert Frau Ho uns noch zu dem Kamel-Hügel, der man ahnt es bereits die Form eines Kamels hat.
Nun holt Frau Ho den ganz großen Knüppel heraus und prügelt vehement auf die verbleibende Zeit ein. Wir müssen die »Schilfrohrflötenhöhle«, auch Ludiyan genannt, durchschreiten. Den Busparkplatz vor der Höhle nutzt interessanterweise ein Bauer, um seine Reisernte zu trocknen. Den Trocknungsprozess von Reiskörnern zu verfolgen wäre spannender gewesen, doch in der Höhle können wir »schon die mit bunten Lichtern angestrahlten Stalagmiten und Stalagtiten genießen«, wie auch Rainer versichert. Der Weg in die »Schilfrohrflötenhöhle« führt übrigens ganz zufällig durch einen »Freundschaftsladen«, was zu manischem Kreditkartenzücken bei den üblichen Verdächtigen in unserer Gruppe und zu erheblicher Wartezeit für den Rest führt. Tropfsteinhöhlen sind wie Musicals, entweder mag man sie oder man mag sie nicht. Ich mag jedenfalls weder noch. Aber am allerwenigsten mögen die meisten von uns den folgenden Programmpunkt. Doch es war selbstverständlich vorhersehbar, dass auch Frau Ho ihr ganz spezielles Touristen-Abzock-Zentrum vorweisen kann. Schon wieder Perlen, wenn auch diesmal Salzwasserzuchtperlen. Bevor wir vor Langeweile im Stehen einschlafen können, beginnt ein bulliger Kerl mit dem Charme und der Seriositäts-Aura eines Gebrauchtwagenhändlers mit der Verkaufsshow.
Zuletzt läuft Frau Ho zur Höchstform auf und denkt nun, sie könne uns wirklich alles zumuten. Sie lässt uns bei einem Hotel aussteigen, in dessen Lobby wir eine Tasse Kaffee trinken können. An sich kann Kaffeetrinken in schicken Hotellobbys eine feine Sache sein. Doch das »Ronghu Hotel« ist weder schick, noch gibt es irgendwo etwas Interessantes. Genauer gesagt liegt es am Arsch der Welt. Frau Ho kann nicht verhindern, dass wir uns einfach abseilen, um zu Fuß an dem durchaus romantisch gestalteten Ranghu-See und dem angrenzenden Shanhu-See entlang zu spazieren. Hier entfaltet Guilin tatsächlich einen gewissen Reiz. Es hat was von einer Disney-Land-Version chinesischer Parklandschaft.
Frau Ho zu verlassen bereitet uns am Abend keine Pein. Sich von unserem Dauerbegleiter Rainer zu trennen hingegen schon. Denn Chinesen dürfen nicht einfach so nach Hongkong einreisen. Also verabschiedet sich Rainer am Flughafen von Guilin von uns und lädt uns alle ein, bei ihm zu wohnen, wenn wir zu den Olympischen Spielen 2008 nach Beijing kommen.
Hongkong
Der Flieger nach Hongkong ist beinahe leer, die Stewardessen sind ausgesprochen hübsch und freundlich. Herr Chang, der uns in Hongkong aufliest, ist riesengroß, steht bestens im Futter und hat voll die Berliner Schnauze, wa, weil er in Balin uffjewachsen is, vaschtehste, wo seine Eltern einst ein Chinarestaurant ihr eigen nannten, knorke Sache, wa. Herr Chang besteht darauf, dass wir ihn Vincent nennen. Das hat einen Van-Gogh-Touch und steht in krassem Kontrast zu seiner stattlichen Statur.
Die Ankunft im »Rosedale on the Park«-Hotel an der Causeway Bay ist für uns alle ein Schock, denn in China konnten wir uns stets in große Zimmer mit üppigen Betten zurückziehen. Doch dieses Hotel hat offenbar in einer Schuhschachtel das Maß aller Dinge erkannt. Kräftig einatmen scheint in den Winzzimmern nicht vorgesehen und mehr als einen Zeh bringt man im Bad nicht unter. Am nächsten Vormittag flehen wir um eine Suite, die zwar 30 Euro mehr kostet, aber dafür immerhin zwei Mikrozimmer und ein begehbares Bad bietet.
Vincent gönnt uns erst vom Victoria Peak einen traumhaften Blick auf Hongkong, dann duscht uns ein Tropengewitter an der Repulse Bay. Wir finden Regenschutz im Tempel der Göttin Tin Hau, der direkt am Strand liegt und mit seinem wüsten Sammelsurium an quietschbunten Götter- und Buddhastatuen Sympathiepunkte sammelt. Die Fotos, die ich hier schieße, belegen später eindrucksvoll, dass meine Kamera sehr wohl farbenfrohe Bilder machen kann.
Hier an der Repulse Bay steht auch das berühmte »Haus mit dem Loch«, und endlich fällt das Zauberwort, auf das einige Mitreisende seit Wochen verzweifelt gewartet haben, das sie herbeigesehnt haben wie die Sahara einen Regenschauer: Feng-Shui. Mit glänzenden Augen saugen nun vor allem die weiblichen Gruppenmitglieder das Feng-Shui-Geheimnis um das Haus mit dem Loch auf. Denn in dem Hügel hinter dem großen Appartementhaus wohnt ein Drache, der jeden Morgen im Meer baden möchte. Um ihm nicht den Weg zu versperren, hat man in dem Haus Feng-Shui wirken lassen und eine Ein- bzw. Ausflugschneise ausgespart. Die profane Erklärung für die architektonisch durchaus reizvolle Lücke im Wohnblock ist übrigens, dass diese Inselseite nicht zu den taifungeschützten Gebieten zählt. Ohne die Aussparung wäre das Gebäude dem Sturm nicht gewachsen und würde umgerissen. Doch solche Erläuterungen möchten Touristen in Hongkong nicht hören, zumal man hier noch abergläubischer ist als in Rest-China. So ist zum Beispiel die Zahl 4 ein Tabu, denn es ist die Todeszahl. Tatsächlich hat unser Hotel weder einen 4. noch einen 14. oder 24. Stock, das heißt, natürlich hat das Gebäude diese Stockwerke, doch sie tauchen nicht auf der Liftknopftafel auf. Offenkundig sind die ortsansässigen Dämonen und bösen Geister zu blöd, um die Stockwerke nachzuzählen und den Zahlenschummel zu entlarven. Natürlich fehlt auch der 13. Stock man kann ja nie wissen. Flugs schwebt man vom 12. in den 15.
Feng-Shui-technisch gibt es zu dem nächsten Programmpunkt, einer Dschunkenfahrt im Hafen von Aberdeen, nicht viel zu sagen. Das riesige schwimmende Restaurant »Jumbo«, das man aus jedem Eastern kennt, beeindruckt nicht wirklich und die paar bewohnten Hausboote, die es noch zu bestaunen gibt, sind nicht sonderlich bestaunenswert. Filmreife Romantik sucht man vergebens, die völlig gesichtslosen Hochhausnadeln (very feng-shui!), die sich am Ufer in den Himmel recken, geben eine eher trostlose Kulisse. Und weil wir so brav waren, entlässt uns Vincent in einen freiverfügbaren Nachmittag. Dem aufmerksamen Leser drängen sich sofort Zweifel auf, denn was ist mit dem TAZ? Sollte ausgerechnet Vincent aus Berlin in Hongkong darauf verzichten? Natürlich nicht. Wir werden in einen höchst suspekten, weil in einem völlig heruntergekommenen Haus liegenden TAZ gezerrt. Wir erleben eine Wiederholung: Jade. Erstaunlicherweise lassen diesmal selbst die üblichen Verdächtigen gähnend ihre Kreditkarten stecken, die Gesichter des Verkaufspersonals sacken zu Boden und wir haben das Trauerspiel schnell hinter uns. Kowloon ruft! Der Bus bringt uns von der Insel Hongkong hinüber aufs Festland. Damit ist die Gruppenreise »Glanzpunkte Chinas« offiziell zu Ende. Wir steigen an der Nathan Road aus und sind frei, frei, frei.
Hongkong, das muss man wirklich sagen, überrascht in einem Punkt sehr positiv: Die Hongkong-Insel ist grün, grün, grün, zumindest jenseits der Hochhausbebauung, die sich auf den Küstenstreifen beschränkt. Der Großteil des hügeligen Eilands ist mit dichten Wäldern bewachsen. Der Teil von Hongkong, der auf der Insel liegt, ist vergleichsweise klein. Und damit wären wir schon bei den zahlreichen Enttäuschungen, die uns Hongkong bereitet hat. Wir hatten zunächst eine Art Super-Bangkok erwartet, da alle von Hongkong und seinen Shoppingmöglichkeiten schwärmen. Gerade die überschaubare Größe ist die Crux, denn die Straßenschluchten sind beängstigend eng, dank der Witterung unerträglich heiß und zu jeder Tages- und Nachtzeit so voller Menschen, dass man keinesfalls Klaustrophobiker sein darf, wenn man hier lebt. Ehe man sich versieht, wird man an der nächsten Straßenecke brutal niedergewuselt und gnadenlos an die Wand gewimmelt. Das gilt erst recht für die verschiedenen Nachtmärkte, die allesamt für Bangkok-verwöhnte Schnäppchenjäger eine herbe Enttäuschung sind. Ob Temple Street oder Ladie’s Market, das Angebot ist vergleichsweise langweilig, die meisten Minuspunkte gibt es jedoch dafür, dass die Fälschungen markentechnisch nicht auf dem angesagtesten Stand sind. Die Fach-Märkte wie der Goldfisch- oder der Vogelmarkt hingegen oder das Wahrsager- und Kartenleger-Areal an der Temple Street sind zumindest pittoresk, reizvoll und durchbummelnswert.
Wer geldig ist, mag die Stadt durchaus als Einkaufsparadies sehen, denn wie auch in Shanghai reiht sich hier Luxusladen an Luxusladen. Da Hongkong aber eine irre hohe Luxussteuer erhebt, sind manche Waren, z. B. ein Mercedes, doppelt so teuer wie in Deutschland. Zugegebenermaßen sind die Touristen, die zum Mercedes-kaufen nach Hongkong fliegen, eher in der Minderzahl. Die meisten wollen iPods oder Walkmen oder Computerspiele. Elektroartikel kosten eins zu eins so viel wie bei uns, wenn man im vertrauenswürdigen Fachgeschäft kauft. Das selbe gilt für Uhren. Spannender und bezahlbarer sind die einheimischen Klamotten-Ketten, die modisch und preislich auf H&M-Niveau liegen, qualitativ aber deutlich darüber. Als kleines Luxus-Guti leisten wir uns dann doch ein T-Shirt im chinesischen Eleganz-Tempel »Shanghai Tang«, dem wohl schönsten Kaufhaus Hongkongs, das von der Einrichtung, dem Angebot, der Atmo und übrigens auch von den Tempeln der inneren Harmonie - her ein wahres Labsal für gestresste Shopper ist.
Nett ist ein Bummel durch die Stoffgeschäfte im Western Market, die die Auswahl an Seiden bieten, die man in China vermisst hat, weshalb wir endlich einkaufstechnisch zuschlagen neue Vorhänge kann man immer mal gebrauchen. Auch nett: ein Spaziergang entlang der Flohmarktstände der Cat-Road und der Antiquitätengeschäfte in der Hollywood Road, oder eine kurze Fahrt auf einem Teilstück der längsten Rolltreppe der Welt, die an der Queens Road beginnt und 800 Meter hinauf zur Conduit Road führt. Besonders nett jedoch ist es, wenn man mit einem Freund verabredet ist, der in einem Luxushotel wie dem »Renaissance Harbour View« residiert, weil man den besuchen und somit der Stadt entfliehen kann. Wenn man dann an einer traumhaften Poollandschaft mit Blick auf den Hafen liegt, kann man die Hektik vergessen und aufhören sich selbst zu ohrfeigen, dass man bei der Hotelbuchung nicht darauf geachtet hat, ob das Hotel auch einen Pool hat (unser »Rosedale on the Park« hat jedenfalls keins).
Abends genießt man dann einen Cocktail in der von Philip Starck gestalteten »Felix«-Bar im legendären »Penninsula«-Hotel in Kowloon. Das »Felix« ist natürlich nur in zweiter Linie für ihre Cocktails berühmt, Hauptattraktion ist seine Herrentoilette (ätsch, Mädels, Pech gehabt!). Dort bestehen die Pissoirs aus kleinen Trichtern, die an einer großen Glasfront mit Blick auf die Stadt angebracht sind. Man steht hoch oben über den Dächern von Kowloon und pinkelt quasi auf die Stadt hinunter. Der freundliche Toilettenmann kennt Touris, die sich nur mal in Pose stellen und dabei fotografieren lassen, zu genüge. Dann gehts per Fähre zurück nach Hongkong. Schnell noch mal bei IKEA in der Fußgängerzone reingeschaut, dort feststellen, dass das Angebot und die Preise identisch mit denen in München sind. Und schon lässt man sich in einfachen Restos mit tosender Aircondition ordentlich durchfrösteln und schlemmt, während man die siebzehnte Grippe bekommt, indisch oder thailändisch, wofür man übrigens ungefähr so viel hinblättern muss wie in München.
Apropos durchfrösteln: Für eine Fahrt in den neuen Linienbussen der Stadt sollte man einen Pelzmantel oder mobilen Heizlüfter mit sich führen. Die Volvo-Busse heißen im Volksmund Tiefkühltruhen, seit ein älterer Mann darin erfroren ist (kein Scherz). Also doch lieber die ungekühlte, doppelstöckige Straßenbahn, die im Zweiminutentakt durch die Schluchten rattert. Sie ist das billigste und schnellste Transportmittel. Die Fahrt kostet unabhängig von der Länge der Strecke immer zwei Hongkong-Dollar, also 20 Cent.
Und noch einmal ein Wort zur Überbevölkerung, denn wer sich zum Thema nichts vorstellen kann, wird in Hongkong restlos aufgeklärt. Die ganz harte Tour kann man an Sonntagen erleben. Dann wird man nicht nur umwuselt, zusätzlich stolpert man im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt über Menschen. Auf allen Bürgersteigen, auf Verkehrsinseln, auf Grünstreifen zwischen sechsspurigen Ausfallstraßen, auf Brücken, in Unterführungen kurz überall, und zwar wirklich überall, auch da, wo man sich nicht vorstellen kann, dass da jemand freiwillig sitzt, hocken von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang unzählige Frauen in Gruppen herum, picknicken, spielen Karten und lassen Babyfotos kreisen. Zunächst wähnen wir uns in einem großen Sitzstreik, irgendeiner Demo. Dann erfahren wir, dass das jeden Sonntag so ist. Sonntags haben die Gastarbeiterinnen aus Taiwan oder von den Philippinen ihren freien Tag. Den verbringen sie mitten auf der Straße mit ihren Freundinnen.
Derart von Menschenmassen angenervt, ist uns dann das Glück auf dem Rückflug um so holder: Wir bekommen ein Up-grade in die Business-Class. Platz! Luft! Raum! Besser kann ein Chinatrip nicht enden. Platz! Luft! Raum! Später, als wir wieder in München sind, genießen wir tagelang den Gang durch die breiten Straßen kaum ein Mensch in Sicht, der Verkehr ist nur ein zartes Flüstern, die Luft riecht nach Luft. Zugegeben, oft nervt es, doch manchmal kann es so verdammt angenehm sein, in einem öden Provinznest zu wohnen.
© Martin Arz, China-Rundreise >KURZFASSUNG FÜR DAS WELTWEITE NETZ<, September 2004